Macht euch schon mal nackig – Seite 1

Sechs Schauspieler gehen zu einem Wasserbecken im Bühnenhintergrund. Sie gehen mit jener Entschlossenheit, mit der Turmspringer das Brett betreten. Ihr eiliger Schritt kündet von überwundener Angst, vom Nicht-mehr-Zurück der gemeinsamen Mutprobe. Nun springen sie ins Wasser, und sie tragen eine Bühnenkleidung, die nur dazu da ist, gleich wieder abgestreift zu werden. Der Sprung ins Wasser ist Vorwand der Entblößung.

Das ist der Anfang von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück Calypso, einem Auftragswerk fürs Hamburger Schauspielhaus: Ein paar Menschen fallen ins Wasser und ziehen sich aus. Und wie bei so manchem Auftragswerk dieser Tage hat man den Eindruck, das ganze Stück sei nur zum Auskosten einer »Situation« geschaffen worden.

Vom »Ich« ist auf den deutschen Bühnen derzeit nicht viel die Rede. Das Theater arbeitet stattdessen am großen »Wir«. Selten sieht man neue Stücke, in denen ein prägnanter, unbeirrbarer Einzelner sich behauptet. Andauernd aber sieht man Stücke, in denen graue, verschwommene Wesen eine Gruppe bilden, einen Zwangszusammenhang erleben.

Ein Moment von pornografischer Kälte: Die Entfesselung der Seelen

Bei Schimmelpfennig treffen sich sechs Menschen der gehobenen Mittelschicht – ein Arztehepaar, ein junger Mann und eine junge Frau sowie das Gastgeberpaar – und besteigen ein Boot namens Calypso (das man im Hamburger Schauspielhaus aber nicht sieht). Die Calypso sinkt, die Menschen retten sich und wickeln sich in Badehandtücher, die Stimmung ist aufgekratzt, Gelächter und Schnappatmung, und die Gastgeberin fragt: Was darf ich Ihnen anbieten? Schimmelpfennig sagt in seinen Regieanweisungen, dass die Spieler gerne mal die Badehandtücher von den nackten Leibern gleiten lassen dürfen (was sie dann auch tun). Außerdem raunt er dem Spielleiter zu: »Es wird die ganze Zeit über viel Alkohol getrunken, im Grunde von allen Anwesenden ununterbrochen, später wird auch gegessen.«

Damit ist eigentlich alles klar. Schimmelpfennigs Leute sind dazu da, sich in jeder Hinsicht nackig zu machen. Im neuen deutschen Gruppenstück geht es darum, dass sogenannte Kulturwesen ihre Hüllen ablegen. Ein solches Stück lebt von einer Entblößungsverheißung, welche mehr verspricht als den Anblick der Genitalien. Es will den Menschen so zeigen, wie er wäre, wenn er endlich mal dazu käme, er selbst zu sein – wenn er nicht gezähmt wäre von Scham, Lüge, Selbstbeherrschung. Das Wir-sind-ein-Volk-Stück funktioniert nach dem Prinzip der gegenseitigen Erhitzung: Die Figuren werden so lange im Gruppensud gegart, bis jede einzelne aus ihrer Uraufführungshaut platzt und uns stolz ihre Füllung entgegenschleudert. Diesen Moment könnte man, da es ein Moment von pornografischer Kälte ist, den Seelen-Cumshot nennen.

Da schauen wir alle gerne hin. Schließlich möchte man wissen, womit der Mensch von heute so gefüllt ist. Jedoch, wenn es endlich so weit ist und alle Figuren zufrieden geplatzt sind, würde man ihnen am liebsten eine große bunte Lebenslüge hinhalten, hinter der sie sich verbergen könnten. Denn was sich da entladen hat, ist bloß Sägemehl, knirschtrockener Füllstoff eines Konversationsstücks.

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Damit Schimmelpfennigs flaches Schauspiel ein wenig Tiefe gewinnt, lässt der Hamburger Uraufführungsregisseur Jürgen Gosch, ein treuer Verehrer der Schimmelpfennigschen Kunst, seine Inszenierung immer mal wieder für Momente gefrieren. Das dappig betrunkene, eigensüchtige Volk in seinen Badetüchern muss nun sekundenweise wie in der Zeitsülze eines Bill-Viola-Videos darben, aus aufgekratzter Heiterkeit stürzt es in den Salzstock des Todes. Gosch inszeniert hier kleine Zeitlücken, durch welche es aus der Ewigkeit hereinpfeift, Jenseits-Slots, durch welche ein Geist, der tote Vater eines nackten Trinkers, ins Spiel schlüpft. Dieser Tote, den Schimmelpfennig erfunden hat, um seinem Stück eine zweite Ebene zu geben (dabei hat es nicht mal eine erste), ist ein Schmarotzer und Krümeldieb des Tages: Er ernährt sich vom Staub, den die Lebenden absondern. Die wiederum wirken sehr zufrieden mit sich. Im Rausch vergessen die Hamburger Nackten, dass sie nackt sind. Ihre Stimmen klingen souverän, es sind die Stimmen von korrekt Gekleideten. Der Alkohol lindert ihre Scham wie ein rasch gewachsenes Fell. Was lernen wir aus dieser Inszenierung? Vor allem eines: Alkohol ist mehr als die Volksdroge der Deutschen, er ist offenbar die Entwicklerflüssigkeit, der Blutverdünner dieses verstockten, in Gerinnung lebenden Volkes. Ohne Alkohol keine Geselligkeit, kein wahres Wort, kein Witz, vermutlich auch keine Fortpflanzung. Aber wusste man das nicht schon vorher?

