Die Bilder aus der kleinen Alpendiktatur gingen um die Welt. Eine halbe Million jubelnder Menschen säumte die Straßen, durch die der Konvoi mit der schweren Mercedes-Limousine an der Spitze rollte. Die »dröhnenden Akkorde eines nationalen Gebetes« vernahm Joseph Goebbels, als er am 15. März 1938 in einer Direktübertragung des Rundfunks den triumphalen Einzug des Österreichers Adolf Hitler in Wien kommentierte: »So ist aus den unendlichen Qualen des deutschen Volkes in Österreich am Ende doch die Erlösung gekommen.«

Am 11. März um 15. 30 Uhr hatte der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der an der Spitze eines klerikalen, autoritären Regimes stand, unter dem Druck der Nationalsozialisten demissioniert. Im ganzen Land wehten bereits seit Stunden an den öffentlichen Gebäuden die Hakenkreuzfahnen. SA-Trupps besetzten Postämter, Bahnhöfe, Gemeindekanzleien und Gendarmerieposten.

Im Morgengrauen des 12. März landete der Reichsführer SS Heinrich Himmler, begleitet von einem Vorkommando der Gestapo, auf dem Flugfeld Wien-Aspern. Kurz darauf überschritten insgesamt 117000 Mann der 8. Armee der Wehrmacht die Grenze. Es gab blamable Pannen, doch keine Gegenwehr. Die Bevölkerung streute Blumen. Am 15. März »meldete« Hitler »vor der Geschichte« und Hunderttausenden begeisterter Menschen auf dem Wiener Heldenplatz »den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich«.

In dieser Stunde hatten neue und alte Nazis freilich weniger »die Geschichte« im Sinn als die Verteilung der Beute. Eine infernalische Orgie der Habgier und Raffsucht brach los. Es wurde geplündert und gestohlen, es wurde »arisiert«, solange der Vorrat reichte. Selbst die preußische Disziplin der neuen Machthaber konnte die Raubrattenzüge nicht stoppen.

Der Wiener Mob stürzte sich auf die Juden, schleifte sie auf die Straße und zwang sie, auf ihren Knien das Pflaster zu schrubben oder mit bloßen Fingernägeln Schuschnigg-Plakate von den Häuserwänden zu kratzen. Fotos zeigen diese sogenannten Reibepartien: Höhnisch grinsen feiste Lodenjoppen, johlend drängen sie sich um ein schlotterndes Menschenbündel, spucken, treten, stoßen. »Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde«, erinnerte sich Carl Zuckmayer an diesen Triumphtag, an dem er aus seinem Wiener Exil in einem Schnellzug nach Zürich floh.

»Ich kenne Sie gut«, sagte Hitler, »ich habe viel von Ihnen gelernt«

Wenige Monate nach seinem Rücktritt befand sich der frühere Bundeskanzler Kurt Schuschnigg in einer Zelle der Wiener Gestapo-Zentrale im vormaligen Hotel Metropol. »Die heutige Lösung ist ebenso zwangsläufig als endgültig, historisch und begründet«, formulierte der Inhaftierte in einem Gnadengesuch an Hitler, in dem er sich erbötig machte, »der deutschen Sache dienlich zu sein«. Ihm, dem gefallenen Patrioten, sei in den Jahren vor dem Anschluss lediglich eine »halbe Lösung« vorgeschwebt, ein »verschleierter Anschluss oder eine losere staatsrechtliche Bindung«; doch »der Führer […] hat das Problem gelöst, das seit 1866 offenstand. Er hat somit vollendet, was Bismarck begonnen hat.«