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Ich war schon einmal in Liechtenstein, das müsste etwa 10.000 Kilometer her sein, zum Tanken. Bis dahin wusste ich so gut wie nichts über das Land, ich hätte sogar meine rechte Hand darauf verwettet, dass es sich nur mit i wie »Licht« schreibt, und es anschließend mit der verbleibenden Linken auf einer Europakarte in der Nähe des Lago Maggiore eingezeichnet. Dafür wäre es zur Freude der Liechtensteiner mindestens dreimal so groß gewesen.

Vom Tankausflug selbst ist mir nur ein rundes Schild mit Wappen in Erinnerung geblieben, das im Vorbeifahren zunächst wirkte wie eine Werbung für Feldschlösschen-Bier; das war die Grenze. Hinter dieser veränderte sich dann außer den Kennzeichen der Autos wenig. Die Währung blieb gleich (weiterhin Schweizer Franken), genau wie die Landschaft (weiterhin Rhein links, Berge rechts) und das Schweizerdeutsch (weiterhin unverständlich).

Ich wollte noch einmal nach Liechtenstein. Denn seit der Finanzaffäre frage ich mich, ob Steuern hinterziehen und billig tanken wirklich als einzige Reisegründe für Liechtenstein sprechen.

Der Hauptort Liechtensteins heißt Vaduz, 5000 Einwohner groß. Kaum angekommen, befallen mich Zweifel: Vielleicht ist der Zeitpunkt für einen Besuch etwas unglücklich gewählt; die Nerven sind angespannt im Fürstentum. Im Café Amann scheint die Frage nach der Spezialität des Hauses bereits in die gleiche Brisanzstufe wie die nach geheimen Konten aufgerückt zu sein. Jedenfalls sieht sich die Bedienung zu Geheimhaltung verpflichtet, klappt die türkis geschminkten Augenlider puppengleich herunter und sagt mit einem Stöhnen: »Es schmeckt alles gleich gut hier!« Am Nachbartisch sitzen unterdessen drei ältere Damen auf fliederfarbenen Stühlen, blicken durch identische Brillen auf identische Torte und monieren: »Draußen ist der Teufel los!«

Vom Teufel haben Liechtensteiner Seniorinnen eine Vorstellung, die wesentlich vom Teufelsbild anderer Kulturen abweicht. In Vaduz bezeichnet es an diesem Tag Kleingruppen aus zumeist drei Personen. Fernsehteams sind es, die sich vor dem kubusförmigen Kunstmuseum aus schwarzem Basalt postieren und die wenigen Touristen befragen, was ihnen zu Liechtenstein einfalle, »jetzt mal außer Steuerhinterziehung, natürlich«. Die Einheimischen verlangsamen da neugierig ihren Schritt, weil sie am liebsten sofort selbst vor die Kamera treten und im Quiztempo runterrattern würden: Grauspitz, höchster Berg (2599 Meter), elf Ortschaften, Jahresdurchschnittstemperatur 10,4 Grad, 35.168 Einwohner, Arbeitslosenquote 3,3 Prozent, keine Staatsschulden, 10 Prozent Siedlungsfläche, umgerechnet auf die Einwohner das höchstindustrialisierte Land der Welt, eine Rolltreppe. Ausländer tun sich dagegen schwer. Den vermutlich kürzesten O-Ton gebe ich. »Keine Interviews!«, sage ich und winke ab, was so verdächtig erscheint, dass mir der Kameramann sofort hinterherschwenkt.

Champagner wird im Neoprenanzug serviert

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Eine Zeit lang schlendere ich durch Vaduz. Die Fußgängerzone ist enttäuschend, ein bisschen wie ein Outlet-Center mit Kundenmangel. Dafür gibt es viele Parkplätze und für die vereinsbegeisterten Liechtensteiner genügend Versammlungsfläche. Im Vaduzer-Saal, zum Beispiel, ereiferte sich noch kurz zuvor Erbprinz Alois in einer Pressekonferenz über Deutschland. Dabei sind die Liechtensteiner eigentlich ein friedliebendes Volk. 1866 zogen sie das letzte Mal in den Krieg, mit 80 Mann rückten sie gegen die Italiener aus. Mit 81 Mann kehrten sie heim – unterwegs hatte man sich angefreundet. Kurz darauf löste der Fürst seine Armee auf; heute schießt der Liechtensteiner allenfalls noch mit Schneekanonen.

