Rund 1,9 Millionen Kinder in Deutschland leben von Hartz IV. Sie leiden besonders unter der Armut, die ihre Zukunftschancen schmälert. Wenn sie jünger als 14 Jahre sind, gesteht ihnen der Gesetzgeber 60 Prozent dessen zu, was ein alleinstehender Erwachsener bekommt. Ein Jugendlicher erhält 80 Prozent. "Dabei verbraucht er doch genau so viel Zahnpasta wie ein Erwachsener", sagt der Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. Dass man Kinder mit den reduzierten Beträgen kaum gesund ernähren könne, hat jüngst das Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung festgestellt. Und dass ein kleiner Mensch, der wächst, sogar häufiger neue Schuhe braucht als sein Vater, liegt auf der Hand.

Als Berechnungsgrundlage für das Existenzminimum der Erwachsenen, von dem die Kleinen pauschal 60 Prozent erhalten, dienen allein die Ausgaben von armen Singles. Deshalb gehen kinderspezifische Kosten in den Regelsatz gar nicht ein. "Ich halte den Bezug nur auf Alleinstehende für sehr problematisch", sagt die Volkswirtin Irene Becker, die an der Universität Frankfurt Armutsstatistiken analysiert. "Unter den ärmsten Singles gibt es relativ viele Rentnerinnen und Studenten, deren Ausgabenstrukturen ganz andere sind als die von Menschen mit Kindern."

Obendrein sind die Abschläge, die das Arbeitsministerium an den Ausgaben der bescheiden lebenden Singles vornimmt, mit Blick auf die Kinder besonders zweifelhaft. So gönnt das Ministerium den Hartz-IV-Empfängern keinerlei Ausgaben für Bildung, der entsprechende Posten wurde komplett gestrichen. Für den Schulbedarf der Kinder ist demnach nicht ein Cent vorgesehen. Und das, obwohl die meisten Bundesländer in den vergangenen Jahren die Lernmittelfreiheit abgeschafft haben und vielerorts inzwischen sogar für den Schulbus gezahlt werden muss. Hartz-IV-Eltern bekommen für solche Ausgaben kein Geld.

Irene Becker plädiert deshalb dafür, das Existenzminimum von Kindern anhand der Ausgaben von Familien zu ermitteln. Allerdings warnt sie davor, dabei nur das ärmste Fünftel zu betrachten: Dann würden viele Familien zum Maßstab werden, die in verdeckter Armut leben, die also trotz Arbeit noch weniger als das Existenzminimum haben und nicht zusätzlich Hartz IV beantragen mögen. Dass deren Zahl gerade in jüngster Zeit gestiegen ist, hat auch die Bundesregierung erkannt. Deshalb will sie jetzt den Kinderzuschlag ausweiten und mehr Wohngeld zahlen.

Becker hat auf der Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) die Ausgaben von Paaren mit einem Kind untersucht. Aus dem ärmsten Fünftel dieser Haushalte hat sie die verdeckt Armen herausgerechnet, die sogar noch unter Hartz-IV-Niveau leben. Dann hat sie, genau wie das Arbeitsministerium, die prozentualen Abschläge abgezogen – also ebenfalls kein Geld für Bildung eingeplant. Schon dabei kam sie auf einen Grundbedarf von 875 Euro plus Miete für eine dreiköpfige Familie, also auf 250 statt 208 Euro für das Kind.

Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband wird demnächst berechnen, wie viel Geld ein Kind tatsächlich zum Leben braucht. Er will ebenfalls die EVS-Daten neu bewerten und außerdem jeden Ausgabenposten daraufhin überprüfen, ob das Kind tatsächlich mit 60 Prozent vom Erwachsenensatz auskommt. Rückenwind könnte der Verband vom Bundessozialgericht erhalten, das sich noch in diesem Jahr mit dem Sozialgeld für die Jüngsten befassen wird. "Man hat bei der Festlegung des Regelsatzes die speziellen Bedürfnisse von Kindern nicht analysiert", sagt Peter Udsching, der dort Vorsitzender Richter ist. "Es wird zu untersuchen sein, ob das Verfahren mit den pauschal reduzierten Erwachsenensätzen haltbar ist."

Wenn sich allerdings herausstellt, dass die Hartz-IV-Kinder zu wenig Geld bekommen, profitieren davon auch wohlhabende Bürger. Dann muss auch der Steuerfreibetrag von gut verdienenden Eltern steigen. Denn das Bundesverfassungsgericht hat längst festgestellt, dass das Existenzminimum der Kinder wie auch der Erwachsenen nicht besteuert werden darf. "Seit diesem Urteil blickt das Bundesfinanzministerium mit Argusaugen auf die Regelsätze", sagt Helga Spindler, die an der Rhein-Ruhr-Universität Sozialrecht lehrt.