Als Uwe-Karsten Heye erfuhr, dass er noch einmal Vater werden würde, lag er viele Nächte wach. "Ich machte mir Sorgen: Ist das verantwortbar?", sagt er. Das war im Jahr 2002, Heye war Regierungssprecher. Ein 16-Stunden-Job, der keinerlei Platz lässt für Vaterpflichten. Aber das war es nicht. Ihn bedrückte sein Alter: 62 Jahre. Zwei Jahre zuvor war er Großvater geworden. "Ich fragte mich: Wie lange werde ich dieses Kind, das da kommen soll, begleiten können?"

Uwe-Karsten Heye sitzt im Café Einstein Unter den Linden , dem Treffpunkt des politischen Berlins. Das Bundespresseamt mit seinen 500 Mitarbeitern, das er vier Jahre lang leitete, ist nur ein paar Hundert Meter entfernt. Heye ist, obgleich seit zwei Jahren offiziell Pensionär, immer noch mittendrin im Politikbetrieb. Heute Morgen saß er in der Vorstandssitzung der SPD, dann in der Redaktionskonferenz der Parteizeitung Vorwärts, deren Chefredakteur er ist. Am Abend hat der Vorwärts Manager zum Essen eingeladen, Heye moderiert.

Sein Kind wird er frühestens heute Nacht sehen. Ein Sohn ist es geworden: Tom, mittlerweile fast fünf. Und Uwe-Karsten Heye hat den Kampf mit dem Altern aufgenommen – er, einst notorischer Kettenraucher, raucht nicht mehr. "Habe ich mir abgewöhnt." Außerdem ist er in einen Fitnessclub eingetreten. Er nennt es die "disziplinierende Wirkung des Kindes".

Heyes Frau hat den Kampf mit einem Kürbis aufgenommen, als wir uns ein paar Tage später in ihrem Haus in Potsdam treffen. Sabine Haack – karierter Seidenrock, schwarzer Kaschmirpulli – steht in der Küche, einen Pürierstab in der einen Hand und ein Telefon in der anderen. Sie zermalmt gekochte Kürbisstücke zu Suppe, während sie mit ihrem Schwager abspricht, wann sie den Sohn bei ihm vorbeibringt. Mit dem Kopf deutet sie auf den Tisch: Dort könne man sich schon mal hinsetzen. Ein symbolischeres Einstiegsbild für eine beruflich erfolgreiche Mutter kann es kaum geben.

Sabine Haack hat eine Agentur für PR und Veranstaltungsorganisation. Für VW plante sie literarische Salons, das Jüdische Museum beriet sie bei einer Darfur-Themenwoche. Sie bietet außerdem Kameratraining für Manager an und schreibt Reden für Politiker. Ihr Büro liegt im Erdgeschoss des Potsdamer Hauses, gleich neben der Küche. Und zusammen sind die beiden, Uwe-Karsten Heye und sie, der Motor einer gigantischen Maschinerie, die den ganzen Tag über in Betrieb ist, mit dem Zweck, zwei Karrierejobs und ein Kind miteinander zu vereinbaren.

Es gibt Männer in gesellschaftlichen Spitzenpositionen, die ihr Familienleben traditionell organisieren: mit einer Ehefrau, die ihnen den Rücken freihält, sich um den Nachwuchs kümmert und auf eigene berufliche Ambitionen weitgehend verzichtet. Es gibt die typische Karrierefrau, die im Normalfall keine Kinder hat, oft nicht einmal eine Beziehung; allenfalls gelingt ihr ein schlichter Rollentausch: Sie ist der Star, er bleibt im Hintergrund diffuser Bedeutungslosigkeit.

Und dann gibt es noch ein paar ganz wenige, denen mehr gelingt: wie Uwe-Karsten Heye und Sabine Haack; wie den Musikmanager Jäki Hildisch und die Filmregisseurin Birgit Herdlitschke, die ihre Familie zwei Jahre lang über Kontinente hinweg aufrechterhielten; wie das Galeristenpaar Bruno Brunnet und Nicole Hackert, dessen Alltag zwischen Kunst und Kindern flirrt.

Sie alle können und wollen sich ein Leben ohne eigene Familie nicht vorstellen, aber auch nichts anderes als eine Beziehung auf Augenhöhe. Eine Beziehung, in der beide wissen, was es heißt, wenn das Kind vor einem wichtigen Termin der Eltern krank wird. Und in der beide verstehen, was überhaupt ein "wichtiger Termin" ist; wie man für den Beruf fiebern und leiden kann – und dann wieder Kraft tankt in einem Raum, der, wenn es gut geht, unangreifbar ist: in der Familie.