Das Schloss des Fürsten ist zweifelsfrei das imposanteste Gebäude von Vaduz, auf einem Felsvorsprung thront es über der Stadt. Noch immer wohnt die gesamte Regentenfamilie in dem über 800 Jahre alten Gebäude. Weht die Fahne überm Schloss, bedeutet das: Fürst da. Fahne runter: Fürst weg. Oder, wie heute, Baukran überm Schloss: Fürst baut.

Zu besichtigen ist die Anlage nicht, aber ein hübscher, von gefrorenen Rinnsalen überzogener Weg führt zu ihr hinauf. Von dort fällt der Blick auf den silbrig schimmernden Rhein und schneebedeckte Berge, über denen die Kondensstreifen der Flugzeuge wie straff gespannte Girlanden hängen.

Das Land scheint schöner zu sein als der Hauptort, denke ich. Daher fahre ich kurz darauf vorsichtig und den Kopf weit übers Steuer gereckt stadtauswärts; schließlich will man nicht versehentlich einen der Kameramänner überfahren, die auf den Straßen knien, um die Logos und Namenszüge der Banken abzufilmen.

Mein Ausflug verliert leider schnell an Reiz, da ich mich kaum als Urlauber, sondern eher wie im Besuchsprogramm für Wirtschaftsdelegierte fühle – wo ich malerisches Alpenpanorama erwartet hatte, sehe ich nur gewaltige Hallenkomplexe, und statt zu jahrhundertealten Sehenswürdigkeiten führen die Wegweiser am Straßenrand zu Liechtensteins Attraktionen der Moderne – Hilti, Hermaplast, Ivoclar Vivadent.

Da ich die Kleinheit des Landes unterschätzt habe (24,8 Kilometer lang, maximal 12,4 Kilometer breit), stehe ich knapp zwei Stunden später wieder an meinem Ausgangspunkt. Erneut spaziere ich im Zentrum von Vaduz umher. Als ich nach 30 Minuten zum vermutlich zwölften Mal an Urs Portmann, Cigars & Tabac, und dem Unterwäschegeschäft Palmers vorübergehe und schon kurz davor bin, mir einen BH zu kaufen, setze ich mich etwas ratlos in ein Bistro. Um mich herum gebräunte John-de-Mol-Doppelgänger und junge Damen im Business-Kostüm. Kurz liebäugele ich mit dem Champagner Fondée, von dem es in der Karte heißt: »Die Flasche wird im Neopren-Anzug serviert.« Auf Nachfrage erfahre ich, dass der Champagner und nicht die Bedienung den Anzug trägt, daher entscheide ich mich für einen Kaffee. Der hat die ausreichende Größe, um zum Schluss zu kommen: Für mein weiteres Programm brauche ich professionelle Beratung.

Am Kiosk in Malbun gibt es Stoffbernhardiner mit Sonnenhut

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Der Teufel ist in Vaduz nicht überall los, vor allem nicht dort, wo ihn Liechtensteiner eventuell gern sehen würden. In der Touristen-Information scheint er sogar in Tiefschlaf versunken. Dabei drücke sie an manchen Sommertagen mehr als 400 Besuchern den Landesstempel in den Reisepass, erzählt die junge Dame hinterm Tresen; zum vermutlich begehrtesten Souvenir des Landes ist der Stempel geworden, seit es ihn an der Grenze nicht mehr gibt. Wie viele sie heute schon vergeben habe? Da rollen die Augen der Dame einmal nach links und einmal nach rechts. »Keinen«, sagt sie dann. Nachweise, in Liechtenstein gewesen zu sein, möchte man derzeit offenbar lieber loswerden als bekommen. Dabei hat es der Tourismus im Land schon ohne Steuerskandal schwer genug: Statistisch gesehen, bleibt jeder Besucher knapp zwei Tage. Den Schnitt senken vor allem die Busgruppen, die auf ihrer Durchreise von Österreich in die Schweiz nicht selten nur eine halbe Stunde Aufenthalt einplanen. Auf Toilette gehen, Stempel holen, weiterfahren. Aber auch von Prominenten profitiert das Land nur begrenzt: Johann Wolfgang von Goethe, zum Beispiel, verbrachte 1788 auf seiner Rückreise aus Italien lediglich eine Nacht in Vaduz (zudem nicht im Hotel, sondern kostenfrei beim Fürsten), während Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1985 sogar noch am selben Tag abreiste: morgens kommen, Predigt halten, Mittagessen, Gespräch mit Jugendlichen – dann Abreise. Ob mit oder ohne Stempel, ist ungeklärt.

