Der Traum eines kleinen Mädchens ist wahr geworden: im Schlaraffenland eines Schuhsalons zu sitzen, der dem Großvater gehört, umgeben von Lackschuhen, Spangenschuhen, Sandalen, Stiefelchen und Pumps. »Absatzschuhe«, wie das Mädchen sie nennt, gibt es leider nicht für Kinder, aber sonst: das Paradies. Wenn Amelie groß ist, will sie den Schuhsalon erben, das Schuhhaus Pallas in Ulm. Es gibt eine Gegenwart, die Hoffnung und die Zukunft. Über die Vergangenheit spricht man nicht.

Amelie Fried, Verfasserin von Bilderbüchern, Romanen, Krimis und als Moderatorin bekannt, hat in ihrer Familiengeschichte gefunden, was sie früher nie gefragt hatte. Schuhhaus Pallas – Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte könnte sich der aktuellen Welle von Erinnerungsbüchern anschmiegen, ist aber weder eine kühle Abrechnung oder eine späte Wiedergutmachung noch eine selbstverliebte Analyse geworden. Es ist das sehr ehrliche – für Jugendliche nachvollziehbare – Protokoll einer Suche. Der private Ton, mit dem sie ihre Kinder, ihren Mann, den Journalisten Peter Probst, der wohl einen guten Anteil an dem Buch hat, Onkel und Tante in Amerika einbezieht, irritiert anfangs, wird stilistisch und emotional dann aber zum Guthaben einer Geschichte, die sich langsam aufblättert, Brief um Brief, Verrat um Verrat, Tod um Tod.

Das Schuhhaus Pallas gehört ins restaurierte Nachkriegsdeutschland, wieder eröffnet hat es der Großvater Franz Fried, Hahn im Korb seiner Verkäuferinnen, daneben muss man sich eine verbitterte, zurückgezogene Oma vorstellen, einen kalten Vater, der als kunstverständiger Herausgeber und Chefredakteur die Schwäbische Donauzeitung leitete. Die eisige Atmosphäre war Preis des Überlebens.

Gegründet wurde das Schuhgeschäft 1914 von Franz Fried, österreichischer Jude, der zum Christentum konvertiert, als er Martha Hoffmann heiratet, später als »arische Reichsdeutsche« geführt. Das Geschäft floriert, man verkauft Schuhe, elegant oder bollerig, teuer oder billig, bis die Zeit kommt, da Schuhe nach »rassischer Abstammung« beurteilt werden. Ist das Geschäft jüdisch, halbjüdisch oder rein arisch? Darf dort gekauft werden, oder ist es erwünscht und erlaubt, die Schaufenster zu beschmieren und einzuschmeißen? Die politische und ideologische Spaltung der deutschen Gesellschaft dringt osmotisch auch in die Köpfe der Opfer ein. War ich nicht immer ein guter Bürger, ein Deutscher wie du und ihr? Was muss geschehen, damit sie mich als einen der Ihren akzeptieren?

Wenn man Schritt für Schritt die Selbstachtung verliert

Amelie Frieds Buch ist für Jugendliche so wichtig, weil sie nicht von Gut und Böse erzählt, nicht die Schrecken der Vernichtung in den Vordergrund stellt, sondern den schrittweisen Verlust der eigenen Selbstachtung. Wie hätten wir uns verhalten? Hätten wir beim Juden gekauft, sich im Lokal an den Tisch des ehemaligen Freundes gesetzt? Hätte man sich schreibend angepasst, wie viele Demütigungen hätte man ertragen? Als alle Eingaben und Beschwerden nichts nützen, übergibt der österreichische Staatsbürger Franz Fried das Schuhhaus an seine Frau, deklariert Martha Fried das Geschäft nun als »rein arisch«. Das Schild im Schaufenster zeigt die Scham öffentlich.

Umsonst. Auch der Ausweg, das Schuhhaus Pallas auf den Sohn Kurt, Amelie Frieds Vater, zu überschreiben, führt ins Leere. Ein Halbjude, dazu als Intellektueller verdächtig und in einschlägigen Ulmer Kunstkreisen verkehrend, ist keine Lösung. Nichts hilft: Der devote Brief ihres Vaters an die Gauleitung Württemberg wirkt peinlich, er verleugnet sich, verweist auf Nazigrößen, die er getroffen habe, spricht von der »jüdischen Rasse« seines Vaters, stolz von der »arischen« Abstammung seiner Mutter. Ein letzter verzweifelter Versuch, seine Familie, sich und das Geschäft zu retten, allein, gegen die Macht gibt es keine Argumente. Die Erniedrigung wird er sich vermutlich nie verzeihen.