Was ist für Sie schlechtes Wetter?

Wenn es sich nicht ändert, langweilt es mich. Aber das kommt selten vor. Auch ein wolkenloser Himmel ändert seine Farbe, und die Sonnenuntergänge können sehr verschieden sein. Dann weiß man als Meteorologe: Die Aerosolkonzentration hat sich geändert. Allein das Zugucken ist immer spannend.

Was hat der Meteorologie den größten Durchbruch gebracht?

Es gibt Schlüsseltechnologien, ohne die wir nicht arbeiten könnten. Die wichtigste ist die Erfindung der Telegrafie. Um eine Wettervorhersage machen zu können, ist der Austausch von Beobachtungsdaten in nahezu Echtzeit unverzichtbar.

Was war die wichtigste Erkenntnis der Meteorologie in den vergangenen Jahrzehnten?

Der Beweis, den Edward Lorenz 1963 dafür erbracht hat, dass die Vorhersagbarkeit der Atmosphäre als chaotisches System grundsätzlich beschränkt ist. Die Fehlerwahrscheinlichkeit einer Vorhersage nimmt mit der Zeit zu – und nach einer bestimmten Zeit ist die Prognose unbrauchbar.

Welche große Herausforderung steht der Meteorologie derzeit bevor?

Die numerische Kürzestfristvorhersage. Da die computergestützten Berechnungen sehr aufwendig sind, können wir sie bisher erst einige Stunden nach Beobachtungsbeginn für die Wettervorhersage zur Verfügung stellen. Alle kurzfristigeren Prognosen beruhen auf subjektiven Einschätzungen und Rückschlüssen aus der aktuellen Wetterlage. Für einen sehr kurzen Zeitraum funktioniert das auch gut. Aber dann haben wir eine Lücke von einigen Stunden, bis die numerische Wettervorhersage greift. Und diese Lücke müssen wir schließen. Dafür brauchen wir nicht nur enorme Rechnerkapazität, sondern auch eine Weiterentwicklung unserer mathematischen Modelle.

Und dann sagen Sie exakt voraus, wann das Gewitter meine Gartenparty beendet?

Nein, das werden wir nie schaffen. Wir können nur Wahrscheinlichkeiten angeben. Darin liegt sowieso die Zukunft der Wettervorhersage.

In der deutschen Öffentlichkeit ist das Konzept noch nicht angekommen. Die "Tagesschau" liefert uns jeden Abend eine Viertagevoraussage; über deren Zuverlässigkeit erfahren wir nichts.

Es ist sehr schwierig, Wahrscheinlichkeiten öffentlich zu vermitteln. Aber man hört schon manchmal, dass die Niederschlagswahrscheinlichkeit 20 Prozent beträgt.

Muss ich dann einen Schirm mitnehmen?

Das ist genau das Problem. Die Nutzung einer solchen Information ergibt nur einen Sinn, wenn der Nutzer seine Entscheidungskriterien kennt. Jemand, der auf keinen Fall nasse Flecken auf der Kleidung will, sollte besser einen Schirm einpacken, wem das egal ist, der kann ihn zu Hause lassen.

Was wissen Sie, ohne es beweisen zu können?

In der Atmosphäre wiederholt sich nichts. Das Wetter von heute wird es kein zweites Mal geben.

Wie hoch sind heute die Trefferquoten?

Kommt darauf an, was Sie damit meinen. Sage ich vorher, dass die Temperatur über minus 50 und die Windgeschwindigkeit unter 300 km/h liegen wird, ist diese Aussage garantiert richtig. Aber sinnvoll ist sie nicht. Ich kann Vorhersagen so formulieren, dass sie immer richtig sind – aber niemandem helfen.

Und wenn Sie danebenliegen …

… dann ist das nicht unbedingt eine Fehlleistung der Meteorologen. Durch die beschränkte Vorhersagbarkeit werden wir immer Fehlprognosen haben. Das ist die Physik.

Was war der größte Irrtum der Meteorologie?

Goethe kam zu dem Ergebnis, dass ein Meteorologe besonders krankheitsanfällig sein sollte, um seine Aufgaben erfüllen zu können. Eine guter Meteorologe müsse wetterfühlig sein. Ich hoffe nicht, dass das so ist. Ich fühle mich jedenfalls ganz gesund und hoffe das auch für meine Kollegen. Trotzdem machen wir gute Wettervorhersagen.

Gerhard Adrian ist Vizepräsident und wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Wetterdienstes