Die Rauchschwaden haben sich kaum verzogen, die letzten Kneipenwirte kämpfen noch um das Recht, ihren Gästen wieder den Genuss von Zigaretten, Pfeifen und Zigarren zu erlauben, da wird die nächste Aktion zur Rettung der Menschheit eingeleitet: Unser nationales Radio, der Deutschlandfunk, brachte eine Sendung über die Gefahren des Alkohols, welche die Hörer an einem Sonntag überraschte, als sie gerade dabei waren, sich dem Nachmittagssuff zu ergeben.

Der Vater wollte den Portwein aus dem Schrank holen, die Mutter mühte sich, mit dem Korkenzieher den Bocksbeutel zu öffnen, während der Filius eine Cola trank und überlegte, ob ein Schuss Rum die klebrige Süße wohl abschwächen würde.

Da drang über Kabel und FM das Alarmgeschrei der üblichen Besorgten in die Wohnzimmer, in die Weinkeller und Küchen: Alkohol tötet! Krank macht er sowieso, und jeder Alkoholkranke belastet das Bruttosozialeinkommen in unverantwortlicher Weise.

Ich weiß nicht, wer dahintersteckt. Ulla Schmidt? Der Schweizer Geheimdienst? Die Brüsseler Mineralwasserlobby? Jedenfalls begann an diesem Sonntagnachmittag die Trinkerdämmerung, die Schlacht zwischen Weinfreunden und Abstinenzlern.

Diese erste Attacke richtete sich auch gegen Trinker anderer Alkoholika, aber für die kann ich nicht sprechen. Für die Weintrinker jedoch muss ich Partei ergreifen. Ich gehöre nämlich zu diesem fröhlichen Volk. Tag für Tag trinke ich eine Flasche Wein zum Essen, und diese Zurückhaltung übe ich erst wenige Jahre. Trotzdem sind meine Organe dermaßen in Ordnung, dass sich die Gesundheitsministerin hüten sollte, Panik zu verbreiten. Ein Glas Wein täglich sei schon gefährlich, droht die Truppe der Genussvernichter, die wohl mit Mäusebabys experimentiert haben müssen.

Diese Kriegserklärung an den Hedonismus ist nicht neu und deshalb durchaus ernst zu nehmen. In den USA haben fromme Fundamentalisten schon einmal ein komplettes Alkoholverbot durchgesetzt, die berühmte Prohibition. Sie dauerte mehrere Jahre und war die Ursache für das Aufkommen der Mafia, förderte die Schwarzbrennerei und Leberschäden. Und wahrscheinlich sind auch die furchtbaren Trinksitten der Amerikaner (Cocktails, Bourbon…) auf das Verbot zurückzuführen.

Allein schon der Vorschlag (er wurde gemacht – etwa von dem englischen Institute for Alcohol Studies), auf Weinflaschen eine Warnung vor dem Alkohol anzubringen, wie es die Anti-Nikotin-Desperados bei den Zigarettenpackungen erreicht haben, wäre eine maßlose Aktion ohne Wirkung. Ebenso könnten fanatische Pazifisten an Kasernentore Hinweise kleben, dass der Militärdienst "die Gesundheit beeinträchtigt und bei konsequenter Anwendung zum Tode führt". Während an den Kirchenportalen zu lesen wäre: "Religion kann abhängig machen, bewirkt Reue und führt bei übermäßigem Gebrauch zu Bigotterie."