Ausmaße und Gewicht entsprechen ziemlich genau einem Berliner Doppeldeckerbus. Doch die Fahrt geht nicht von Spandau nach Lichtenhain, sondern auf der Spitze einer Ariane-Rakete von Französisch-Guayana zur Internationalen Raumstation ISS. An Bord hat die zehn Meter lange Hightechröhre weder Fahrer noch Passagiere, sondern 7,6 Tonnen Fracht. Und eine Rückkehr ist ausgeschlossen. Am Ende seiner Reise wird das Automated Transfer Vehicle, kurz ATV genannt, gefüllt mit sechs Tonnen Müll aus der Raumstation, beim steilen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre über dem Südpazifik verglühen.

Mit dem mehrmals verschobenen Jungfernflug leistet die europäische Raumfahrtagentur Esa den zweiten milliardenschweren Beitrag zum Aufbau der Raumstation innerhalb eines Monats. Am 11. Februar hatte das Forschungslabor Columbus angedockt. Inzwischen haben die ersten wissenschaftlichen Experimente begonnen – eine Simulation der Strömungsverhältnisse im Erdinneren und die Beobachtung des Wachstums von Wurzeln in der Schwerelosigkeit. Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain frohlockt: »Mit Columbus und ATV sind wir endlich vollwertige Partner.«

Doch das ist reichlich übertrieben. Denn für An- und Abreise des Personals bleibt die ISS weiterhin auf den amerikanischen Spaceshuttle und nach dessen für 2010 geplanter Ausmusterung auf die russische Sojus-Kapsel angewiesen. Alan Thirkettle, der bei der Esa die ISS- Aktivitäten leitet, drückt sich auch zurückhaltender aus: »Das Forschungslabor Columbus ist der Grund für unsere Beteiligung an der Raumstation. Den dafür fälligen Mitgliedsbeitrag entrichten wir mit dem ATV.« Bezahlt wird der Transporter von der Esa, doch 92 Prozent seines Frachtraums stehen der Nasa zur Verfügung – als Gegenleistung für die Mitnahme europäischer Astronauten sowie für den Transport und Betrieb von Columbus.

Einen »Meilenstein« sieht Thirkettle trotzdem in der »extrem komplexen Mission«. Sechs Monate lang soll das ATV nach einem vollautomatischen Andockmanöver Bestandteil der ISS bleiben – mit allem, was an Energieversorgung, Druckausgleich und Sicherheitsauflagen dazuggehört. Damit verfüge Europa erstmals über »die wesentlichen Technologien der bemannten Raumfahrt«.

Doch auch das ist übertrieben. Wer Menschen ins All schießt, sollte sie auch heil wieder zurückbringen können. Die sichere Rückkehr eines Raumfahrzeugs hat die Esa bisher aber erst ein einziges Mal mit dem vor über zehn Jahren in Frankreich gebauten Atmospheric Reentry Demonstrator geprobt. Und für die Ausstattung des ATV mit einer kleinen Kapsel für den Rücktransport von Forschungsergebnissen gibt es nur eine Machbarkeitsstudie.

Die deutsche Raumfahrtagentur DLR und ihre Astronauten Reiter und Schlegel träumen trotzdem von einer bemannten europäischen Rakete. Die war in den achtziger Jahren unter dem Namen Hermes Raumgleiter schon einmal geplant, dann aber Anfang der neunziger Jahre aus Kostengründen wieder verworfen worden. In einer Vorstudie lässt die Esa derzeit die Möglichkeit einer Runderneuerung der russischen Sojus-Rakete für ein gemeinsames westeuropäisch-russisches Crew Space Transportation System untersuchen. Das Ergebnis soll bis zur Esa-Ministerratskonferenz im November vorliegen.

Auch im ATV wird russische Technik für das Andockmanöver mitgenutzt. Schließlich versorgt Russland schon seit 30 Jahren seine Raumstationen mit unbemannten Kapseln – zuerst die Saljut, dann die Mir und heute die ISS. Rund hundert erfolgreiche Flüge hat der Progress genannte Weltraumlaster schon absolviert. Dabei kann er zwar nur 2,3 Tonnen Nutzlast abliefern, das allerdings zu vergleichsweise niedrigen Kosten.

Eine Milliarde Euro haben Entwicklung und Bau des ersten ATV gekostet, dazu kommen noch einmal 350 Millionen für die Bodenkontrolle, Anpassung und Start der Ariane-Trägerrakete. Im Abstand von gut einem Jahr sollen insgesamt vier weitere Transporter zur ISS fliegen. Sie sind bereits zum Festpreis von rund einer Milliarde Euro beim Hersteller EADS-Astrium in Bremen bestellt. Insgesamt wird die Esa bis 2013 rund drei Milliarden Euro für die Belieferung der ISS ausgeben.

Wasser ist damit an Bord der Raumstation viermal so teuer wie Gold an der Frankfurter Börse. Ein Kilo des edelsten Metalls kostet dort rund 20.000 Euro, jedes im ATV transportierte Kilo Fracht schlägt unter Einbeziehung aller Kosten mit umgerechnet 80.000 Euro zu Buche. Der Preis für Beiladungen im amerikanischen Spaceshuttle liegt in der gleichen Größenordnung. In einer russischen Progress kostete es vor einigen Jahren nur ein Viertel davon. Inzwischen haben die Russen ihre Preise erhöht.

Noch teurer als per Shuttle oder ATV wird die Versorgung der Raumstation mit dem vierten, in Japan entwickelten Lieferfahrzeug. Dieses sogenannte HTV soll Ende 2009 auf einer eigens für diesen Zweck entwickelten Rakete zum ersten Mal abheben. Es kann nicht selbstständig direkt an die Raumstation manövrieren, sondern muss von ihrem Fangarm an die richtige Stelle bugsiert werden.

Anders das ATV. Das komplizierte Zusammenspiel von Navigationsgeräten, Lageregelung und Triebwerken beim automatischen Herantasten an die Ladebucht funktioniert bisher allerdings nur in Theorie und Modellen. Praktisch konnte der Ablauf auf der Erde nicht erprobt werden. Deshalb wird das erste ATV nach dem Start am 9. März zunächst eine ganze Reihe von Testmanövern rund um die Raumstation absolvieren. Nur wenn diese erfolgreich verlaufen, darf es am 3. April tatsächlich andocken, und die ISS-Besatzung kann die Verbindungsklappe öffnen.

860 Kilo mitgebrachter Treibstoff und 270 Liter Trinkwasser werden dann in die Raumstation gepumpt, 20 Kilo Sauerstoff frischen die Atemluft auf. Eine halbe Tonne Lebensmittel, viel Kleidung und 136 Kilo Ersatzteile für das Columbus- Labor müssen die Astronauten umpacken.

Der Rest der Ladung, gut zwei Tonnen Treibstoff, die nach Start und Testmanövern noch übrig sind, bleiben an Bord des ATV und werden in den folgenden sechs Monaten dazu genutzt, die durch Reibung an der Restatmosphäre um 200 Meter pro Tag absinkende Raumstation zurück auf ihre Umlaufbahn in 350 Kilometer Höhe zu schieben. Derweil nutzen die Astronauten den ATV als Müllkippe. Mit den letzten Tropfen Treibstoff legt das Vehikel schließlich ab und zerstört sich beim Sturz in die Atmosphäre selbst.