Konrad Adenauer spottete einst, auf Kölns jenseitigem Rheinufer (»rechtsrheinisch«) beginne Sibirien. Heute könnte es Anatolien sein.

Die Keupstraße ist wie ein bunter Hund in der großen Stadt. Die Wohnhäuser – meist aus dem 19. Jahrhundert – beherbergen rund einhundert Läden. Exotische Schilder werben für Reisebüros, Schneider, Tuchläden, es gibt ein Modegeschäft für Beschneidungsfeiern, eine Anlaufstelle für die »türkischen Landsleute«. Historische Fassaden sind mit blauen Kacheln verziert wie die Innenwände einer Mosche. Verschleierte Frauen bändigen ihre Kinder. Eine junge Frau in Jeans und mit langen Haaren windet sich aus einem Sportwagen. Junge Männer in teuren Anzügen machen einen Bogen um eine alte Frau mit weißem Kopftuch, die mitten auf einem Gehsteig laut klagend bettelt. Deutsche Passanten sind so selten wie in einem kurdischen Dorf.

Es gibt Orte in Deutschland, die von türkischen Migranten dominiert werden. Die Keupstraße verkörpert türkisches Lebensgefühl in Reinkultur. »Wenn Türken in Köln Besuch aus dem Orient bekommen, dann gehört die Besichtigung der Keupstraße zum Pflichtprogramm«, erzählt Ali Demir. Der bescheiden auftretende Diplom-Volkswirt ist unser Fremdenführer. Er kennt hier fast jeden.

In einer nikotingrauen Eckkneipe liegt die Politika aus, die der PKK nahestehende Zeitung der Kurden. Männer rauchen und trinken Tee. An der Wand hängen großformatige Fotos. Ein Bild zeigt ein kurdisches Dorf in einer Steppenlandschaft. Diese Häuser gebe es nicht mehr, berichtet unser Begleiter. Die türkische Armee habe das Dorf geräumt – die PKK könnte hier einen Stützpunkt unterhalten. So wird das Foto zum Bekenntnis. Der Wirt nähert sich und wischt mit eiligen Bewegungen den Tisch, nachdem er erfahren hat, dass der Fremde Reporter ist. Er schimpft. Wer soll die Belange der Kurden in dieser Straße gegenüber der Stadt vertreten? Einer von uns soll es sein, sagt er laut. Nicht von der türkischen Mafia. Was er genauer meint, behält er für sich.

Wenn der Reporter den Bleistift aus der Hand legt, äußern ältere Türken immer wieder ihre Skepsis gegenüber dem Mann, der die Interessengemeinschaft Keupstraße repräsentiert: Er sei wegen Heroinhandels vorbestraft und schwer berechenbar.

Ein Bombenanschlag schweißt die Gemeinschaft zusammen

Wir erreichen Mitat Özdemir auf seinem Handy. Er bittet zum persönlichen Gespräch in seinem Büro inmitten der Keupstraße. Özdemir ist ein Mann mit klugen Augen und sensiblen Gesten. Wie er das Vertrauen der Menschen dieser Straße gewinnen will? »Mit Offenheit und Gesprächsbereitschaft«, sagt er. In die Heroin-Geschichte sei er hineingeschlittert – aber »das ist doch wohl nicht die einzige Frage, die sie mir stellen wollen«. Reden wir über die Keupstraße.