Wie kann das gehen? Wie geht es den Eltern mit diesem Lebensmodell? Und wie den Kindern? Und überhaupt: Warum überhaupt Kinder, wenn man doch schon einen ausfüllenden Beruf hat?

Sabine Haack sagt in ihrer Küche: "Als ich mir das alles so gebastelt habe, hatte ich keine Ahnung, dass noch ein Kind dazukommt." Acht Jahre lang war sie die stellvertretende Pressesprecherin der niedersächsischen Landregierung, Heye war damals ihr Chef. Nach Schröders Wahlsieg gegen Helmut Kohl gingen beide mit nach Berlin, Sabine Haack wurde Büroleiterin für das neue Staatsministeramt für Kultur. Um acht fing sie an und hörte oft nicht vor Mitternacht auf.

Wenn man Sabine Haack zuhört, hat man den Eindruck, dass ihr die Arbeit wichtiger war als alles andere. Dass ihr wie so vielen Frauen im Politikbetrieb die Zeit fehlte für ein Kind. Sie schüttelt den Kopf: "Nein, mir fehlte der Mann." Erst fühlten sich ihre Freunde zu jung für ein Kind, dann zu alt. "Mein Mann hatte, als wir zusammenkamen, die Familienphase durch", sagt sie.

An ihrem 40. Geburtstag, Uwe-Karsten Heye und sie waren da drei Jahre zusammen, habe sie sich endgültig von der Idee eigener Kinder verabschiedet. Es sei ein sehr trauriger Geburtstag gewesen. Zwei Jahre später war sie überraschend schwanger. Für Sabine Haack stand außer Frage, dass sie das Kind bekommen würde. "Für meinen Mann war das natürlich erst mal ein Klopper."

Auch Jäki Hildisch und Birgit Herdlitschke hatten ihr Powerpaar-Dasein nicht geplant, jedenfalls nicht in dieser Ausprägung. Es fing an mit der Computermeldung "Sie haben Post". Am 23. Oktober 2004 bekommt Jäki Hildisch eine E-Mail aus London. Als er die Mail öffnet, traut er seinen Augen nicht, hält das, was er liest, für einen Scherz, britischer Humor eben. Auch als ihm Birgit, seine Frau, nachdem sie die Mail gelesen hat, sagt: "Die meinen dich", bleibt Hildisch skeptisch.

Seit vielen Jahrzehnten ist Hildisch, Jahrgang 1958, in der U-Musik-Branche tätig. Er hat unter anderem für die Einstürzenden Neubauten Tourneen organisiert und die Hip-Hop-Band Fünf Sterne deluxe gemanagt. Hat sich in dieser oft schnelllebigen Branche einen Namen gemacht, einen, der für Verlässlichkeit steht. Nach vielen sehr bewegten Jahren wollte er eigentlich ein wenig zur Ruhe kommen, hat geheiratet und gemeinsam mit seiner Frau, der Film- und Fernsehregisseurin Birgit Herdlitschke, eine großräumige Berliner Altbauwohnung bezogen. Im Januar 2001 ist Sohn Paul-Vincent geboren worden. Das zweite Kind ist unterwegs.

Aber der Tag, an dem er die Mail findet, verändert sein Leben. Und das seiner Familie. Von Frühjahr 2005 an soll Hildisch eine zweijährige Welttournee begleiten. Als Tourmanager. Der Künstler, dessen persönlicher Manager die Anfrage geschickt hat, heißt: Robbie Williams.

Sommer 2007. An der Stirnseite des Esszimmers in der Berliner Altbauwohnung prangt, in Öl: die Familie, Birgit, Jäki, Paul-Vincent, Holly, geboren im April 2005. Die Tour ist vorüber, zu Ende gegangen. Jäki ist in seinen Job beim weltweit agierenden Tourneeveranstalter MCT zurückgekehrt, Birgit hat inzwischen für ihre Firma Partners in Crime Film neue Büroräume in Berlin-Mitte angemietet. Jetzt, nachdem Jäki wieder zu Hause ist, nimmt sie wieder mehr Aufträge an. Auch ihr Spezialgebiet ist die U-Musik, früher war sie Reporterin für MTV, heute wird die Sendung Tracks auf Arte redaktionell maßgeblich von ihr betreut; und sie arbeitet an drei längeren Dokumentationen für Arte. Das Ehepaar Hildisch/Herdlitschke hat an dem großen Tisch Platz genommen, die Kinder schlafen – vermutlich. Dialog eines Powerpaares, Erinnerungen.

