Wenn die Sonne so auf den Bäumen tanzt, als wolle sie das Leben feiern; wenn sie auf dem Felsrand des Canyons entlangrollt, als wolle sie noch ein wenig Glück verschenken; wenn sie sich dann ganz langsam fallen lässt, damit sie niemanden dabei stört, wie er gerade ein besserer Mensch wird – wenn es also Abend wird im Topanga Canyon, dann kann man schon daran glauben, wie sie alle hier: an einen Geist oder einen Gott oder einen Woran-sie-hier-eben-glauben.

Oder, wie Isaac Nichelson sagt: "Es ist nicht alles total wirklich, aber total positiv." Womit er nicht nur Topanga Canyon meint, diese alte, neue, ewige Hippie-Kommune etwas nördlich von Los Angeles, wo schon der Songwriter Woody Guthrie lebte und der Regisseur und Schauspieler Dennis Hopper und der Rockmusiker Neil Young, wo Charles Manson seine Mordserie begann, wo heute immer noch die deutsche 68er-Ikone Uschi Obermaier wohnt und eine ganz neue Generation von Leuten, die sich lange Haare wachsen lassen und nackt herumlaufen und dazu Lieder von peace and love singen; Nichelson meint damit im Grunde die ganze Welt, so wie er sie sieht. Totally positive.

Er steht in seinem Laden, einem Flachbau etwas abseits des Topanga Canyon Boulevard, er hat eine Kappe auf, auf der steht "#1 Dad", er ist Anfang 40, und er hat die laute Stimme eines Mannes, der weiß, dass er jederzeit alles zusammenpacken kann, seine Frau, seine Kinder und die paar Ideen, die er im Kopf trägt, und woanders wieder neu anfangen. Aber erst einmal ist er dabei, die Menschheit zu retten. Mit seinen Rucksäcken.

"Die drei größten Killer der Menschheit", sagt er, "weißt du, was die sind?" Und wie er das so sagt, verschwindet etwas von der positiven Energie, von der er so viel gesprochen hat, und ein Abgrund tut sich auf, ein Abgrund, der immer die andere, dunkle Seite der Hippie-Kultur war. "Essen. Wohnen. Kleidung. Was wir hier tun: Wir verändern gerade die Art und Weise, wie Kleidung hergestellt wird. Und das ist nur der erste Schritt." Dabei schwenkt er den Rucksack hin und her, auf dem der Name seiner Firma steht. "Livity. Designed with sustainable style."

Alles hier ist selbstverständlich organisch, Nichelsons Rucksack und Nichelsons Bewusstsein und auch der Kaffee, den es schräg gegenüber von seinem Laden gibt, im Café Mimosa, wo morgens die mexikanischen Kinderfrauen stehen mit all den süßen Hippie-Kindern und einen Latte macchiato trinken, der teurer ist als in Malibu oder Venice Beach. Aber so ist das eben: Wenn man heute Hippie ist, dann will man das richtige mit dem guten Leben verbinden; dann bekämpft man den Kapitalismus nicht so sehr, man nutzt ihn eher; dann fängt die Revolution innen an und hört dort vielleicht auch schon auf.

Wer also nach Los Angeles kommt, dieser Welthauptstadt der Sinnsucher und der Ego-Industrie, und sich in Topanga Canyon umschaut oder im Stadtteil Silverlake, wo die Hippie-Boheme dieser Tage lebt, der wird ein paar Dinge verstehen über unsere Zeit mit all ihren wunderbaren Widersprüchen.

Lektion Nummer eins: Hippies sind heute Geschäftsleute. Nichelson hat dabei etwas von einem jener amerikanischen Pioniere, die immer weiterzogen, in den Westen, in den Westen – bis sie nicht mehr weiterkonnten. In Kalifornien stauten sich ihre Sehnsüchte dann am Ozean; und weil es mittlerweile so viele sind, die hier so denken und leben, wirkt die Westküste der USA manchmal wie eine einzige große Subkultur, von Portland im Norden über San Francisco bis hinunter nach Los Angeles. Alle suchen hier irgendetwas, so scheint es, und zwar dauernd. Seine Nachbarn zum Beispiel, sagt Nichelson und deutet in den Wald, der den Canyon hochwächst, sind Teil der Raw- Bewegung, sie essen nur rohes Fleisch oder Gemüse, weil sie glauben, dass beim Kochen die Energie der Nahrungsmittel verloren geht.