Der vor einem Monat verstorbene amerikanische Kongressabgeordnete Tom Lantos war bekannt für seine scharfe Zunge. Der gebürtige Budapester war der einzige Holocaust-Überlebende, der je in den US-Kongress gewählt wurde, und leitete dort den außenpolitischen Ausschuss. In dieser Funktion besuchte er in der Anfangsphase der Regierung Schüssel Wien, wo gerade die neue schwarz-blaue Koalition viel internationale Kritik einstecken musste. Im Kreuzfeuer der Nazi-Verdächtigungen berief sich die Regierung verstärkt auf die These, Österreich sei einst das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen. Diese Theorie, provozierte Lantos seine Gastgeber, sei doch eine glatte Lüge. Susanne Riess-Passer, damals Vizekanzlerin und FPÖ-Vorsitzende, erwiderte kühl: Sie und ihre Partei hätten das immer schon so gesehen.

Verblüffend für einen Politiker aus den USA: Die Geschichtsdeutung österreichischer Deutschnationaler stimmte mit jener vieler kritischer Linker in einer Vereinfachung überein: Im März des Schicksalsjahres 1938 sei Österreich nicht von einem historischen Ereignis namens »Anschluss« überwältigt worden. Wenn kein Opfer, was war Österreich aber dann? Das Land der Täter, die dieses Ereignis erst heraufbeschworen hatten?

Der Opportunismus der Zeit nach 1945 überschattete die Erinnerung

Wäre es bloß so einfach, nur zwischen Opfer- und Tätermythos entscheiden zu müssen wie bei einem Test, bei dem die zutreffende von zwei angebotenen Antworten anzukreuzen ist. Doch eine simple Schwarz-Weiß-Zeichnung, mit der etwa Otto Habsburg am Montag im Parlament die ÖVP-Abgeordneten zu Beifallsstürmen hinriss, verfälscht das historische Bild. Es kommt auf die Grautöne an, auf dunklere oder hellere Facetten in der Betrachtung.

Einerseits war das unabhängige Österreich Opfer – soweit ein Staat Opfer sein kann. Und so haben es die Alliierten am 1. November 1943 in ihrer Moskauer Deklaration auch gemeint: Der Anschluss war durch eine von Berlin aus in Gang gesetzte Doppelstrategie, die einen Aufstand österreichischer Hitler-Anhänger mit einer militärischen Erpressung verband, ermöglicht worden – zweifellos kein Akt, der im Sinne des Völkerrechtes als legitim angesehen werden kann. Ebenso wenig kann jene 99-prozentige Anschlusszustimmung, die am 10. April 1938 in der als »Volksabstimmung« etikettierten Manipulation ausgewiesen wurde, dazu dienen, den Verlust der Eigenstaatlichkeit demokratisch zu legitimieren.

Welche Opferrolle aber kann anderseits ein Staat beanspruchen, der sich nicht wehrt? Ein Staat, der seine Armee, deren primärer Zweck die Verteidigung der Unabhängigkeit sein sollte, lieber in die Kasernen schickt? Ein Staat, der sich einen nicht unerheblichen Gewaltapparat aufgebaut hat – und dessen Regierungschef dann, wenn dieser Apparat gefordert gewesen wäre, einfach erklärt, er weiche der Gewalt? Ein Staat, der sich mit einem widersprüchlichen Mix aus nostalgischem Österreich-Patriotismus und Deutschtümelei selbst lähmt?

Persönliche Schicksale veranschaulichen am besten die Grautöne, die jede Betrachtung bestimmen sollten. Da gab es zunächst eine Bevölkerungsgruppe in Österreich, für die der Anschluss eine unmittelbare Katastrophe bedeutete. Hunderttausende, denen unbestreitbar ein Opferstatus zukommt: jene, die auf Grundlage der sofort auch in Österreich gültigen Nürnberger Gesetze als Juden stigmatisiert und in ihrer Existenz bedroht wurden. Und da gab es Österreicher, für die der Anschluss Anlass zu andauerndem Jubel war. Dazu zählte nicht nur die – große – Minderheit der überzeugten NSDAP-Anhänger. Dazu zählten auch solche, die damit spekulierten, vielleicht das eine Geschäft oder die andere Wohnung im Zuge des »Arisierung« genannten Raubzuges übernehmen zu können. Ebenso freuten sich jene Anschlussprofiteure, die nun einen Arbeitsplatz erhalten würden, den bis dahin ein Jude innehatte oder der durch die Kriegswirtschaft neu geschaffen wurde.