Oh Muschilein

Natürlich ist die Versuchung groß, erst mal klarzustellen, dass das eigene vaginale Aroma sich nicht zu verstecken braucht, die männliche Arschrosette das Ziel der Begierde ist und eine Penetration mittels Schokoeiern gern geübte Zerstreuung, schließlich kommt bald der Osterhase, und schon lange werden alle als dünnlippige Sexfeinde abgewatscht, die es wagen, Charlotte Roche, unsere Klassenbeste im Pornoschreiben, kritisch anzugehen. Für Ahnungslose: Roche spricht sich wie englisch coach und Charlotte wie harlot ohne e. Sie ist Autorin einer mastdarmfixierten Stellenprosa mit dem Titel Feuchtgebiete. Charlotte Roche wurde 1978 im englischen High Wycombe geboren, von wo aus die Royal Air Force operiert und Charlotte abhob, bis sie das Starlet am Firmament des Viva-Musik-Channels geworden war und Everybody’s Darling.

Braves Kleid, Stiefelchen. Wie sie sich neben Harald Schmidt zwischen die Lippen griff und den Schneidesteckzahn rauszog – Applaus! Jetzt hat die Roche eine kleine Heldin geschaffen, die 220 Seiten lang über blumenkohlige Analstrukturen bis zum Gebrauchttamponwechsel plappert, um die appetitlicheren Beispiele zu nehmen, die Roche um eine Hämorrhoiden-OP drapiert. Das Feuilleton vibriert. O Muschilein, ein Frauenporno!

Interview im Spiegel, Rezension in der taz, Porträt im ZEITmagazin, Jubel in der FAZ, Auftritt im Bremer Schlachthof, in Essens Zeche Carl. Auftritte fast jeden Tag bis Mai! So begehrt war zuletzt nur Eva Herman. Auf der Lit.Cologne wird Roche mit Claus Peymann und Roger Willemsen plaudern , der das Cover von Feuchtgebiete mit Lob geschmückt hat: "mutig und so voller Gegenwart".

Oh Muschilein

Das erzwingt Fragen. Erstens: Echt wahr, dass Willemsen das mit Sperma geschrieben hat? Zweitens: Wie sexy wären die Feuchtgebiete , hätten sie als Autor einen Steuersachbearbeiter mit sackendem Bauchansatz, wie käme der an bei Kerner? Drittens: Frau Roche umgarnt mit Attacken gegen Alice Schwarzer und gleichzeitigen Vorstößen für Frauenlust das politische Spektrum von feministinnenphob bis emanzipiert. Alle, die vergessen haben, zu welchen Exzessen die sexuelle Revolution 10 Jahre vor Roches Geburt geführt hat; ob ihr Mutti nichts erzählt hat? Bleibt die Frage: Gibt es eigentlich keine anderen Bücher?

Doch! Götz Alys Schocker unterstellt, in jedem Achtundsechziger-Revoluzzer stecke ein Faschist. Und Jonathan Littell, Jude, hat sich 1359 Seiten lang in das Gehirn eines SS-Mörders geschlichen. So gesehen, ist das ganze Frühjahr ein Skandal. Als spielten alle gemeinsam: Einer macht das Licht aus, und ich trau mich was, was keiner sich traut. Die üben grenzüberschreitenden Einschaltquotenmut.

Wie weit man das wohl treiben kann? Wir warten auf den Film.