Wer kennt das nicht: Das Flugzeug ist zum Einsteigen bereit, die Schlange der Passagiere schiebt sich langsam durch die Fluggastbrücke – und kommt ins Stocken, weil der beleibte Herr aus Reihe 6 unbedingt als Erster an Bord wollte und nun umständlich seinen Koffer im Gepäckfach verstaut. Mit dem Hinterteil stößt er an die Dame aus Reihe 5, die ihren Gangplatz räumen muss, um den Passagier mit dem Sitz am Fenster durchzulassen.

Das "Boarding" von Flugzeugen ist ein nervenaufreibender Prozess, der die Fluggesellschaften viel Zeit und damit auch Geld kostet. Praktiker und Theoretiker überlegen seit Jahren, wie sich die Sache beschleunigen ließe. Der neueste Vorschlag, den das Magazin Nature vergangene Woche vorstellte, stammt von Jason Steffen, einem Physiker vom amerikanischen Fermilab. Der beschäftigt sich sonst mit der Simulation von Elementarteilchen, nun wendete er den sogenannten Monte-Carlo-Algorithmus auf Ketten von Fluggästen an.

Natürlich musste der Physiker für sein Modell gewisse Annahmen machen. So ließ er etwa die Zeit für das Verstauen von Handgepäck – während der die Passagiere sowohl den Gang als auch mindestens eine weitere Sitzreihe blockieren – in seiner Simulation zufällig im Rahmen gewisser Grenzen variieren. Ein bisschen musste er dem Computer auch auf die Sprünge helfen, denn selbst moderne Supercomputer können nicht alle möglichen Reihenfolgen der 120 Passagiere eines Standardfliegers berechnen. Die dafür nötige Zeit wäre größer als das Alter des Universums.

Als Referenz wählte Steffen die intuitiv schlechteste Einsteigemethode: Die Sitzreihen werden von vorn nach hinten gefüllt. Man kann es sich geradezu bildhaft vorstellen, wie sich die Fluggäste dabei gegenseitig blockieren. Wer nun glaubt, dass die umgekehrte Reihenfolge, also streng von hinten nach vorn, das Optimum wäre, der muss sich von der Simulation belehren lassen: Das ist tatsächlich die zweitschlechteste Möglichkeit. Besser ist da schon die Methode, die heute die meisten Fluggesellschaften anwenden, nämlich die Passagiere in großen Blöcken von hinten nach vorn einsteigen zu lassen. Sie benötigt 34 Prozent weniger Zeit als der worst case.

In seinen Simulationen fand Steffen heraus, dass die Boardingzeit am kürzesten ist, wenn zwei nacheinander einsteigende Passagiere jeweils zwei Sitzreihen voneinander entfernt platziert sind; dann behindern sie sich am wenigsten im Gang. Um diese Bedingung zu erfüllen, ersann er ein Modell, das dann in der Simulation tatsächlich am besten abschnitt: Für ein Flugzeug mit 20 Reihen ließ er zunächst zehn Passagiere in den Reihen 20, 18, 16 und so weiter einsteigen. Dann zehn Passagiere mit ungeraden Sitzreihen 19, 17, 15… so lange, bis das Flugzeug voll besetzt war. Die Zeitersparnis gegenüber dem ungünstigsten Fall betrug stolze 80 Prozent.

Funktionieren kann diese Methode freilich nur, wenn die Reihenfolge zum Einsteigen exakt festgelegt wird. Das wird zum Beispiel von der Gesellschaft Southwest in den USA tatsächlich praktiziert. Doch bei den meisten Airlines scheitert die wissenschaftliche Optimallösung an der schnöden Realität. Nicht nur, dass die Festlegung der Reihenfolge mehr organisatorischen Aufwand erfordert; auch bei Fluggästen kommt sie nicht gut an – zusammen reisende Passagiere wollen eben meist auch zusammen Schlange stehen.

Deshalb versuchte Steffen, einen Kompromiss zu finden, und ließ seine Modellpassagiere in vier Gruppen einsteigen: Zuerst die geradzahligen Sitznummern auf der linken Seite des Flugzeugs, dann dieselben Reihen auf der rechten Seite, anschließend die beiden ungeradzahligen Sitzgruppen. Diese Methode wäre leicht zu praktizieren – man müsste nur die Nummer der entsprechenden Gruppe auf die Bordkarte drucken – und lieferte gegenüber dem worst case eine Zeitersparnis von 57 Prozent. Das Boarding dauerte damit etwa genauso lange, wie wenn man zunächst alle Fensterplätze, dann die Mittelplätze und zuletzt die Gangplätze aufriefe. Nur: Dieses Verfahren haben einige Airlines zeitweise praktiziert, aber dann wieder aufgegeben, weil sich die meisten Reisenden nicht daran hielten. Außerdem sind beide Verfahren nur geringfügig besser, als wenn man die Fluggäste wild und zufällig durcheinander einsteigen ließe.