Guten Tag, Frau Möller, wie können wir Ihnen helfen?« Die 89-Jährige wohnt allein in ihrer Zweizimmerwohnung in einer holsteinischen Kleinstadt. Wenn sie auf den roten Knopf an ihrem Armband drückt, meldet sich eine menschliche Stimme aus einem grauen Kasten neben der Wohnungstür. Darin stecken ein Lautsprecher und ein Mikrofon, das die Antwort auch dann versteht, wenn Maria Möller im Bad ausgerutscht ist und alleine nicht wieder aufstehen kann. »Machen Sie sich keine Sorgen«, ruft ihr die Stimme aus dem Kasten dann zu, »eine Mitarbeiterin der Diakonie ist gleich bei Ihnen.«

In Deutschland sind 350.000 Senioren an ein solches Notrufsystem angeschlossen. Es ist die erste Anwendung einer ganzen Palette neuer Technologien, die unter dem Namen ambient assisted living entwickelt werden. Der sperrige Begriff, der auf Deutsch noch am besten als »Leben in unterstützender Umgebung« umschrieben werden kann, hat eine eingängige Abkürzung: AAL. Es geht dabei um Technik, die es gebrechlichen und kranken Menschen ermöglichen soll, möglichst lange ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden zu führen.

Eine Matratze, die Atmung und Herzfrequenz misst und an den Hausarzt übermittelt, ein in den Fernseher integrierter virtueller Butler, der Korrespondenz und Bankgeschäfte erledigt und auf Zuruf eine Videoverbindung zu Pflegepersonal oder Verwandten herstellt, eine Toilette, die Blutzucker misst und drahtlos eine implantierte Insulinpumpe steuert, ein Teppich, der Alarm auslöst, wenn ein Mensch auf ihm nicht steht, sondern liegt – an Ideen mangelt es den AAL-Entwicklern nicht.

Auch am wachsenden Bedarf gibt es keinen Zweifel. Heute kommen auf 100 Erwerbstätige sieben Pflegebedürftige, im Jahr 2050 sollen es 26 sein. Ohne den massiven Einsatz von Technik wird sich die Betreuung dann nicht mehr bewältigen lassen, meint Stefan Jähnichen. Der Präsident der Gesellschaft für Informatik schreibt in einer Studie: »Erlaubt intelligente AAL-Technologie älteren Menschen, länger unabhängig zu leben, leistet sie auch einen Beitrag zum Frieden zwischen den Generationen.«

Auftraggeber des Papiers war der Verband der Elektrotechnik (VDE). Die Technik-Lobbyvereinigung hat Ende Januar den ersten deutschen AAL-Kongress ausgerichtet. Mit knapp 400 Teilnehmern war die Berliner Veranstaltung schon Wochen vor Beginn ausgebucht. Es lockt ein riesiger Zukunftsmarkt. Auf über zehn Milliarden Euro werde er in den nächsten zehn Jahren wachsen, schätzt Hans Heinz Zimmer, Präsident des VDE, und stellt fest: »Unsere Senioren sind Innovationstreiber.«

In der Praxis zeigt sich das allerdings noch nicht. Hausnotrufsysteme gibt es schon seit 20 Jahren, und bis heute sind sie die einzige AAL-Anwendung, die es tatsächlich zur Marktreife gebracht hat. Was aber hat der rote Knopf, das all den anderen Ideen noch fehlt? Bedienung und Installation sind einfach. Seit der Notruf nicht mehr an einer hässlichen Kette vor der Brust, sondern unauffällig an einem Armband getragen werden kann, stimmt auch das Design. Bei technischen Problemen gibt es im Pflegedienst einen Ansprechpartner mit menschlichem Gesicht. Der große Nutzen hat sich herumgesprochen. Und nicht zuletzt ist dieser Service auch mit kleiner Rente bezahlbar. Rund 30 Euro im Monat kostet der Anschluss an ein Notrufsystem, knapp 20 davon übernimmt die Pflegekasse.

