DIE ZEIT: Herr Döpfner, die Wirtschaftselite verliert an Legitimation, und die Politik erlebt einen Linksrutsch. Hängt das zusammen?

Mathias Döpfner: Wie so vieles hängt auch das miteinander zusammen. Wirtschaftsführer haben eine Vorbildfunktion, genauso wie politische oder intellektuelle Eliten. Und wenn sie diese Funktion nicht erfüllen, werden sie zu Recht kritisiert.

ZEIT: Was haben die marktwirtschaftlich orientierten Kräfte denn falsch gemacht, dass nun so ein Linksruck entsteht?

Döpfner: Vorsicht! Es ist falsch, den marktwirtschaftlichen Kräften oder der Marktwirtschaft an sich die Schuld zu geben. Der Fehler ist, dass viele Vertreter der Marktwirtschaft ihre Sache nicht selbstbewusst genug vertreten. Wir brauchen nicht weniger Marktwirtschaft, sondern mehr Freiheit. Es ist durch nichts zu entschuldigen oder zu relativieren, wenn irgendwer in Deutschland Steuern hinterzieht – das gilt für das Heer der Schwarzarbeiter, die zu einem volkswirtschaftlichen Verlust von etwa 100 Milliarden Euro im Jahr beitragen, genauso wie für Wirtschaftseliten, die damit auch noch ihre Vorbildfunktion verletzen. Klar ist aber auch: Das Steuersystem ist zu schwierig. Und die Steuern sind zu hoch. Vor ein paar Jahrhunderten brachen Revolutionen aus, weil man den Leuten den Zehnten nahm. Heute nimmt der Staat die Hälfte. Es gab jemanden, der ein gutes Rezept hatte und dann von der eigenen Partei fallen gelassen wurde, Paul Kirchhof

ZEIT: …der 2005 im Schattenkabinett von Angela Merkel die Idee vertrat, alle Einnahmen mit einer Steuer von 25 Prozent zu belegen.

Döpfner: Wäre das Konzept umgesetzt worden, gäbe es solchen Steuerbetrug wie bisher gar nicht mehr. Denn Steuern könnten dann nicht mehr vermieden werden durch Absetzen, und die Steuerflucht lohnte sich kaum noch. Statt nach höheren Steuern sollte man jetzt nach ihrer Vereinfachung rufen. Eine zweite falsche Konsequenz wäre es, zu sagen, wir müssen den Kapitalismus an die Leine nehmen und für eine diffuse soziale Wärme sorgen. Die Figuren und Unternehmen, die hier moralisch gescheitert sind, repräsentieren das alte deutsche Modell des sozialen Konsenses, das in Wahrheit asozial ist. Die Deutsche Post, Siemens, VW, das sind die großen Vertreter des Kapitalismus mit sozialem Antlitz. Diese Position ist in weiten Teilen leider unaufrichtig und führt zu diesen verschwurbelten Netzwerken zwischen Betriebsräten, mitbestimmenden Aufsichtsräten und PR-fixierten Unternehmensführern. Sie schaden am Ende den Arbeitnehmern und Geringverdienern im Land.

ZEIT: Das geht vor allem gegen Ihren ehemaligen Gegner von der Post, Klaus Zumwinkel. Aber die Wahrnehmung der Mehrheit der Bürger ist eine ganz andere: Die Politik und die Gesellschaft haben viel getan, um die Forderungen der Wirtschaftselite zu erfüllen…