In Kärnten, dem an Slowenien grenzenden österreichischen Bundesland, organisierten Nationalisten vor ein paar Jahrzehnten eine Kampagne gegen die angebliche slawische »Bedrohung« unter dem Motto »Kärnten bleibt deutsch!«. Österreichs Linke gab daraufhin in den größten Tageszeitungen eine Anzeige auf, die das nationalistische Motto sarkastisch variierte: »Kärnten deibt bleutsch! Kärnten leibt beutsch!

Kärnten beibt dleutsch!« Kann sich dieses Verfahren nicht mit der obszönen, »analen«, sinnlosen Rede der Hitler-Figur Hynkel aus Chaplins Film Der große Diktator messen?

Genauso gehen Rammstein (Völkerball, Universal) mit totalitärer Ideologie um: Sie stellen das obszöne Gebrabbel in seiner penetranten Körperlichkeit bloß. Um diese vorsemantische Funktionsweise des Zeichens zu benennen, prägte Jacques Lacan den Neologismus »Sinthom«: ein bedeutungsgebender Knoten, in dem sich eine minimale libidinöse Besetzung verdichtet. Kein Wunder also, dass die laut dröhnende und basslastige Musik von Rammstein so brutal, brachial, aggressiv und penetrant klingt ihre Körperlichkeit steht in steter Spannung zu ihrer Bedeutung, sie unterminiert sie.

Man sollte deshalb der Versuchung widerstehen, Rammsteins Musik unter Ideologieverdacht zu stellen, weil sie sich »nazistischer« Bilder und Motive bedient Rammstein tun genau das Gegenteil: Sie zwingen den Hörer, sich mit den neonazistischen »Sinthomen« zu identifizieren, lösen diese aber aus ihrem Zusammenhang. Dadurch machen sie gerade dort, wo Ideologie die Illusion einer ungebrochenen, organischen Einheit oktroyiert, auf eine Lücke aufmerksam. Sie befreien die Sinthome, damit man sie in vorideologischem Zustand als »Knoten« libidinöser Besetzung genießen kann.

Wenn Kritiker angesichts eines Rammstein-Videoclips, in dem eine Blondine im Käfig und dunkle nordische Krieger zu sehen sind, befürchten, dass die ungebildete Öffentlichkeit sich direkt mit der protofaschistischen Ästhetik identifiziert, sollte man entgegnen: Das Einzige, wovor wir hier Angst haben müssen, ist die Angst selbst.

Rammstein unterlaufen die totalitäre Ideologie nicht durch ironische Distanz, sondern durch Konfrontation mit der obszönen Körperlichkeit der ihr zugehörigen Rituale und machen sie damit unschädlich.

Aus dem Englischen von Bettina Engels