»Wir haben in den letzten fünf Jahren gelernt, dass wir nur mit Demut vorankommen«, sagt Matthias Brucke vom Oldenburger Offis Institut für Informatik. Vieles, was die technischen Tüftler erfinden, erweist sich im Gespräch mit der potenziellen Kundschaft als Flop. Regelmäßig führt Brucke deshalb Seniorengruppen durch die Laborwohnung, die er am Oldenburger Institut eingerichtet hat. »Als Erstes wird Ihnen auffallen, dass Ihnen gar nichts auffällt«, sagt er zur Begrüßung. Tatsächlich sehen Küchenzeile, Sitzgruppe und Schlafecke in dem mit AAL-Technik vollgestopften Raum nicht anders aus als in jedem x-beliebigen Ein-Zimmer-Appartement.

Doch schon ein Druck auf den Klingelknopf versetzt die versteckt schlummernde Technik in Aktion. Das Licht am Eingang geht an, auf dem Fernseher erscheint ein Videobild des Besuchers, eine Datenbank erkennt, dass es sich um die Tochter handelt, und öffnet die Tür. Wenig später wird das Fernsehprogramm schon wieder unterbrochen. Eine freundliche junge Frau erinnert an die 12-Uhr-Tabletten. Der Sensor im Medizinschränkchen hat in der letzten halben Stunde keine Bewegung festgestellt und die Meldung ausgelöst.

Viele der betagten Besucher schütteln skeptisch den Kopf. »Ist das Zimmer hier nicht total verstrahlt?«, lautet die erste Frage. »Da kann ich Sie beruhigen«, sagt Matthias Brucke. Mit Bus-Systemen, so nennen Informatiker die Komplettvernetzung, kennt er sich aus, wohnt er doch selber in einem »Smart Home«, das Heizung, Licht und Lüftung elektronisch steuert. »Hier haben wir sogar weniger elektromagnetische Strahlung als in einer normalen Wohnung.« Auf den Einsatz drahtloser Technik wurde bewusst verzichtet. Nicht aus Angst vor Elektrosmog, sondern aus einer ganz praktischen Erwägung heraus: »Es ergibt doch keinen Sinn, wenn man alle paar Monate auf eine Leiter steigen muss, um die Batterien in den Sturzsensoren auszuwechseln.«

Inzwischen haben sich die Senioren genauer in der Laborwohnung umgesehen. »Diese Videokameras überall, da würde ich mich total überwacht fühlen«, meint eine Besucherin. Auch der Kabelsalat unter dem Bett stößt nicht auf Gegenliebe: »Technische Hilfen schön und gut – aber wohnlich muss es schon sein.«

»Deutsche sind technikskeptisch«, sagt Matthias Brucke, »Assistenzsysteme akzeptieren sie nur, wenn man so wenig wie möglich davon sieht.« In den USA und vor allem in Japan ist das ganz anders. In der Heimat von Nintendo und Tamagotchi haben Roboter längst einen festen Platz in der Altenpflege erobert. Sie waschen, putzen, helfen beim Aufstehen, kochen und servieren Kaffee und stöpseln sich an eine Steckdose, wenn ihr Akku schwach wird. Dabei dürfen sie durchaus menschlich aussehen. Sogenannte Sozialroboter können singen, tanzen, reißen Witze, führen kleine Gespräche und schnurren, wenn man sie streichelt.

»In Schintoismus und Buddhismus haben auch die Dinge eine Seele«, erklärt die Heidelberger Altersforscherin Heidrun Mollenkopf die ostasiatische Technikbegeisterung. »Wir empfinden es dagegen als unnatürlich, geradezu unmenschlich, wenn uns statt eines Menschen eine Maschine hilft.« Bisher haben wir auch noch die Wahl. Denn anders als in Japan, wo trotz Überalterung kaum ausländische Arbeitskräfte ins Land gelassen werden, haben in Deutschland inzwischen weit über 100.000 halb legal beschäftigte Frauen aus Polen und der Ukraine die häusliche Altenpflege übernommen. Doch mit der Osterweiterung der EU wird das auf Dauer so nicht mehr funktionieren.

»Spätestens 2020 sind wir mit dem demografischen Absturz konfrontiert«, sagt Gerhard Finking voraus. Er ist im Bundesforschungsministerium für die Koordination der AAL-Entwicklung zuständig. 20 Millionen Euro stehen ihm dafür in den nächsten drei Jahren zur Verfügung. Weitere 340 Millionen Euro will die EU bis 2013 dafür ausgeben. Der Schwerpunkt liegt in der Medizin. Nicht Grundlagenforschung, sondern die Entwicklung marktfähiger Produkte soll gefördert werden. Lernfähige Hörgeräte gehören ebenso dazu wie die sogenannte Tele-Reha, bei der Übungen per Videokonferenz angeleitet werden. Den Einsatz von Pflegerobotern etwa für das Umbetten oder das Wechseln der Bettwäsche hielt die Mehrheit von 200 vom Karlsruher Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung befragten Experten dagegen für »nicht wünschenswert«.

