Vor ein paar Wochen habe ich zu Hause in der Küche eine Entdeckung gemacht. Die Entdeckung lag unter dem heruntergeklappten Deckel der Spülmaschine, mitten auf dem Boden, regungslos. Die Entdeckung hat eine Zottelfrisur wie Timo Hildebrand und riesige Füße. Die Füße habe ich zuerst gesehen, sie guckten unter der Klappe der Spülmaschine hervor.

»Lennart«, sagte ich zu meinem 13-jährigen Sohn, »alles in Ordnung?«

»Klar, alles in Ordnung.«

»Was machst du da?«

»Ich chille.«

Sicherheitshalber habe ich mir danach unser Handwörterbuch geschnappt und nachgeschlagen. To chill: kühlen, abkühlen. Im übertragenen Sinne: entspannen. Es passiert jetzt öfter, dass sich mein Sohn irgendwo in der Wohnung fallen lässt und von sich behauptet, er müsse chillen. »Dahinten liegt er schon wieder«, meldet seine 9-jährige Schwester Lara regelmäßig, und wenn ich einen gelassenen Tag erwische, antworte ich ihr: »Lass ihn mal. Er ist gerade wieder in der Pubertät.« Die Wortwechsel an den weniger gelassenen Tagen unterschlage ich.

»Wirtschaft« war Wahlfach, »Politik« war Pflicht: So stimmt die Reihenfolge

Ein Königreich für die Chiller, dachte ich vergangene Woche, als ich Thomas Kerstans Plädoyer für die G8-Reform las, das Abitur nach acht Jahren auf dem Gymnasium (ZEIT Nr. 8/08) . »Es ist also viel Luft im System«, schrieb Kerstan. Viel Luft in der 11. Klasse, viel Luft in der 13. Klasse. Kann sein, das wird schon stimmen. Aber nichts ist verkehrter, als diesem »System« die Luft zu nehmen. Was wollen wir noch alles anstellen, um die Kindheit zu verdichten auf eine luftlose Zeit? Wir müssen lernen, die Luft zu verteidigen gegen die Kompressoren. Wer die Luft verteidigt, wendet sich nicht gegen Leistung und Fortschritt. Er versucht, etwas Elementares zu schützen. Oder würde man einen Menschen, der sich für den Wald einsetzt, einen vertrottelten Faulpelz nennen?

Die Erwachsenen haben zu schnell ihre Kindheit vergessen, so muss es sein, sonst könnte man viele Fehler nicht erklären. Es wird kein Schulfach entrümpelt auf dem verkürzten Weg zum Abitur, der Lehrstoff wird verdichtet, der Druck auf Schüler und Lehrer erhöht. Ein falscher Weg, entstanden aus einer falschen Absicht. Den schönsten Momenten geht in der Kindheit die Langeweile voraus. So sehe ich das, und ich bin in diesem Punkt ganz sicher.

Ich wurde in einem ordentlichen Viertel in Bochum groß, und meine Eltern jaulten manchmal auf, wenn sie mich herumhängen sahen. 1975 kam ich auf ein Gymnasium, da war ich zehn, fast elf. Im Nachhinein muss man sagen: Die meiste Luft im System hatten Leute wie ich. Abitur nach neun Jahren Gymnasium, Mathe nur bis zur 11. Klasse, bloß abwählen, am Ende keine Naturwissenschaft mehr außer Biologie, dafür lustige Referendare mit fusseligen Bärten. In Bonn regierte Helmut Schmidt, in Düsseldorf eine SPD, die das Schimpfwort »Bildungsmafia« als Ehrentitel empfand, weil diese SPD überall stolze Gesamtschulen baute. Unser Ministerpräsident Johannes Rau war der mächtigste Mann im Land, für mich jedenfalls. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ein Ministerpräsident einmal in eine Bedrängnis geraten könnte durch eine Entscheidung von Nokia. Politik war stärker.