Jäki Hildisch: Zwei Dinge waren immer klar: Erstens, wir wollten Kinder. Zweitens: Wir wollten beide weiterarbeiten.
Birgit Herdlitschke: In der Realität sah das dann zum Beispiel folgendermaßen aus: Paul kam am 2. Januar 2001 zur Welt, und am 20. Januar habe ich zu Hause schon wieder die ersten Texte redigiert und Beiträge abgenommen. Als Paul sechs Wochen alt war, habe ich ein Interview geführt, mit Rammstein. Da ist Jäki mitgekommen und mit Paul im Adlon-Foyer auf und ab gelaufen, mit dem Kleinen vor der Brust. Hat sich alles verzögert, zwischendrin habe ich auf der Damentoilette gestillt. Und als Paul ein Jahr war, hörte ich mich einem Auftraggeber gegenüber sagen: "Kein Problem, New York, das macht mir gar nichts, da nehmen wir Paul mit." Das ist dann Gott sei Dank ausgefallen.

Hildisch: Wir haben eigentlich bei allen Themen eine grundsätzlich unterschiedliche Meinung, außer bei zweien: Das eine ist die Popkultur und das andere unsere Einstellung zur Arbeit. Wenn der eine Arbeit hat und insbesondere gut bezahlte, dann muss der andere das akzeptieren.

Herdlitschke: Wenn ich erfahre, dass ich am Wochenende auf einen Dreh muss, dann zweifelt Jäki nicht daran, dass das wirklich nötig ist. Da gibt es keinen Vorwurf, auch keinen unausgesprochenen.

Hildisch: Na, es ist nicht so, als hätte es nicht auch Belastungsproben gegeben. Am errechneten Entbindungstermin von Holly musste ich nach London fliegen, für ein wichtiges Meeting.

Herdlitschke: Jäkis Flieger aus London landete um 19 Uhr, und um 23 Uhr gingen die Wehen los. Bei Nebel in Heathrow hättest du die Geburt verpasst. Das war schon grenzwertig.

Paul-Vincent war vier Jahre, Holly vier Monate alt, da packte der Familienvater die Koffer. Das Modell "Jeder gönnt jedem seinen Job" konnte beginnen.

Herdlitschke: Gegönnt habe ich es ihm, aber es war schon manchmal hart.

Hildisch: Ich war zwischendrin immer mal wieder zu Hause, alle paar Wochen.

Herdlitschke: Aber wenn Jäki dann wiederkam nach Monaten und sich hier erst mal ausschlafen musste, habe ich mich schon dabei ertappt, zu denken: Hey, das sind auch deine Kinder. Ich muss schon zugeben, dass ich mir gewünscht hätte, einfach mit dabei zu sein. Und wenn die Kinder größer gewesen wären, hätte ich das auch ein-, zweimal gemacht, wäre nach Brasilien oder nach Buenos Aires gefahren.

Hildisch: Wir hatten in der Zeit wirklich tolle Au-pair-Mädchen, aber für länger wollten wir denen die Kinder nicht überlassen.

Herdlitschke: Sanna aus Finnland ist immer mitgefahren nach Mitte, wo ich arbeite, ist dann mit Holly auf den Spielplatz und hat sie mir zum Stillen ins Büro gebracht.

Hier treten sie auf, die vielen Helfer, das Schmiermittel der Maschinerie. Ohne sie kommt kein Powerpaar aus. Dass die Erfolgreichen sich diese Helfer leisten können, ruft leicht Neider auf den Plan. "Ja, wenn man Geld hat...", sagen sie. Natürlich macht finanzielle Unabhängigkeit es leichter, sich bei dem gigantischen Projekt "Familienkoordination" von Nannys und Haushälterinnen helfen zu lassen; natürlich springen Chefredakteure, Verleger oder Unternehmerinnen unbeschwerter ins Taxi und ersparen sich die nervtötende Fahrt mit Bus oder U-Bahn – aber entwerten diese Erleichterungen gleich das Lebensmodell?

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, auch Teil eines Powerpaares, muss sich mitunter den nörgeligen Vorwurf anhören, in ihrer gesellschaftlichen Situation sei die Sache mit sieben Kindern ja wohl kein Kunststück. Ganz abgesehen davon, dass die Sache mit sieben Kindern immer ein Kunststück ist, erwidert die Ministerin meist sinngemäß, es gehe ihr und ihrem Mann sicher besser als manchem anderen – freilich könne sie dann nicht verstehen, warum viele, die finanziell ebenfalls nicht zu leiden hätten, auf Kinder verzichteten.

