Endlich, um 1500, war der Weg übers Meer frei. Seit der Antike hatte Europa Handelsbeziehungen mit Asien gepflegt. Doch der Weg über die Seidenstraße war aufwendig und riskant. Der Seeweg ums Kap der Guten Hoffnung eröffnete dagegen nun einen freien Zugang zu den hoch entwickelten Märkten Asiens, zu Gewürzen, Textilien, Töpferwaren. Nachdem die Portugiesen Ostindien zunächst für sich erschlossen hatten, wurden sie im 17. Jahrhundert von zwei privaten, aber staatlich privilegierten Unternehmen verdrängt. Die 1602 aus einer Reihe kleinerer Vorläufer vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) der Niederlande und die schon 1600, aber ohne vergleichbare Vorgänger gegründete East India Company (EIC) der Engländer waren die ersten Weltkonzerne.

Der Historiker Jürgen G. Nagel hat seine Studie darüber mit gutem Recht Abenteuer Fernhandel genannt, ohne auf die Arbeitsbedingungen der Kompanieangestellten näher einzugehen. Ihr Vorgehen in Ostindien war nicht nur wegen der monatelangen Seefahrten abenteuerlich und schloss diplomatische wie militärische Optionen ein. Es reichte von der einfachen Handelsfahrt über Verhandlungen mit lokalen und Landesherren bis zu bewaffneten Raubüberfällen und zum Völkermord an den Bewohnern kleinerer Inselstaaten. Außer auf ihre Kanonen konnten sich Niederländer und Briten, aber auch Dänen, Schweden und Franzosen noch am ehesten auf ihr Geld verlassen, denn lange Zeit gab es in Asien wenig Interesse an europäischen Massengütern. Umso größer war der Bedarf an Edelmetallen, und so wanderte das Silber, das die Spanier aus Amerika herausgepresst hatten, weiter nach Osten als geplant – und konnte den Kapitalbedarf doch nicht decken. Neben dem eurasiatischen Fernhandel agierten die Ostindienkompanien deshalb zunehmend im innerasiatischen Handel und wurden so zu Teilnehmern eines komplexen Wechselspiels, das bis auf die Ebenen der regionalen und lokalen Wirtschaft hinabreichte.

Jürgen G. Nagel arbeitet nicht nur die großen historischen Linien heraus, in deren Zuge sich der private Kolonialhandel zum Kolonialismus und die EIC sich von einem privilegierten Unternehmen in eine Kolonialagentur verwandelten. Sein Buch zeigt auch die vielschichtigen Wechselbeziehungen, mit denen die Ostindienkompanien »gleichermaßen als Fremdkörper wie als Teilhaber« eine Weltregion transformierten und dabei selbst transformiert wurden. Aus Innovatoren wurden Gegner eines freien Handels. Die Niederländer beriefen sich auf ihr von Hugo Grotius 1609 in seiner Schrift Mare Liberum begründete Freihandelsrecht – doch wollten sie dieses Recht möglichst exklusiv. Entsprechend brutal war ihr Auftreten auf den Gewürzinseln Südostasiens. Erfolgreich war die VOC aber auch bei Handelspartnern ganz anderen Kalibers, nur musste sie sich von China und Japan deren Bedingungen diktieren lassen.

Die britische EIC war im Wettrennen nach Ostasien zunächst ins Hintertreffen geraten, doch sollte sich ihr angesichts der Macht des Mogulreiches stärker diplomatisch geprägtes Engagement in Indien langfristig als erfolgreicher erweisen. Dabei trat die EIC nicht nur als Käufer auf, sondern gewann auch Einfluss auf die Produktion von Waren, die gezielt für den europäischen Markt hergestellt wurden. Hatten die Gewürze Ostasiens die Europäer mit fantastischen Profitspannen angelockt, so wurden diese im 18. Jahrhundert vom Tee überrundet, der sich zum wahren Massengut entwickelte.

Schon damals eilte die Weltwirtschaft der Weltpolitik voraus – nur wurde sie Ende des 18. Jahrhunderts vom staatlichen Kolonialismus noch einmal eingeholt. Die größte Bedeutung der Ostindienkompanien liegt für Nagel »in der Verknüpfung zweier Welten«. Doch je mehr verknüpft wurde, desto schwieriger waren exklusive Ansprüche zu verteidigen. Angesichts des wachsenden Einflusses der europäischen Großmächte war die staatliche Übernahme von Kolonialstützpunkten und Verwaltungen schließlich nur noch eine Frage der Zeit. »Kurz und mittelfristig waren sie Wegbereiter der Kolonisierung weiter Teile Asiens und auch Südafrikas«, schreibt Nagel über die Ostindienkompanien. Aber damit setzten sie einen Prozess in Gang, der über Handels- und Staatskolonialismus hinausführte: »Langfristig bereiteten sie durch die Transformation von Märkten, Warenströmen und Kulturen … das Feld für einen dauerhaften Prozeß, der heute in seiner durch das Hightech-Zeitalter beschleunigten Spielart eben als Globalisierung bekannt ist.«

Ohne die Brutalität und die Menschenverachtung der Ostindienkompanien zu beschönigen, zeigt Nagels Buch, dass es die Gesetze der Ökonomie waren, die deren Aufstieg und Verfall geprägt haben. Wer sich ernsthaft mit dem befassen will, was wir heute als Globalisierung bezeichnen, findet hier eine ausgezeichnete Einführung in deren Grundlagen.