Knallgelb lag das Buch da, in sehr geraden schwarzen Buchstaben stand darauf der Titel No One Belongs Here More Than You, und schon nach ein paar Seiten war klar: Hier ist ein Ton, hier ist eine Sprache, hier ist eine Autorin, die klug ist und brutal und witzig und dabei von solch einer Verletzlichkeit, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte, in der Literatur am allerwenigsten. Stories by Miranda July stand noch auf dem Cover. Ich hatte keine Ahnung, wer die Autorin war; ich wusste nicht, dass »Miranda July« in Amerika längst das Mantra der Eingeweihten war, der Hipster und der fortgeschrittenen Sinnsucher.

Das ist ein knappes Jahr her. Jetzt erscheint Miranda Julys Geschichtensammlung auf Deutsch, und alles ist anders und ist doch gleich. Anders ist, dass das Buch in der eierschalenfarbenen Einheitsverpackung des Diogenes Verlags und mit dem strengen Titel Zehn Wahrheiten nicht mehr ganz so anarchisch wirkt und auch nicht so zart und frei und cool; gleich ist, dass Miranda July es schafft, solche Leute anzusprechen, die sich für Literatur begeistern, aber bitte auf der Höhe der Zeit; und solche, die sich für Lebenshilfe interessieren, aber bitte mit Niveau. Miranda July ist der Brückenschlag gelungen zwischen dem New Yorker und der Brigitte – im Grunde ist sie damit die ideale Autorin für die Leser der ZEIT.

»Meine Geschichten sind ja fast wie Cartoons«, sagt sie, die Augen so groß wie auf den Fotos, die all die schicken Magazine drucken; ihr Wesen nicht ganz so verweht, wie es zu erwarten war. Eher sehr präsent, sehr aufmerksam, vor allem sehr freundlich, wie sie da in dem marokkanischen Café Casbah sitzt, in Los Angeles, im Stadtteil Silverlake, wo genau die Wohlfühlboheme lebt, die Miranda July verehrt und feiert – für ihre Balanceprosa, mit der sie, triptriptrip, die Hohlräume erkundet, die eine ruhmesgeile, ruhmesmüde Gesellschaft, nicht nur in Amerika, geschaffen hat. Es sind die Keller dieser Society, die July ausleuchtet, Dunkelkammern, die vor emotionaler Leere geradezu gähnen, und so spielerisch und sicher, wie sie das tut, hat sie das Genre der Kurzgeschichte für unsere Zeit neu erfunden.

Miranda July hat ein einfaches Motto: Weniger denken, mehr fühlen

Wenn man sie dann fragt, nach dem Leben und dem Schreiben und all den mittelalten, übergewichtigen, verlassenen Frauen oder den jungen, scheuen, sehnsüchtigen Frauen oder den einsamen, verstörten, älteren Männern und all den anderen seltsamen und leicht deplatzierten Außenseitern, denen sie ihre Stimme leiht und die sie in ihren Geschichten so schonungslos wie würdevoll ins Dasein zurückholt – dann sagt sie, dass sie sich manchmal wie ein groteskes Monster fühle und manchmal wie ein sanfter Derwisch bei dem, was sie tue; dass sie so grausam und so zärtlich sei, wie es die Figuren erforderten; und dass sie beim Schreiben ein einfaches Motto habe: »Weniger denken, mehr fühlen«.

Es ist ein Extremismus der Gefühle, den sie in Zehn Wahrheiten vorführt, zwischen Depression, Euphorie, Selbstbetrug und Weltanmaßung, und gelingen kann das nur, weil sie dabei eine Sprache verwendet, die sich in ihrer fast spröden Klarheit jedem emotionalen Klischee widersetzt; und dass sie Geschichten erzählt, die außerhalb alles Erwartbaren liegen. Und auch knapp jenseits aller Erfahrung.

Sie erzählt postmoderne Haikus: Traurig, tröstlich und scheinbar naiv