Das heißt: Wie sich Familie leben lässt, wie zwei Berufe und tausend Bedürfnisse vereinbar sind, das hängt nicht allein, vielleicht nicht mal überwiegend am Geld. Es liegt zu einem großen Teil einfach daran, etwas unbedingt zu wollen. Energie zu haben. Und improvisieren zu können. (All das müssen auch die ganz traditionellen Hausfrauen-Mütter, selbstverständlich. Nur ist es eben etwas anderes, das sie unbedingt wollen – jedenfalls wenn sie sich wirklich bewusst für das Modell "ausschließlich Mutter sein" entschieden haben.)

Weiße, hochhackige Pumps sind nicht wirklich gut dafür geeignet, in ihnen Möbel zu schleppen. Aber Nicole Hackert schert sich nicht darum: Ein Tisch muss her, sofort. Es ist der Eröffnungstag der Galerie Contemporary Fine Arts, die ihr neues Quartier in dem spektakulären Neubau des Architekten David Chipperfield am Kupfergraben in Berlin bezieht, gegenüber dem Alten und dem Neuen Museum. Die Galeristen: Nicole Hackert, ihr Mann Bruno Brunnet und Philipp Haverkampf.

Seit elf Uhr morgens strömen Neugierige in das Kunsthaus, und all ihre Taschen und Rucksäcke stehen jetzt am Eingang auf dem Fußboden herum, wie sieht das denn aus? Hackert setzt den überdimensionalen Aufzug in Bewegung, fährt in den Keller, zerrt einen Tisch aus einem Verschlag, wieder hoch damit, und wupp – eine improvisierte Garderobe. So geht das.

Nicole Hackert ist sehr hübsch, schlank, mit großen grünen Augen, einem feinen Gesicht und wuscheligem Kurzhaarschnitt. Während sie zu Hause in Jeans und T-Shirt herumläuft, trägt sie zu offiziellen Kunstterminen gern Mode, die zwinkert. Heute hat sie ein weißes Hemd an, eine schwarze Lederhose, darüber einen kurzen schwarzen Lederschurz und die besagten Möbelpacker-Pumps.

Es ist einer der folgenreichsten, vermutlich auch einer der aufregendsten Tage im Berufsleben des Galeristenpaares. Zählte man Contemporary Fine Arts schon vor dem Umzug von der Berliner Sophienstraße an den Kupfergraben zu der Handvoll führender deutscher Galerien, so kündigt ihr neues Haus, gemietet vom Kunsthändler Heiner Bastian, auch einen neuen Anspruch an: wirklich die Nummer eins im Lande zu sein. Mit Künstlern wie Daniel Richter, Jonathan Meese, Dash Snow oder Peter Doig, die auf dem internationalen Kunstmarkt mittlerweile irrwitzige Preise erzielen, ist er nicht aus der Luft gegriffen.

Und? Ist sie aufgeregt? "Wegen der Eröffnung heute?" Nicole Hackert grinst: "Sagen wir mal so, ich habe schon gestern Abend gerade so viel Alkohol getrunken, dass ich ausgezeichnet schlafen konnte." Und grundsätzlich? Keine Angst vor Hybris, Größenwahn, davor, sich mit der neuen Galerie übernommen zu haben? "Davor", sagt sie, ""haben Bruno und ich Angst, seitdem wir zusammenarbeiten. Aber wenn wir uns nichts zugetraut hätten, wären wir auch nicht da, wo wir jetzt sind."

Am Morgen hat Nicole Hackert ihre ältere Tochter Bella mit in die Innenstadt genommen. Die Familie wohnte in Berlin-Mitte, bevor sie 2006 eine gewaltige Villa in Nikolassee bezog. Bella ist sechs, klar will sie später auch zur Galerieeröffnung kommen. Aber zuerst besucht sie ihre beste Freundin, aus deren unmittelbarer Nachbarschaft die tragische Umzugsentscheidung ihrer Eltern sie fortgerissen hat. Man muss Prioritäten setzen.

"Die Kinder sind an Ausstellungseröffnungen und ähnliche Dinge gewöhnt", sagt Hackert. "Auch der Umgang mit Künstlern ist für sie selbstverständlich, die laufen schließlich ständig bei uns zu Hause herum." Jonathan Meese ist der Patenonkel der dreijährigen Chloé, die heute von ihrer Oma und einem neuen Kindermädchen gehütet wird. Und wo in all diesem Gewusel ist der Vater und Galerist? Er taucht etwas später als seine Frau in der Menge auf – und sofort hat der Raum ein neues Energiezentrum. Bruno Brunnet misst nur 1,68 Meter, er ist einen guten Kopf kleiner als Nicole Hackert. Er trägt einen extravaganten Anzug, aber leider nicht die bunten Gucci-Slipper vom vorvergangenen Jahr, seine "schönsten Schaustellerschuhe". Doch auch ohne die Schaustellerschuhe wirkt es ein bisschen, als hätte ein Dompteur oder Zirkusdirektor die Manege betreten.

