Zahnarzt ohne Furcht und Tadel

Auf einen solchen Autor haben wir lange gewartet. Manche dachten schon, die arabische Literatur böte nur Kost für besonders geschulte Mägen. Selbst die Araber dachten das und kauften schon gar keine Bücher mehr. Vor al-Aswani galt ein Titel, der sich mehr als 5000 Mal verkaufte, als Bestseller. Seit seinem Roman Der Jakubian-Bau, der sich auch international hervorragend verkaufte, liegt die Messlatte bei 100000. Chicago, das zweite Buch des 1957 geborenen Kairoer Zahnarztes, hat diese Zahl ebenfalls übersprungen.

Ganz wie das Vorgängerbuch ist Chicago unterhaltsam, doch als Unterhaltungsliteratur wird selbst der argwöhnischste Kritiker es nicht begreifen können. Wenn Ahmad Danana, der Vorsitzende der ägyptischen Studenten in Chicago, dessen Hauptaufgabe darin besteht, Spitzelberichte über seine Mitstudenten zu schreiben, in der von ihm einberufenen Versammlung einen Miniaturdiktator spielt, ist zwar zwischen Klischee und Kolportage, Parodie und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden. Doch wo die Realität offenbar so sehr dem Klischee entspricht wie in diesem Milieu, verbietet der Wille zum Realismus jeden übergroßen literarischen Feinsinn. Wer angesichts der ägyptischen Wirklichkeit dennoch darauf besteht, läuft Gefahr, an den Umständen vorbeizureden und sich am Ende mit der Zensur gemeinzumachen – das Schicksal vieler hochliterarischer Bücher der arabischen Literatur und mit ein Grund dafür, warum diese von den Arabern selbst fast nicht mehr gelesen worden ist.

War es im Jakubian-Bau ein Haus in der Kairoer Innenstadt, das die Schicksalslinien verknotete, ist es in Chicago der Mikrokosmos ägyptischer Studenten am Institut für Histologie der Universität von Illinois. Die Schilderung der Erfahrung arabischer Studenten im Westen ist eines der wiederkehrenden Motive der arabischen Literatur seit dem 19. Jahrhundert, und Chicago reiht sich nahtlos in diese Linie ein. Der fremde, westliche Hintergrund bietet weitere Vorteile. Zum einen ist die hier geschilderte Gesellschaft geschlossener als die die Breite der sozialen Schichtungen Ägyptens widerspiegelnden Bewohner des Jakubian-Baus. Zum anderen treten die Manien, Eigenarten, Typen und Phobien vor dem amerikanischen Hintergrund noch stärker hervor als in Kairo, wo sie zu Hause sind.

Beim Besuch des Präsidenten laufen die sich flüchtig berührenden Schicksale zusammen. Während der Erzopportunist Ahmad Danana seine Kommilitonen zu einer Ergebenheitsadresse für Mubarak bewegen möchte, versucht der Stipendiat Nagi Abdalsamad, eine Gegendemonstration zu organisieren. Nagi ist das Alter Ego des Autors, die einzige Person, die als (Tagebuch schreibender) Icherzähler auftritt. Ansonsten wird mit einer fast brutal anmutenden Auktorialität erzählt. Der Erzähler weiß alles über seine Figuren. Das hat etwas Ungeheuerliches und zugleich Befreiendes. Niemand kann sich verstecken oder darf auf Schonung hoffen. Alaa al-Aswani ist der Schriftsteller als gottgleicher Cutter, der uns aus der Fülle einer fremden Welt bietet, was sich nur ihm erschließt.

Wie bereits im Jakubian-Bau, der mit seiner Schilderung von Homosexualität, Polizeifolter, Sexismus und Vetternwirtschaft schon weit ging, lässt al-Aswani in Chicago kein Tabu aus. Von der Selbstbefriedigung mit einem Vibrator namens »Jack der Superhase« über die Liebe zu einer jüdischen Studentin, die vermeintlich islamisch gerechtfertigte Vergewaltigung in der Ehe, die Schilderung eines Präsidenten, der alles mit Mubarak gemeinsam hat, nur dass (einziges Zugeständnis!) sein Name nicht genannt wird, bis hin zur Abtreibung, zu der sich eine strenggläubige Studentin gezwungen sieht, obwohl sie doch mit ihrem ebenfalls gläubigen Freund gar nicht wirklich geschlafen hat, ganz nach einem beglaubigten Prophetenspruch, der besagt, dass »die gesetzliche Strafe nur bei Ehebruch erfolge und Ehebruch das Eindringen des Fleisches in das Fleisch sei wie dasjenige des Lidstiftes in das Antimonröhrchen«.

Wer mit dem Erzfeind ins Bett geht, muss dafür büßen

Tatsächlich fragt man sich, wie dieses Buch erscheinen konnte. Haben die Zensoren geschlafen, bis al-Aswani so berühmt war, dass er als unantastbar galt? Traut sich die Nachzensur der islamischen Fundamentalisten von der Azhar-Universität an so einen populären Autor nicht mehr heran? Oder wäre es eher an der Zeit zu bemerken, dass eine literarische Zensur in den arabischen Ländern nicht mehr existiert?

Zahnarzt ohne Furcht und Tadel

Doch die schonungslose Abrechnung mit dem Islam, den Arabern und Ägypten scheint selbst einem Alaa al-Aswani nur möglich um den Preis, auch die westlichen Schwächen bloßzulegen. Dagegen wäre nicht viel zu sagen, wenn es sich der Autor nicht zu einfach machen würde. Die rein amerikanischen Erzählstränge sind nicht Gesellschaftskritik, sondern bedienen Klischees. Und Nagi Abdalsamad darf zwar eine Beziehung mit einer jüdischen Brokerin haben; aber zum Ausgleich für die Versöhnung der Erzfeinde im Bett müssen wenige Kapitel später pöbelnde jüdische Studenten mit Kippa auftreten, damit das Feindbild nicht flöten geht. Das wäre der einzige Einwand, den wir gegen diesen ansonsten lesenswerten, spannenden und von hintergründigem Witz, berechtigter Wut und mancherlei Trauer geprägten Roman vorzubringen hätten.