Viel wird im Augenblick debattiert über die Abstiegsängste der Mittelschicht in Deutschland. Jüngste Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) verorten inzwischen fast ein Viertel der Bevölkerung in der Gruppe der Geringverdiener, darunter viele Familien. Armut muss nicht automatisch Verwahrlosung oder den Ausschluss von kulturellen Aktivitäten bedeuten – aber förderlich ist sie einer (bildungs)bürgerlichen Lebensweise auch nicht. Und so sind die Zahlen, die die Mainzer Stiftung Lesen gemeinsam mit der Deutschen Bahn AG und der ZEIT im vergangenen Dezember hat erheben lassen, unter dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit zwar erschütternd, aber höchstens in ihrer Größenordnung überraschend: Fast 50 Prozent der Eltern von Erstklässlern lesen ihren Kindern selten oder gar nicht vor; in Familien mit türkischem Migrationshintergrund gilt das sogar für 80 Prozent der Eltern. Letztere geben mit großer Mehrheit zu Protokoll, ihre Kinder spielten lieber am Computer oder sähen fern, als sich mit Büchern zu befassen. »Die Studie belegt eine hohe Schichtbezogenheit der Vorlesepraxis, je niedriger die Schulbildung, je niedriger das Haushaltseinkommen, desto weniger lesen Eltern vor«, sagt Heinrich Kreibich, Geschäftsführer der Stiftung Lesen. Da aber nichts die Sprachfähigkeit, das Konzentrations- und Ausdrucksvermögen so sehr fördert wie der frühe, vergnügliche Umgang mit Büchern und Geschichten, haben Kinder aus »lesefernen« Familien von Anfang an einen schlechteren Start im Leben als diejenigen ihrer Altersgenossen, die mit der kleinen Raupe Nimmersatt, Pu dem Bären und mit Aladin aufwachsen.

Gegen diese systematische Benachteiligung will die Stiftung etwas tun, und zwar nicht mehr länger nur mit Modellprojekten und Einzelinitiativen, sondern mit einer breit angelegten, bundesweiten Kampagne. »Lesestart« soll vom Sommer 2008 an innerhalb von zwei Jahren 500.000 Kleinkinder erreichen, die im Alter von zehn bis zwölf Monaten ihrem Kinderarzt zur Vorsorgeuntersuchung U6 vorgestellt werden. 2.600 der 5.000 Kinderarztpraxen im Lande haben bisher ihre Bereitschaft bekundet, sich an der Aktion zu beteiligen. Die Kinderärzte werden Lesesets an die Eltern ihrer kleinen Patienten aushändigen: Darin befindet sich ein Bilderbuch, eine Vorschlagsliste mit Titeln, die fürs frühe Vorlesen besonders geeignet sind, eine Broschüre mit Vorlesetipps für die Eltern und ein Poster für das Kinderzimmer. »95 Prozent der Kinder nehmen an der U6 teil«, sagt Kreibich, »wir haben also an diesem Punkt eine große Chance, möglichst viele zu gewinnen. Und wir setzen auf die Autorität der Kinderärzte, wenn es darum geht, deutlich zu machen, wie wichtig Bücher für die kindliche Entwicklung sind.« Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Ermunterung zum Vorlesen werde von den Eltern im Allgemeinen positiv aufgenommen, sagt Klaus Schwieger, Kinderarzt in Leipzig und stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Sachsen. Sie sei freilich auch nötig, denn das für die kindliche Entwicklung so notwendige Reden, die Kommunikation mit anderen Menschen, werde in immer mehr Familien an den Fernsehapparat delegiert: »Heute gibt es nun einmal unzählige Programme, die rund um die Uhr laufen, das verführt dazu, die Kinder vor dem Bildschirm zu parken.« Eine verzögerte Sprachentwicklung und Beeinträchtigungen beim Hörverstehen seien häufig die Folgen. Aber gibt es wirklich Eltern, die nicht wissen, dass sie mit ihren Kindern sprechen müssen, vom Vorlesen ganz zu schweigen? Doch, sagt Schwieger, die gebe es durchaus.

Genau diese schwer bezifferbare Gruppe ist es aber, die dem Medienpädagogen Bernd Schorb von der Universität Leipzig besondere Sorgen macht. Das Land Sachsen hat das »Lesestart«-Konzept seit 2006 getestet; Schorbs Institut wertete den Modellversuch im Auftrag des Bundesfamilienministeriums aus, seine wissenschaftlichen Mitarbeiter befragten rund 100 Kinderärzte und 400 Eltern, die erste Erfahrungen mit »Lesestart« gesammelt hatten. Die Ergebnisse der Begleituntersuchung werden in dieser Woche der Öffentlichkeit vorgestellt und sind überwiegend erfreulich: Immerhin 10 Prozent der Eltern gaben an, auf den »Lesestart«-Impuls hin überhaupt erst mit dem Vorlesen begonnen zu haben; 30 Prozent nahmen sich jetzt »öfter als vorher« gemeinsam mit ihren Kindern Zeit für ein Buch. »Wir hatten aber auch eine Gruppe von rund 20 Prozent, die sich das Material überhaupt nicht angesehen hat«, sagt Schorb. Für diese Mütter und Väter müsse man daher eine eigene Strategie entwickeln.

Bestürzt habe ihn besonders die Erkenntnis, dass »bildungsfern« und »lesefern« keineswegs identisch seien. »Es gibt natürlich die Eltern mit geringer Schulbildung, die gegenüber Büchern einfach kulturelle Hemmungen haben, die sich unter Druck gesetzt fühlen und sich das Vorlesen nicht zutrauen«, sagt Schorb. »Aber wir stießen auch auf eine nennenswerte Zahl von Mittelschichtsangehörigen, von Akademikern, die die These vertraten: Ach, ich hab als Kind auch nur ferngesehen, und mir hat es nichts geschadet.« Einen Kommentar zu dieser Haltung versagt sich der Professor.

Einig ist sich Schorb mit den Vertretern der Stiftung darin, dass dringend Lesestoffe gefunden werden müssen, die für Kinder mit Migrationshintergrund interessant sind. Schorb würde gern Bücher mit russischem oder türkischem Text einsetzen. »Denn wenn wir überhaupt erreichen wollen, dass vorgelesen wird, sollten wir das von den Einwanderermüttern vielleicht nicht als Allererstes auf Deutsch verlangen.«

Beispiele für die von Anfang an textorientierte Herangehensweise finden sich in der stark textorientierten britischen Kampagne »Bookstart«, die den deutschen »Lesestart« inspiriert hat – und immer noch ein höchst nachahmenswertes Vorbild bleibt. Zehn Millionen Pfund staatliche Förderung im Jahr kann die unabhängige Organisation Book Trust für Leseförderung ausgeben, dazu kommt noch einmal etwa das Vierfache an Spendenleistungen aus der Wirtschaft. »Lesestart« hingegen operiert einstweilen mit einigermaßen mühsam eingeworbenen zwei Millionen Euro.