Als wir uns zum ersten Mal sehen, regnet es so heftig, wie es nur in den Tropen regnen kann. Palmen und Frangipanibäume biegen sich unter den Wassermassen. Der Pool, der sich vom Restaurant bis fast an den Strand erstreckt, tritt langsam über den Rand. Josef Rosarius, kleinkariertes Hemd, Anzugshose und Socken in den senffarbenen Slippern, schaut abwechselnd auf sein Smartphone und die Australier, die sich in Badesachen vom Pool ins Restaurant geflüchtet haben. Er sieht älter aus, als ich gedacht hatte, aber auch viel seriöser.

Das Haar und der auf den alten Fotos so verwegen wirkende Kinnbart sind grau und ein bisschen schütter geworden, über seinem Gürtel wölbt sich ein Bäuchlein. Er bestellt sich ein Bier und fragt, ob ich auch eins will. Als ich um einen Saft bitte, schaut er mich an, als wolle er sagen: Das kann ja heiter werden. Und so etwas Ähnliches denke ich auch.

Josef Rosarius ist mein sprichwörtlicher Onkel in Übersee. Der älteste Cousin meines Vaters, um genau zu sein. Bevor ich ihn letzten Herbst fragte, ob er nicht Lust habe, in einer Geschichte über Aussteiger vorzukommen, wusste er überhaupt nicht, dass es mich gibt. Er schrieb eine verdutzte Mail, in der er mir zu verstehen gab, dass er sich keineswegs als Aussteiger sehe. Er habe Ende der sechziger Jahre, da war er schon ein paar Jahre Kameramann beim Fernsehen, im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojektes in der indonesischen Hauptstadt Jakarta ein Fernsehtrainingszentrum aufgebaut. Anschließend hätten sich im Lande "verschiedene Möglichkeiten" ergeben.

Gegen ein Treffen auf Bali, wo er seit Anfang der achtziger Jahre lebt und heute als freier Fotograf arbeitet, hatte er trotzdem nichts einzuwenden. Seit dem Tod seiner Mutter vor 20 Jahren sei aus der Familie ja "kein Aas" mehr bei ihm gewesen. Tante Billa, meine Großmutter, habe sich schon immer zu alt gefühlt für weite Reisen. Hans-Peter, der Bruder, leide unter Flugangst. Die Cousine, meine Tante, fahre lieber nach Italien. "Und deine Eltern sind vor ein paar Jahren auf dem Weg nach Australien einfach über mich hinweggeflogen." Als meine Großmutter sie fragte, warum sie denn keinen Zwischenstopp bei Vetter Josef eingelegt hätten, sagten sie, dass das Klima dort unten nichts mehr für sie sei. Doch das Klima war wohl nur eine Ausrede.

Der ewige Sommer der Tropen, die weißen Strände, die phosphorgrünen Reisterrassen und das urwaldartige Hinterland, in dem das ganze Jahr über Bananen, Papayas und Kokosnüsse gedeihen, ziehen seit den dreißiger Jahren Weiße in die ehemalige holländische Kolonie.

Ich glaube, dass meine Eltern einfach Bedenken hatten, in das Leben des fremd gewordenen Verwandten hineinzuplatzen, dessen Geschichte die Fantasie unserer durch und durch bürgerlichen Familie nun schon seit 40 Jahren beflügelt. Und was wurde da nicht alles erzählt!

Mal hieß es, der Josef sei in der Fremde Millionär geworden, Eigentümer mehrerer Villen mit Strandblick, Gründer einer balinesischen Drogeriekette und Herr über Hunderte von Angestellten. Mal hieß es, er sei so bankrott, dass er sich nicht einmal mehr einen Flug nach Europa leisten könne. Außerdem, und das ist in den Augen einer katholischen Sippe ja wirklich heikel, soll er bei seiner letzten Hochzeit zum Islam konvertiert sein und seither sein Haupt fünfmal am Tag in Richtung Mekka neigen.

Doch so genau scheint er es mit den Regeln des Propheten nicht mehr zu nehmen. Sein erstes Bier ist nach einer Viertelstunde leer, und ich würde schon gerne fragen, wie sich sein Durst mit seiner Religion vereinbaren lässt. Doch ich traue mich beim ersten Treffen nicht einmal, ihn auf die Frau anzusprechen, für die er den Gott gewechselt hat. Ari soll sie heißen und angeblich im Palast von Yogyakarta, dem kulturellen Zentrum der Insel Java, aufgewachsen sein. Meine Großmutter behauptet allerdings, sie sei keine echte Prinzessin, sondern "nur" die Tochter einer Mätresse. Aber wer weiß? Und geht es mich wirklich etwas an?

Auswanderer werden von den Daheimgebliebenen gerne an ihrem ökonomischen Erfolg gemessen und an dem Status, den sie in der neuen Heimat erlangen. In den Auswandererserien, die im Moment auf den Privaten laufen, geht es ausschließlich um die Frage, ob die Leute in der Fremde schaffen, was ihnen daheim nicht gelang. Doch vielleicht sind es ganz andere Gründe, aus denen einer wie Josef raus wollte aus Deutschland: Abenteuerlust, Pech in der Liebe oder das diffuse Gefühl, dass es überall besser ist als dort, wo man herkommt.