Aber was soll der Besucher auch unternehmen im Land? »In Museen gehen!?«, sagt die Tourismusdame, als sei sie sich selbst nicht sicher, und zeichnet auf dem Stadtplan die Orte ein, die ich anschließend in sturer Amüsierwilligkeit abarbeite: Landes- und Kunstmuseum, sogar im Briefmarkenmuseum verbringe ich so viel Zeit, bis ich die Welt nur noch umrahmt von Zacken sehe. Meine Tour endet am Ski- und Wintersportmuseum, vor dem der grauhaarige Direktor wie ein arbeitsloser Liftwart in der Sonne sitzt. Auf drei Etagen hat Noldi Beck mit großen, schwieligen Händen zusammengetragen, was er in über 18 Jahren als Skirennfahrer, Skitester und Servicemann vom Liechtensteiner Ski-As Hanni Wenzel finden konnte – Schlittschuhe aus dem 19. Jahrhundert, Maschinen zum Biegen von Skispitzen, Schneeschuhe, Gletscherbrillen. Viele Fotos, einige auch aus Malbun, dem einzigen Wintersportort des Landes. »Den sollten Sie sich ansehen, ausgezeichnete Pisten!«, sagt Beck in dunklem, warmem Singsang. Ob ich mir irgendwo passende Ausrüstung leihen könne, frage ich. Da stellt sich der Direktor unauffällig schützend vor Hanni Wenzels Olympia-Abfahrtsanzug. »Bekommen Sie alles vor Ort.«

Der Weg nach Malbun ist vielversprechend, ein Band aus nicht enden wollenden Serpentinen. Den Ausblick ins Tal kann allerdings nur genießen, wer in einem PS-starken Auto unterwegs ist und sich nicht wie ich in würdeloser Jagd von einem Konvoi aus Mercedes und Porsche Cayenne den Berg hochtreiben lassen muss. Durch einen Tunnel auf die andere Seite der Berge und vorbei am beschaulichen Dorf Steeg, einer Ansammlung traditioneller Holzhäuser, dann endet die Straße auf etwa 1600 Metern. Malbun ist aber keineswegs so mondän, wie die Autos meiner Verfolger vermuten ließen. Keine Pelzjacken, keine geschminkten Lippen. Stattdessen familiäre Atmosphäre und Kinder, die beharrlich drängeln, weil ihnen ein Leben ohne Stoffbernhardiner mit Sonnenhut vom Kiosk unvorstellbar scheint.

Mit dem Sessellift fahre ich hinauf aufs Sareiserjoch, bis auf 2000 Meter Höhe, und dann – was für ein Panorama, was für ein Kontrast zur Tristesse im Tal: Fast zerbrechlich liegt Malbun am Fuß des gewaltigen alpinen Kessels, die Häuser wie willkürlich über Ebene und Hänge verteilt. Vereinzelt ragen Bäume aus dem Weiß, so zart aus der Distanz, als wären es in den Schnee gesteckte Zweige. Zwischen den Skifahrern, die im Robotergang Getränke und Suppenteller auf ihren Tabletts jonglieren, suche ich mir auf der Berghütte einen Platz mit Aussicht, bekomme Kaiserschmarrn und Sonnenbrand und sitze lange und zufrieden da.

Zurück in Vaduz, kehre ich zum Abschluss meiner Reise im Adler ein, einem bodenständigen, traditionsreichen Gasthaus. Ich bestelle Käsknöpfle mit Apfelmus. Sie schmecken ganz ausgezeichnet. Wäre ich vor Jahren schon mal in den Genuss gekommen, hätte ich wohl jedem Steuerhinterzieher geraten, sich freiwillig in Liechtenstein inhaftieren zu lassen. Denn weil es so klein und stets unterbelegt war, hatte das einzige Gefängnis des Landes noch bis vor Kurzem den Adler mit der Lieferung des Essens beauftragt. Nun wurde nicht à la carte gekocht, aber offenbar doch zur Zufriedenheit der Insassen. Von einem entflohenen Häftling erhielt der damalige Tourismusdirektor kurz nach dessen Ausbruch Post. »Meine Tage bei Ihnen waren die schönsten meines Lebens«, schrieb der Franzose. »Allerdings komme ich trotzdem nicht zurück.«