Bedrängt von so viel nackter Menschenhaut und doch seltsam unbefriedigt, eilen wir nun nach Kassel, ans Staatstheater. Dort ist soeben das neue Stück von Theresia Walser uraufgeführt worden, Morgen in Katar . Auch das ist ein Wir-Stück, eine Gruppenentblößung im Zeichen des Todes und unter heftiger Alkoholeinwirkung.

»Kattrin, da hat sich wieder so ein Arsch vor den Zug geschmissen«

Was geschieht? Ein ICE der Deutschen Bahn kommt bei Karlsruhe abrupt zum Stehen, weil ein Selbstmörder sich vor die Lok geworfen hat. Walser beobachtet, was nun in einem beliebigen Waggon passiert. Wieder also die Dramaturgie von Ausnahmezustand und Zufallsgruppe, bei Schimmelpfennig war’s ein Bootsunfall, bei Walser ist’s nun ein »Personenschaden«. Und auch hier wird ununterbrochen getrunken.

Jedoch, Walser Stück ist, verglichen mit Schimmelpfennigs Calypso, ein unendlich liebevoll gemachtes Stück, kein Fließbandprodukt, sondern eine feine Bastelarbeit. In Morgen in Katar trägt jede Figur ihren eigenen engen Horizont greifbar mit sich, als hätte man ihr eine Ich-Schneekugel gleich einem durchsichtigen Raumfahrerhelm auf den Kopf geschraubt: Man sieht immerzu, was jeder denkt, was er im Kopfe hat, was in seinem Inneren herumwirbelt.

Ein knochiger Geschäftsmann, ein stoischer Außendienstler, ein altes Ehepaar, eine Saharareisende, ein Kulturprojektemacher auf dem Weg nach Katar, ein Hagestolz auf der Fahrt zum sterbenden Vater – das ist das Personal von Morgen in Katar . Eigentlich aber reagieren in diesem Stück nicht Theaterfiguren auf- und miteinander, sondern Register des Komischen: Das Valentineske (»Katar, das ist wie Renaissance und Paris, Florenz und Venedig, nur dass es noch nicht gebaut ist«), das Gerd-Dudenhöffer-Hafte (»Die Hilde hat mal eine Windhose fotografiert«), das Stromberg-Artige (»ich bin’s, Kattrin, will dir nur sagen, da hat sich wieder mal so ein Arsch vor den Zug geschmissen«), das Loriot-Mäßige (»unsere Türen bieten höchste Verschlussgarantie bei gleichzeitiger Optimaloffenheit«), ja sogar das Martin-Walser-Artige (»Sie sind doch alleinstehend, oder, ich meine, so ein Schal, wie Sie einen Schal tragen, da hat doch daneben nichts Platz«).

Die Kasseler Bühnenbildnerin Ulrike Obermüller findet für den stickigen ICE-Waggon keine schlechte Lösung: Eine von Seilen fixierte Rampe, schwer nach vorn hängend, mit Sesseln bestückt – man erinnert sich an Dürrenmatts parabelhafte Erzählung Der Tunnel, worin ein voll besetzter, aber von Gott verlassener Zug in einem senkrechten Tunnel erdkernwärts rast.

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Leider lässt es sich das Kasseler Ensemble unter der Regie der Walser-Spezialistin Schirin Khodadadian nicht nehmen, Walsers mit Pointen schwer behängte Sätze so ausgiebig zu schütteln, dass sie derbe scheppern. Die Männer sind laut, als wollten sie dem Publikum sagen: Lacht, dies ist ein Überfall! Die Damen schmücken den Dialog, aus Angst, er könnte überhört werden, mit dem Gesang ihrer Stimmen. Diese Schauspieler unterspielen nicht, was nötig wäre, den Witz der Autorin, sie übernehmen für jede Pointe eine Bürgschaft und die volle Verantwortung.

So viel also zum Wir-Theater. Eigentlich müsste man ja vom Hurra-wir-leben-noch!-Theater sprechen, denn es spielt im Vorgefühl der Apokalypse und im Schatten individuellen fremden Unglücks, und es zehrt vom schamlosen Überlebenswillen seiner Figuren. Schimmelpfennigs Calypso ist ein misslungenes, Walser Morgen in Katar ein erfreulicheres Exemplar der Gattung. Ohne eine grundsätzliche Herablassung der Dramatiker für ihre Figuren würden beide Stücke nicht funktionieren. Aber bei Walser ist es eine fürsorgliche und warme, bei Schimmelpfennig eine gleichgültige, ja routinierte Herablassung.

Insgesamt ist das Wir-leben-noch-Stück eine Gattung von begrenzten Möglichkeiten. Das liegt am engen Horizont seiner Protagonisten. Ihre Gedanken, ein Gemisch aus Küchenmagie, Kalendersprüchen, fixen Ideen und Verfolgungswahn, sind wie zähes Harz, welches das Gehirn verklebt. Jeder Dialog ist hier bloß ein erfolg- loser Versuch, den Hirnkasten durchzuspülen – ganz im Gegensatz zum beweglichen, raumgreifenden, schöpferischen Denken und Sprechen großer Dramenfiguren.

Das größte Problem des Wir-Stücks besteht aber darin, dass es nicht enden kann. Seine Dramatiker haben ein Material, einen Einfall, eine Situation – aber kein einziges glaubwürdiges Ich. Sie finden für all diese Leute und für ihre Stücke kein Ziel und keinen Schluss, naturgemäß: Gespenster können ja nicht sterben.