Die Kommunikationsaufgaben in der Ehe Brunnet/Hackert sind klar verteilt: Er betreut die Künstler, auch, und besonders gern, die "durchgeknallten, wahnsinnigen"; sie ist mehr für die Sammler zuständig, bei Gelegenheiten wie dieser auch für die Presse (die sich gar nicht einkriegt vor Begeisterung über den neuen Bau) und nicht zuletzt für Familienangehörige der Künstler, in diesem Fall die zahlreichen Brüder des Österreichers Walter Pichler. Dessen Skulpturen und Zeichnungen ist die Ausstellung gewidmet.

Wie passen die beiden Töchter in dieses Leben zwischen Kneipen und Ateliers, Kunstmessen in Basel und Miami, Ausstellungseröffnungen in London und New York? "Wir waren uns sicher, dass wir welche haben wollten", sagt Hackert. "Aber am Anfang hatten wir keine Zeit und kein Geld. Man wird ja mit so einer Galerie nicht gleich reich." Mit 30 Jahren bekam sie Bella, gut drei Jahre später Chloé. "Ein halbes Jahr lang war ich nach Bellas Geburt sozusagen komplett zu Hause. Das war wirklich stressig. Wir wohnten über der Galerie in der Sophienstraße – ich habe oben das Telefon bedient, und abends, wenn Bella schlief, habe ich am Computer weitergearbeitet, archiviert, Kundenanfragen beantwortet", sagt Nicole Hackert. "Ich hatte auch wirklich Hemmungen, ein so kleines Kind zur Betreuung wegzugeben. Es war eher Bruno, der forciert hat, dass ich wieder voll einstieg." Das Kindermädchen kam ins Haus, als Bella sieben Monate alt war.

In den Biografien der Powerpartner fällt auf, dass es offenbar nicht selten eines leichten Gattenschubses bedarf, bis junge Mütter sich wirklich trauen, einen nichttraditionellen Lebensentwurf zu riskieren. Manchmal, natürlich, sind es einfach die Umstände, die bei einem Paar die nötige Energie freisetzen, oder vielmehr: die Fähigkeit, mit plötzlich veränderten Umständen umgehen zu können.

Das Haus der Heyes stammt aus dem 19. Jahrhundert. Als sie es kauften, wussten sie noch nicht, dass die nächste Arbeitsstelle von Uwe-Karsten Heye in den USA liegen würde. Nachdem er das Amt des Regierungssprechers in Schröders zweiter Amtszeit abgegeben hatte, wurde er Generalkonsul in New York. Ausgerechnet an seinem ersten Arbeitstag, dem 1. Juli 2003, Tom war ein Dreivierteljahr alt, konnten sie in Potsdam einziehen.

Heye fuhr erst mal allein in die USA. Seine Frau blieb und schuftete. Es stellte sich heraus, dass der Keller im neuen Haus nass war. Wenn das Baby schlief, schleppte sie den Hausrat auf den Dachboden.

Sabine Haack ist eine sehr tatkräftige Frau. Und anpassungsfähig. In Potsdam war sie Mutter und Bauleiterin, in New York die Diplomatengattin. Sie pendelte hin und her: ein paar Monate Deutschland, ein paar Monate Amerika. Sonst hätte sie ihre Agentur aufgeben müssen. Immer wieder flog sie, beladen mit Baby, Kinderwagen und Laptop, über den Atlantik.

In New York stand Sabine Haack im Morgengrauen auf, um mit deutschen Kunden ihrer Agentur zu telefonieren. Anschließend ging sie mit Tom auf den Spielplatz. Nachmittags bereitete sie oft Empfänge vor. Und wenn Haack und Heye einen Abend freihatten, gingen sie ins Theater.

Wie organisiert man diesen Wahnsinn? Viele beruflich erfolgreiche Frauen, die zugleich Mutter sind, sagen, sie hätten in den USA gelernt, wie man Kind und Karriere vereinbart. "Ich nicht", sagt Sabine Haack. Natürlich hätten in New York Anwältinnen oder Bankerinnen, anders als in Deutschland, oft mehrere Kinder. "Viele Kinder sind dort ein Statussymbol." Doch ließen sie ihre Kinder von Au-pairs und Kinderfrauen betreuen. Sie teilten ihren Kindern einen Platz im Terminkalender zu. Die Heyes versuchen, es anders zu machen.

Ein Werktag bei ihnen geht zum Beispiel so: Uwe-Karsten Heye leitet den Jour fixe des Vereins Gesicht zeigen am Berliner Kurfürstendamm. Gesicht zeigen kämpft gegen Rechtsradikalismus, Heye ist der Vorsitzende. Anschließend fährt er in die Vorwärts- Redaktion. Sabine Haack staffiert währenddessen die Wohnung der Literaturagentin Karin Graf für eine Lesung aus.

Und das Kind? Tom bleibt bis zum Nachmittag im Kindergarten, der Großvater holt ihn ab, eine Babysitterin isst mit ihm zu Abend und bringt ihn ins Bett. Ein bisschen ähnelt so ein Tag dem amerikanischen Modell. Doch Sabine Haack nimmt sich zum Ausgleich meist einen Nachmittag frei für den Sohn. Aufträge, bei denen sie für längere Zeit in einer anderen Stadt sein muss, kommen für sie gar nicht infrage. "Tom entwickelt sich im Affenzahn. Das will ich miterleben", sagt sie. "Als Mutter will ich die Vertraute des Kindes sein: seine Gesprächspartnerin für Freude und für Kummer."

Ja, es sind meistens die Mütter, die solche Sätze sagen. Wie Birgit Herdlitschke, die Regisseurin, die findet: "Entscheidend ist, was kann ich den Kindern mitgeben fürs Leben in der ja eigentlich wenigen Zeit, die wir mit ihnen zusammen sind. Und natürlich will ich nicht, dass andere, das Au-pair-Mädchen, die Hortbetreuung, mehr Einfluss haben als wir."

Ja, bei vielen Powerpaaren ist die "Familienarbeit" nicht bis auf drei Stellen hinter dem Komma gleich verteilt. Bei den Heyes läuft es so: Uwe-Karsten Heye unternimmt mit dem Sohn Ausflüge und kauft für die Familie ein; doch Sabine Haack schreibt den Einkaufszettel. Theoretisch, sagt sie, hätte sie früher immer eine "partnerschaftliche Familie" haben wollen. Doch realistisch gesehen sei ihr Mann "eben zuletzt Staatssekretär" gewesen. "Er hatte immer Referenten und Sekretärinnen um sich." Pragmatisch folgert sie daraus: "Ich bin der Cheforganisator des Familienalltags."

Und wenn der Galerist Bruno Brunnet sagt: "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, in einer nichtpartnerschaftlichen Beziehung zu leben", das sei doch langweilig, wenn einer von beiden zu Hause sitze und nichts von dem wisse, was der andere erlebe, erwidert seine Frau augenzwinkernd, fürs Klavierüben und Hausaufgabenbetreuen, für Kleidung und Elternversammlung, fürs Zähneputzen und für Verabredungen sei partnerschaftlich allerdings eher sie zuständig. Es klingt nicht so, als ob sie darunter wahnsinnig leide.

Wie ist es um die Gleichberechtigung bestellt bei unseren Powerpaaren? Nicole Hackert und Bruno Brunnet haben sich 1992 kennengelernt. Sie studierte Psychologie und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, lebte in einem besetzten Haus in der Ostberliner Ackerstraße und organisierte Ausstellungen für junge Künstler und Splattermovie-Festivals. Eine wilde, schöne Zeit, aber sie brauchte einen Job. So wurde sie Assistentin bei ihrem späteren Mann, der im tiefen, gar nicht szenigen Westen seine Galerie Bruno Brunnet Fine Arts aufgemacht hatte.

Ist sie nicht ein Stück Klischee, diese Chef-Assistentin-Beziehung, diese typische Bindung eines älteren, erfolgreichen Mannes an eine junge, schöne Frau? "Wir sind beide Alphatierchen", sagt Brunnet, "wir sind beide nicht zurückhaltend. Was hätte mir jemand genützt, der seine Meinung nicht sagt?" Sie haben ähnliche Vorstellungen von Kunst. Solange man sich einig sei, das betonen beide, sei die partnerschaftliche Zusammenarbeit genial – "Synergie!" Unterwegs mit zwei Autos und zwei Telefonen könne man halt mehr erledigen als allein, sagt Hackert.

Synergie ist wichtig, denn die Galeristen haben immer mehr zu tun, inzwischen verdoppeln sie jedes Jahr ihren Umsatz. Brunnet kann es sich leisten, einen Interessenten, der in kruder Investitionsmentalität fragt: "Was wird diese Arbeit in drei Jahren wert sein?", abblitzen zu lassen – "so einer kriegt kein Bild von mir".

Brunnet und Hackert wohnen in einer Villa, die so außergewöhnlich ist wie sie selbst, wie ihr Erfolg, ihre Künstler. Das Haus von 1909 steht in Nikolassee, einem sehr großbürgerlichen Berliner Viertel. Seine Besitzer haben, leicht subversiv, ein eigenes Ausstellungsstück daraus gemacht. Es gibt ein Herrenzimmer mit Spiegeltapeten und Möbeln aus Hirschgeweihen; ein Kaminzimmer mit Einrichtungen aus den unterschiedlichsten Epochen; ausgefallene Kronleuchter, wilde Wandbespannungen, ein zauberhaftes Kinderreich unterm Dach, gewaltige Esstische. Einer von diesen steht draußen hinter dem Haus, neben einem fest installierten Edelstahlgrill: ein Platz zum Feiern für viele. Im Souterrain der Villa: ein Teil des Büros.

Wie funktioniert das Leben in diesem Wunderland? Er bringt Bella in die englische Ganztagsschule, sie Chloé in den Kindergarten. Es gibt ein Kindermädchen und Brunnets Mutter. Ansonsten: "Ich versuche, Zeug ranzukriegen zum Verkloppen. Sie sieht zu, dass wir es verkloppt kriegen", sagt Brunnet. Und sie: Das Ineinandergreifen von Arbeit und Leben sei es, was ihr an ihrer Existenzform solche Freude mache: "Wir haben eine Berufung, keinen Job."

Jäki Hildisch und Birgit Herdlitschke haben ihr Leben nach dem Ende der Robbie-Williams-Tour noch einmal neu organisiert. Vorbei ist die Zeit, als Hildisch mit Robbie Williams zwischen Mexico City und Dubai hin und her düste und Herdlitschke in Berlin den Haushalt schmiss, vorbei die Zeit, in der eindeutig geregelt war, wer von beiden verzichtete. Inzwischen ist Jäki Hildisch an zwei, drei Nachmittagen ab vier Uhr zu Hause. Und seine Frau setzt sich abends noch mal an den Computer, wenn die Kinder im Bett sind. "Das Gefühl von Feierabend", sagt sie, "stellt sich so gut wie nie ein." Gerade versuche sie, das zu ändern, sie lasse den Laptop jetzt im Büro.

Dass alles so bleibt, ist längst nicht ausgemacht. Birgit Herdlitschke macht sich Gedanken darüber, wie es wird, wenn die Kinder elf, zwölf Jahre alt sind und es keinen Hort mehr gibt. "So weit denke ich nicht", sagt Jäki Hildisch.

Herdlitschke: Dafür hast du ja mich. Die Vorstellung, dass Paul dann hier mit seinen Kumpels stundenlang Computer spielt, bis ich nach Hause komme, ist nicht wirklich attraktiv. Ich hoffe da auf einen stabilen Freundeskreis, dass man sich unter den Eltern abwechselt und die Kinder mal hier, mal da unterkommen.

Könnte nicht einer deutlich weniger arbeiten?

Herdlitschke: Ganz aufhören würde ich nie, aber ich rechne damit, dass ich irgendwann mit einem Halbtagsjob ganz zufrieden bin. Es ist schon jetzt so, dass ich die Nachmittage, die ich mit Paul hier bin, sehr genieße, nicht immer, aber immer öfter. Und manchmal überlege ich, ob es nicht für alle besser wäre, wenn ich ab mittags zu Hause wäre. Von meinem Büro schaue ich auf einen kleinen Spielplatz – und spätestens ab mittags sind dann da viele Mütter mit kleinen Kindern. Ich ertappe mich dabei, dass ich denke: Mensch, Holly ist jetzt immer noch im Kindergarten, und dann wird sie vom Au-pair-Mädchen abgeholt...

Zweifel am Modell Powerpaar? Nicht wirklich. Aber unsere Paare scheinen das Glück keineswegs allein im Beruf zu sehen. Könnte es einfach sein, dass sie – besser vielleicht als Kinderlose – Prioritäten setzen können? Und könnte es sein, dass diese Prioritäten eben mal so sind und mal so – und keineswegs immer beim Job liegen, wie Karriereeltern gern vorgeworfen wird?

Eine letzte Begegnung mit Uwe-Karsten Heye. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer, Tom auf dem Schoß. Das Arbeitszimmer liegt gleich neben dem Büro von Sabine Haack. An der Wand ein Porträt von Willy Brandt. Heye war als junger Mann Brandts Referent. An Brandt, sagt Heye, habe er sehen können, wie schmerzlich einseitig ein Leben sei, das man ganz der Politik widmet. Als Heye bei ihm arbeitete, hatten sich Brandt und seine Frau Rut bereits auseinandergelebt. Brandt habe sich immer tiefer in die Arbeit gestürzt, um sich zu entziehen. "In seinem Fall", sagt Heye, "ist ein Lebensentwurf an einer Funktion zerbrochen."

Heyes politischer Ehrgeiz hält sich seitdem in Grenzen. Obwohl ihm oft ein Mandat angeboten wurde, lehnte er immer ab. Doch der Journalismus, in den er Ende der Siebziger vor Brandts neuer Frau Brigitte Seebacher-Brandt geflüchtet war, forderte kaum weniger Einsatz. Heye arbeitete als freier Journalist und kümmerte sich gleichzeitig um seine Tochter. Ein tragisches Schicksal hatte ihn zum alleinerziehenden Vater gemacht: Seine erste Frau war depressiv. Sie nahm sich das Leben, als die Tochter zwölf war.

Uwe-Karsten Heye kennt die Doppelbelastung von Kind und Beruf in ihrer ganzen Härte. "In der kinderfeindlichen alten Bundesrepublik war ich immer voller Unruhe", sagt er. Heye brachte die Tochter bei Freunden unter, wenn er auf Recherchereisen musste. "Heute ist das psychologisch unendlich viel leichter als damals. Wenn ich weg bin, weiß ich, dass für Tom alles bestens organisiert ist. Sabine macht das wunderbar."

Wahrscheinlich ist das Geheimnis dieser umtriebigen Familie: die Organisation. Neben den beruflichen Terminen plant Sabine Haack Theaterbesuche, Treffen mit Freunden und alle paar Wochen einen Paarabend, damit vor lauter Arbeit und Kind die Beziehung lebendig bleibt. Uwe-Karsten Heye sagt, wenn er sich etwas wünschen dürfte, wäre er gerne zehn Jahre jünger. Dann würde er sofort noch ein Kind haben wollen.

Der Verdacht drängt sich auf: Vielleicht sind es ja die Kinder selbst, die unsere Paare zu Energiezentren machen. Wenn es so wäre, dann wäre die Behauptung falsch, die wie ein Generalbass die Hintergrundmusik zur Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durchzieht: dass Kinder Karrierebremsen sind.

Und die Kinder – dürfen sie denn gar nichts sagen in dieser Geschichte, gehen sie unter im organisierten Alltag, entsprechend der vorherrschenden Meinung über Karriereeltern?

Gerade sagt Jäki Hildisch zu seiner Frau, die von ihren verstohlenen Blicken zu den Spielplatz-Müttern erzählte: "Wenn ich ein eigenständiges Berufsleben eintauschen müsste gegen einen noch so tollen Spielplatz, dann wäre das für mich keine Alternative." Da geht plötzlich die Tür zum Wohnzimmer auf. Es tritt ein Paul-Vincent Hildisch. In Ritterkostüm, mit einer Doppelaxt stürzt er, Kampfesschreie ausstoßend, auf seine Eltern und den Gast zu.

Herdlitschke: Paul!
Hildisch: Gib mal die Waffe her. Hast du dich geärgert über Mama?
Paul: Imhmmm.
Herdlitschke: Aber warum? Weil du die Tür geknallt hast, zum fünften Mal, und ich dir gesagt habe, dass man das nicht macht?
Paul: Imhamm.
Herdlitschke: Du gehst dann mal ins Bett.
Paul: Ich geh jetzt nicht ins Bett.
Herdlitschke: Dann geh erst mal aufs Klo und dann in dein Zimmer, jetzt ist Erwachsenenzeit.

Der Ritter verlässt, Laute tiefster Missbilligung ausstoßend, umgehend das Wohnzimmer.

Herdlitschke: Gute Nacht, mein Lieber.

Wenige Minuten später ist er, in vollem Ornat, friedlich in seinem Ritterbett eingeschlafen.

Wenn man die Eltern dann so sieht, den Expunk und die hippe Filmfrau, wie sie Paul-Vincent, den glücklich schlafenden Ritter, ansehen und danach noch Holly zudecken, dann beginnt man daran zu zweifeln, ob sie sich wirklich einer zweiten Ohneeinander-Tour oder auch nur auf die Dauer beide weiterhin einem Fulltime-Job aussetzen werden. Bestätigung? Die Welt sehen? Ein bisschen Glamour schnuppern? Na klar! Aber Erfüllung?

Die liegt gerade selig schlafend in den beiden Kinderzimmern.

Ausführliche Porträts der drei Paare lesen Sie in dem Buch "Powerpaare – mit Kindern sind wir stärker" , herausgegeben von Susanne Gaschke und Moritz Müller-Wirth (Heyne-Verlag). Darin enthalten sind auch weitere Reportagen über erfolgreiche Eltern, unter anderem über die Gründer der Modemarke Strenesse, Gabriele und Gerd Strehle, sowie über die Historiker Monika Wienfort und Paul Nolte.