Angesichts einer an Dramatik armen westdeutschen Geschichte pflegt die publizistische Öffentlichkeit mit Hingabe den Mythos von 68. Er ist in konträrer Ausführung, in Weiß und in Schwarz, im Angebot: als Ausgangspunkt einer Fundamentalliberalisierung der Bundesrepublik oder als ruchlose Wertezerstörung. Die Gemeinsamkeit der Mythenerzähler liegt jeweils in der grotesken Überhöhung des betrachteten Phänomens. Seit vor dreißig Jahren der Begriff der 68er-Generation aufkam, hat deren schwarz-weiße Thematisierung etliche Konjunkturen erlebt. 1988, im letzten Jahr der alten Bundesrepublik, wollten alle 68er sein, bis hin zu deren zeitgenössischen Gegnern als immerhin »anderen« 68ern. 1993, nach dem Untergang der DDR, besiegte eine inzwischen wieder vergessene »Generation Berlin« die 68er im Feuilleton. 1998 wurde das rot-grüne »Projekt« als später Sieg der 68er angesehen.

Seither knabbern Zeithistoriker am Mythos, das heißt sie historisieren 68. Wichtige Studien von Ingrid Gilcher-Holtey, Wolfgang Kraushaar, Detlef Siegfried und anderen, zuletzt von Norbert Frei, haben gezeigt, dass der Protest, international, in den tiefgreifenden kulturellen Umbruch der langen sechziger Jahre zur postindustriellen Konsumgesellschaft einzubetten ist. Die 68er waren getriebener, treibender und übertreibender Ausdruck davon, gleichzeitig hellwach und realitätsblind. Welchen Anteil die Rebellen von einst an der zivilgesellschaftlichen Modernisierung – vielleicht im Mantel einer List der Geschichte – hatten, darüber wird weiterhin zu streiten sein. Zwar muten die revolutionäre Hybris der Wortführer und erst recht spätere terroristische Abwege heute bizarr an, aber zugleich weist die anhaltende Faszination von 1968 auf Unabgegoltenes hin.

Das diesjährige 68er-Jubiläum wartet mit einigen Erinnerungsbüchern der mittlerweile im Rentenalter angelangten oder kurz davor stehenden Protagonisten auf, die zugleich den Berg subjektiver Quellen für künftige Historiker erhöhen. Wäre Götz Alys Buch hier einzuordnen, entstünde kein Problem, denn individuelle Erfahrungen lassen sich nicht enteignen. Es ist bekannt, dass das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin, die legendäre »Rostlaube«, auf westdeutsche »wehrdienstflüchtige Krawallschwaben« eine besondere Anziehungskraft ausübte und es dort besonders verrückt zuging. Aly (Jahrgang 1947) kam dort im Herbst 1968 an und stilisiert sich nun für die folgenden Jahre zu einem besonders gefährlichen Rädelsführer, der aufgrund eigener Buße auf seine Generation und deren Fellowtraveller hemmungslos einprügeln darf. Nicht nur »der Antialkoholiker und Nichtraucher Dutschke in trunkenem Kampfdeutsch«, der den »dunklen Ton des Hasspredigers« bevorzugte, wird geoutet. Von Agnoli bis Altvater, alle kommen vor den Richtertisch: Antje Vollmer, Thomas Schmid und Christian Semler, »liberale Sympathisanten und Salonbolschewisten« wie »Raddatz, Enzensberger und Sebastian Haffner«.

»Selbstsüchtige Schläue« und »Parasitenstolz« werden den 68ern attestiert, Aly kennt eine »mit 40 Jahren frühpensionierte, vormals kommunistische Lehrerin, die sich bei ehedem vollen Bezügen in eine Landkommune zurückzog«. Solche Invektiven mögen von denen beklatscht werden, deren dumpfe Vorurteile nur hedonistisch-betrügerische 68er existieren lassen. Man fragt sich irritiert, welche Projektionsbedürfnisse Aly leiten, dass selbst die Landnahme der Ex-DDR als Anliegen der von ihm angefeindeten Generation erscheint. Die »postmarxistische Schnatterine«, die sich mit »Konvertiteneifer« auf Stasi-Jagd machte, oder den drittklassigen 68er, der sich eine »Last Minute-Sinekure in Rostock« sicherte – mag es gegeben haben, aber typisch war das nicht. Bis hierhin könnte man sagen, man hielte das alles zwar für verzerrend, aber subjektiv sei eben subjektiv und manches witzig geschrieben. Außerdem ist Aly ja nicht der Erste, der gegen die 68er zu Felde zieht.

Allerdings kommt das assoziationsreich Unser Kampf betitelte Buch zugleich im Gewande strenger Fußnotenwissenschaft daher und beansprucht mit provokativem Gestus eine verallgemeinernde Deutung eng begrenzter Erfahrungen. Die 68er-Bewegung erscheint als »sehr deutscher Spätausläufer des Totalitarismus« und wird zur Generation als homogenem Kollektiv; die 68er, offenbar sämtlich aus Nazifamilien, ähnelten »ihren Eltern, den Dreiunddreißigern, auf elende Weise«, verbanden wie diese »Größenwahn mit kalter Rücksichtslosigkeit«, waren antiamerikanisch und antisemitisch – eine Kontinuitätslinie, die bereits Kommentatoren und Karikaturisten der Bild- Zeitung 1968 bemüht haben und die heute mancherorts modisch wird. Aly riskiert mit seinem Furor des Vergleichs der 33er und 68er seinen Ruf als Kenner des Nationalsozialismus, wenn er die NS-Studentenbewegung als wesensgleich und Baldur von Schirach »mit antiautoritärer Verve« auftreten lässt. Anerkannt wird von Aly als Unterschied zur 68er-Bewegung nur das »glückliche Scheitern der Revolte«.

Als positive Gegengestalten der 68er fungieren bei Aly – neben Bundeskanzler Kiesinger, der sich wegen seiner eigenen NS-Belastung in die Proteste habe einfühlen können – vor allem jüdische Remigranten unter den Professoren der FU, eine Perspektive, die bereits in dem Fernsehfilm Alma mater (1969) angeboten wurde. Es bleibt fraglos verabscheuungswürdig, wie mit Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal (und etlichen anderen), deren Blickwinkel der Autor einzunehmen beansprucht, von studentischen Aktivisten umgesprungen wurde. Allerdings fällt auf, dass Aly mit seinen – tragischen – Helden genauso unkritisch umgeht wie er die Rebellion mit aller Härte verurteilt. Über die konkreten Positionen von deren Gegenspielern erfährt der Leser fast nichts. Eher hat es den Anschein, als wolle sich der Autor ihre schützende moralische Autorität für sein höchst eigenes 68er- bashing leihen. Die schrill konstruierten Thesen, die einige gut geschriebene und bedenkenswerte Passagen überdecken, werden das meinungsstarke, aber analytisch wenig ergiebige Buch zu einem Gesprächsthema auf mancher Party der Altersgenossen in diesem Frühjahr avancieren lassen. Aber dessen Halbwertzeit, so viel lässt sich prognostizieren, wird kurz ausfallen.

Axel Schildt ist Professor für Neuere Geschichte und Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg