Im Juni 1968, auf dem Höhepunkt der jugendlichen Revolte, sagte Hannah Arendt in einem Brief an Karl Jaspers voraus, die Kinder des 21. Jahrhunderts würden einmal »das Jahr 1968 so lernen wie wir das Jahr 1848«. Inzwischen ist das Ereignis tatsächlich zum Gegenstand immer grellerer medialer Inszenierungen und zunehmend auch seriöser zeitgeschichtlicher Deutungen geworden. Selbst wenn im schulischen Unterricht immer noch mehr über die liberalen Heroen der deutschen Nationalbewegung als über deren ungebärdige Ururgroßenkel zu erfahren sein dürfte, würde eine Umfrage in einer beliebigen Fußgängerzone wohl mehr Kenntnisse über die Kommune I und Rudi Dutschke zutage fördern als über das Parlament der Paulskirche.

Angesichts der Gebirge von Literatur über »1968«, die mit dem diesjährigen Jubiläum weiter angewachsen sind, ist es hilfreich, zunächst die Konstruktion einer 68er-Generation selbst als historischen Prozess zu beleuchten. Ein schmales Bändchen des Publizisten Albrecht von Lucke liefert einen nützlichen Einstieg.

Die Revolution schien nur ein paar Straßenecken entfernt

Der Autor hält die 68er zwar auch für ein »kommunikativ erzeugtes« Phänomen, besteht aber zugleich darauf, dass es am Inhalt der Rebellion liegen müsse, weshalb die zwischen 1940 und 1950 Geborenen zur einzigen politischen Generation der Bonner Republik avancieren konnten und damit »massiven Neid« besonders der Nachgeborenen erregten. Diese Alleinstellung der 68er erscheint angesichts unzähliger Bücher über die »skeptische« »Flakhelfer-Generation« zwar fraglich. Doch davon abgesehen: Die eigentliche Leistung der 68er sei es gewesen, den Citoyen gegen den Bourgeois zu setzen, der aktuell unter dem Signum der »neuen Bürgerlichkeit« seine Rehabilitierung erfahre. Vor dem Hintergrund neuer Wertschätzung des Bürgerlichen erscheine die »mediale Reanimation der Roten Armee Fraktion« in der Erzählung des sogenannten Roten Jahrzehnts 1967–1977 als höchst interessierte Reduktion von 1968 auf eine »reine Gewaltgeschichte«, in die eine radikale Emanzipationsbewegung gleichsam logisch münden müsse.

Zugleich zeigt von Lucke, dass die Erfindung der 68er als Generation nach dem Deutschen Herbst in die Zeit der Auflösung illusionärer Ersatzidentitäten fiel, als in Bob Dylan zum Beispiel nicht mehr der Sänger des Protests, sondern der eigenen Alterskohorte gesehen wurde. Damit begann die zweite Etappe, der legendäre Marsch durch die Institutionen, aber gleichzeitig die Verwandlung der 68er zum Objekt, zur »Generation am Tropf des Feuilletons«, die mal geliebt und dann wieder gehasst wurde. Die Konstellation der diesjährigen Jubiläumsdebatte sieht der Autor darin, dass nach dem Ende von Rot-Grün die »vielleicht größte Chance zur Revanche für all jene« bestehe, die zuvor »intellektuell und diskursiv zumeist unterlegen waren«. Als zentralen Punkt benennt von Lucke die Konstruktion einer Kontinuitätslinie von 1933 bis 1968, die das »Versagen des Bürgertums« bei der Durchsetzung des NS-Regimes vergessen machen solle, um dem apolitischen »Geschmacksbürgertum« gegen zivilgesellschaftliche Ansprüche zum Siege zu verhelfen.

Waren also die 68er darauf aus, den Citoyen durchzusetzen? Den Schriftsteller Peter Schneider (Jg. 1940) katapultierte eine Rede auf einem Teach-in im Mai 1967, die zum klassischen Text der Revolte avancieren sollte, ins Zentrum der antiautoritären Bewegung von West-Berlin. Seine in Form der Selbstbezichtigung vorgebrachte Kritik zielte nicht zuletzt auf die Formen des Protestes: »Wir haben Fehler gemacht, wir legen ein volles Geständnis ab. Wir sind nachgiebig gewesen, wir sind anpassungsfähig gewesen, wir sind nicht radikal gewesen.« Schneider stürzte sich hektisch in alle Kampagnen, gegen den Krieg in Vietnam und gegen den Springer-Konzern, ging im Sommer 1968 für ein halbes Jahr nach Italien und erlebte die Studentenbewegung in Trento.

Nach seiner Ausweisung und Rückkehr erwehrte er sich der Avancen der maoistischen KPD/AO, die ihn als Chefredakteur für ihre Rote Fahne gewinnen wollte, und veröffentlichte 1973 die Erzählung Lenz, die als Rückkehr zu individueller Subjektivität in die neuere Literaturgeschichte eingegangen ist. Das neue 68er-Buch von Schneider ist, ungeachtet einfühlsamer Miniaturen von Grass, Dutschke, Lefèvre, Rabehl, Semler und anderen zeitgenössischen Akteuren, nicht so interessant im Blick auf die meist bekannten Fakten. Hervorzuheben ist vielmehr die von Schneider als »autobiographische Erzählung« bezeichnete Auseinandersetzung des heute 68-jährigen Schriftstellers mit seinen Tagebüchern aus jener Zeit, ein Dialog mit einem jungen Mann, der »nah und zum Erschrecken fremd« wirkt und der ihm »nicht selten lächerlich und überspannt« erscheint. Der Schriftsteller registriert verwundert die »Entpersönlichung« der eigenen Sprache im Laufe weniger Monate. Es gelingen Schneider literarisch dichte Beschreibungen eines »Rausches ohne Drogen«, in dem man die Revolution »nur ein paar Straßenecken entfernt« glaubte. Beschönigt und verschwiegen wird nichts, auch nicht die Gewaltfantasien, die nicht erst die Zeit der RAF begleiteten, es entsteht vielmehr das Bild einer zugleich »schönen und schrecklichen Zeit«, deren antiautoritäre Helden wohl kaum eine Beförderung bürgerlicher Demokratie im Sinn hatten.