Neben dem Oldenburger Seniorenappartement gibt es neun weitere sogenannte Living Labs in Deutschland, in denen AAL praxisnah erprobt werden kann. Jedes verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Während in Hattingen zum Beispiel die vergessene Herdplatte einfach ausgeschaltet wird, sobald der Mieter die Wohnung verlässt, bekommt er in Oldenburg lediglich das Geräusch überkochender Milch zu hören. »Wir wollen damit die Eigenverantwortung stärken«, erklärt Matthias Brucke. Wer sich zu sehr an automatische Systeme gewöhnt, verlernt, selbst auf sich aufzupassen. Technik kann Selbstständigkeit fördern, aber auch entmündigen.

Demnächst wollen sich die verschiedenen Living Labs zu einem virtuellen Mietshaus zusammenschließen. Dort kann dann auch erprobt werden, woran es auf der technischen Seite noch am meisten hapert: Interoperabilität. Bisher werkelt jeder Hersteller allein vor sich hin. So kann der Powerline-Herd von Miele zwar auf einem Display darüber informieren, dass die Miele-Waschmaschine fertig geschleudert hat, eine Siemens-Fernbedienung kann ihn aber nicht ausschalten. Noch schlimmer ist es in der Medizintechnik. »Wir brauchen dringend einen offenen Standard für den Datenaustausch«, fordert Brucke. Erst dann könnten Assistenzgeräte je nach Bedarf zusammengestellt werden. »One size fits all – das funktioniert nicht«, hat der Oldenburger Informatiker gelernt, »im Alter gibt es eine ausgeprägte Individualisierung.«

Völlig unklar ist die Finanzierung der schönen neuen Welt technischer Assistenzsysteme. Der Hausnotruf ist bisher die einzige von den Kassen anerkannte Leistung. Rund 5.000 Euro kostet die elektronische Komplettvernetzung einer Wohnung, und sie ist die Voraussetzung vieler AAL-Techniken. Nur wenige Rentner wären wohl bereit und in der Lage, das aus eigener Tasche zu zahlen. Beginnen wird das AAL-Zeitalter deshalb mit Insellösungen.

»Das Einfallstor sind die Baumärkte«, sagt Matthias Brucke. Unter dem Bett der Laborwohnung hat er eine Lampe mit Bewegungsmelder installiert, die den nächtlichen Weg zur Toilette dezent erhellt, den Rest des Zimmers aber dunkel und den Partner schlafen lässt. Auch junge Leute könnte so etwas interessieren. Das Gleiche gilt für den Staubsauger, der sich ganz von allein über die Teppichböden bewegt. »Erinnerungsfunktionen sind nicht nur für Demente nützlich«, hat Brucke festgestellt. Erst wenn die Jugend eine Technik schick findet, wird sie auch für Alte attraktiv. Früher war das Einkaufswägelchen stigmatisierend; seit die JetsetGeneration mit Trolleys durch die Flughäfen zieht, muss niemand mehr aus Angst vor dem Stigma eine schwere Tasche schleppen. Nicht Seniorengeräte, sondern design for all heißt das Stichwort.

Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie an der Berliner Charité, wendet sich gegen ein Vorurteil, das sie immer zu hören bekommt: »Die Alten können sehr wohl mit der Technik umgehen, mit etwas Unterstützung ist die Bedienung auch für 80-Jährige kein Problem.« Außerdem wird AAL-Technik, die in zehn Jahren marktreif ist, den heute 55-Jährigen dienen. Die gehören schon zur Google-Generation, für die Computer, Internet und Drahtloskommunikation selbstverständlich sind. Verheddern sie sich in einem Menübaum, finden sie nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum auch wieder heraus. Und sie haben gelernt, wie man Elektronik überlistet. »Niemand will einen Big Brother«, sagt Bruckes Kollege Jochen Meyer, »ein System, das gegen Austrocknung regelmäßig zum Trinken auffordert, muss betrogen werden können, indem man zum Beispiel ein Glas füllt, es dann aber in den Ausguss schüttet.«