Der Goethe-Satz ist unvermeidlich. Es gibt kein Streichquartettbuch ohne das Zitat mit den "vernünftigen Leuten", das zu den banalsten Äußerungen über Musik gehört und womöglich deswegen so beliebt ist. Immerhin kommt es in diesem Buch erst am Schluss, und bis dahin bleiben einem Plattitüden erspart. Eine Konzertagentin schreibt über ihre Künstler, über Streichquartette, über "das Leben im Quartett", und erstaunlicherweise kommt keine Pauschalschwärmerei dabei heraus. Das liegt wohl auch daran, dass Sonia Simmenauer jünger ist als viele der Musiker und mit einem Psychoanalytiker verheiratet, der ihren Verdacht unterstützt: Ein Streichquartett ist eine extreme Lebensform.

"Leidenschaftlich, schonungslos, rücksichtslos, ja fast gewaltsam", so beschreibt eine Cellistin das "Animalische", das zwischen vier Streichern herrscht. Die Bögen auf den Saiten weisen wie Seismografen auf das Befinden der Spieler hin. Diese Spieler sind in jeder Hinsicht aufeinander angewiesen. In den meisten Fällen verzichten sie auf ein sicheres Orchesterdasein oder ein glanzvolles Solistenleben, sie machen sich wirtschaftlich von drei anderen abhängig und werden das nur überleben, wenn sie sich auch im aberhundertsten Konzert einander neu erkennen können, "wie frisch Verliebte".

Der Vergleich bricht mit der gängigen Wahrnehmung, in der "das Streichquartett" seltsam geschlechtslos wirkt. Vier Männern im Frack mag man keine Verbindung zwischen Kunst und Leben zugestehen, wenn sie erste und zweite Geige, Bratsche und Cello spielen. Frauen geht es nicht besser. Auch junge Quartette haben seniorales Publikum: Ein Schnitt von 50 ist da Jugendrekord. Das Streichquartett gilt Kennern immer noch als Gipfelgattung, olympisch, rein, abstrakt, mögen auch noch so viele Komponisten intime Briefe zwischen die Notenzeilen gemogelt haben. Wie sehr es aber hinter den Kulissen kracht, was zwischen ausgeprägten Persönlichkeiten wortwörtlich "erprobt" wird, das erfährt man hier.

Da verkündet ein Bratscher vorm Konzert zornschnaubend, es sei sein letztes, um danach das Essen zu genießen und die "Ehe zu viert" voller Hoffnung fortzusetzen, da wird der lädierte Finger eines Geigers zum Problem für alle. Aus Detaildiskussionen können Großkräche werden. Immer gibt es einen, der blitzschnell urteilt, und einen, der länger braucht, und nicht selten einen, der am liebsten sagen würde: "Da mach ich nicht mehr mit." Aber die Probe verlassen, sagt der Geiger Walter Levin vom LaSalle Quartet, "das ist keine Kunst. Die Kunst ist, es zusammenzuhalten." Und den Widerspruch zwischen Demokratie und Autorität auszuhalten – es gibt in den meisten Ensembles zwar keinen Chef, aber einen Spiritus Rector. Und außerdem: den Manager, den Witzereißer und den stillen Archivar.

Was diesen Kosmos stabilisiert, ist das elitäre Image der Branche, das Simmenauer nicht hinterfragt – als entstünden unterm Hochdruck der Intimität kleine Diamanten, die andere Besetzungen nicht zustande bringen. Die seitenlange Repertoireliste des Alban Berg Quartetts betont die hagiografischen Züge des Buchs gegenüber seiner Stärke: zu zeigen, dass sich im Quartett eben nicht "vier vernünftige Leute miteinander unterhalten", wie Goethe fand, sondern dass vier Extremisten am Rande des Nervenzusammenbruchs sich gerade noch einig werden. Besonders, wenn sie kurz vorm Konzert alle im Gefängnis sitzen, weil das Visum fehlt. Das werden die besten Konzerte überhaupt.

Sonia Simmenauer: Muss es sein? Leben im Quartett; Berenberg Verlag, Berlin 2008, 140 S., 19,– €

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