»Erzählen Sie«, sagte Brod – Seite 1

Berlin, 1930. Wie ist einem 28jährigen Filmkritiker zumute, wenn eines Tages das Telefon läutet und eine tiefe, sehr tiefe Stimme sagt: »Hier ist Asta Nielsen, ich habe Ihre Artikel gelesen, ich möchte Sie kennenlernen. Wollen Sie morgen nachmittag zu mir zum Tee kommen?«

Asta Nielsen war die Eleonora Duse des stummen Films, ein Antlitz von maskenhafter Schönheit, eine dänische Nofretete. Sie war die erste, die verstanden hatte, daß die Schauspielkunst auf der Bühne grundsätzlich verschieden ist von der Schauspielkunst im Film. Die Schauspielkunst im Film muß flächig sein, die auf der Bühne räumlich. Asta Nielsen war eine gotische Künstlerin, wenn man so will, ihr Medium war die Leinwand, die Großaufnahme, die keine Verstellung, keine Täuschung zuließ.

Als ich sie in ihrer Wohnung in der Fasanenstraße besuchte, vollgestopft mit den Möbeln im Stil der Jahrhundertwende, kam ich nicht zum Tee; es gab Champagner. Sie lebte damals mit dem Schauspieler Chmara zusammen, und plötzlich, ich glaube, es war gegen zwei Uhr nachts, riß Chmara eine Laute von der Wand und sang ekstatisch ein russisches Lied, in dem die Worte, nein, der Schrei, refrainartig wiederkehrten: »Oh, die Asta, oh, die Asta!«

Sie saß mit übereinandergeschlagenen Beinen, leicht vornübergebeugt, das Kinn auf den Zeigefinger gestützt, auf einer altmodischen Ottomane und sah unberührt auf ihn hinunter. »Steh’ auf, Chmara, steh’ auf; sei vernünftig! Bring uns eine neue Flasche Champagner!« Er taumelte hinaus und ließ uns allein.

Sie vertraute mir ein Geheimnis an, das sie wahrscheinlich auch schon anderen vor mir anvertraut hatte, vielen, aber ich glaubte, ich wäre der erste, der es von ihren unbeweglichen Lippen vernahm. Sie sprach von ihrer Einsamkeit, und daß nichts von ihr bleiben würde als ihr Name. Sie sprach über die Vergänglichkeit einer Kunst, die nur aus Licht und Schatten bestehe. »Ihr Schriftsteller habt es gut«, sagte sie, »ihr schafft etwas, das nach eurem Tode noch gelesen werden kann, etwas Bleibendes, aber ich, wer bin ich – ein Stück Leinwand, das man anleuchtet. Ich bin überhaupt nichts. Was ist der Film? Eine optische Täuschung, eine Illusion, ein Stück Zelluloid, mehr nicht!« Sie klang wie eine Figur von Tschechow, in altersmüder, verblühter Schönheit, wie die Möbel, die um sie herumstanden, die Staffelei, mit den Bildern von Böcklin und Max Klinger.

Sie stand auf, sie schien plötzlich sehr klein zu sein und sehr müde, aber ihr Gesicht mit dem schmerzlichen Lächeln war wie eine Großaufnahme, die das ganze Zimmer erfüllte. Sie schlug die staubigen Samtportieren zurück, draußen war es Tag.

Wir sahen uns oft, beinahe täglich. In einem unserer letzten Gespräche hatte ich ihr von meinem Plan erzählt, sie mit Sergej Eisenstein, dem Regisseur des Panzerkreuzer Potemkin, bekannt zu machen. »Ihr stummer Ausdruck und seine revolutionäre Dynamik, das muß einen höllischen Kontrapunkt ergeben!« hatte ich ihr erklärt. Sie war skeptisch. »Eisenstein arbeitet vorzüglich mit Menschen, die noch nicht vor der Kamera gestanden haben. Er gibt der Masse ein Gesicht. Ich zeige mein Gesicht der Masse.«

»Erzählen Sie«, sagte Brod – Seite 2

»Ich habe eine Mutter in Rußland; vergessen Sie das nicht!«

Ich hatte Eisenstein in Berlin kennengelernt, als ich ihn für meine Zeitung interviewen sollte. Er hatte gerade den Film, den er in Mexiko begonnen hatte, abgebrochen und war auf der Durchreise nach Moskau. In seinem Hotelzimmer in Berlin standen zwei mächtige Schrankkoffer, vollgepackt mit Aztekenkunst, exotischen Masken und Gewändern; dazu Anzüge aus feinstem englischen Stoff, seidene Hemden und andere Luxusartikel aus der kapitalistischen Welt, die er mir stolz vorführte.

Eisenstein bestand im Grunde nur aus einem mächtigen Kopf mit einem Glorienschein von krausen Haaren. In diesem Kopf schienen gleichzeitig mehrere Kameras zu surren, dieser Kopf dachte in Einstellungen, Großaufnahmen, Filmmetern. Als er mich ansah, schien es mir, als ob ihn das Licht, das vom Fenster auf meine Haut traf, mehr interessierte als das, was ich ihn zu fragen begann. Seine Augen schienen zu knipsen, sein junges Gesicht, so groß wie ein Globus, reflektierte optische Reize. Ich wollte mehr von ihm wissen, als mir erlaubt war; ich wollte ihn über Rußland ausfragen. Aber er legte den Finger an den Mund, wies auf die Schrankkoffer und sagte: »Ich habe eine Mutter in Rußland; vergessen Sie das nicht.« Er kniff ein Auge zu, als wollte er sagen: »Nicht zu nahe; treten Sie etwas zurück; so ist’s gut! Danke vielmals. Sie können gehen!«

Ich sah Eisenstein ein Jahr später in Paris wieder. Das war, als Valeska Gert mich in ihr Hotelzimmer in der Rue de la Grande Chaumière einsperrte und mich zwingen wollte, ihre Memoiren zu schreiben. »Ich bin eine Tänzerin, ich kann nicht schreiben. Hier sind ein paar Aufzeichnungen. Ich schließe Sie jetzt hier ein und hoffe, daß, wenn ich am Abend wiederkomme, das erste Kapitel vorliegt. Auf dem Nachttisch ist ein Paket Zigaretten, den Kaffee können Sie sich auf dem elektrischen Kocher zurechtmachen. Viel Glück, mein Lieber, alles Gute!« Sie verschwand und schloß die Tür hinter sich.

Als sie am Abend wieder zurückkam, war das erste Kapitel fertig. Sie überflog es und gab es mir enttäuscht zurück. »Ich dachte, Sie sind ein Dichter«, sagte sie, »das ist viel zu zahm für mich. Es fehlt das Hintergründige, Dämonische, die irre Besessenheit eines Kindes, das am liebsten seine Mutter umbringen oder sich die Kleider ausziehen und nackt auf der Straße tanzen möchte, die wilden Spiele unter der Bettdecke.«

»Aber das steht doch nicht in Ihren Aufzeichnungen«, sagte ich.

»Nein, es steht nicht in meinen Aufzeichnungen!« schrie sie, »aber ich dachte, Sie haben genug Phantasie, sich vorzustellen, wie ich als Kind gewesen sein muß. Kommen Sie, wir gehen jetzt essen!«

»Erzählen Sie«, sagte Brod – Seite 3

Brecht und Bronnen – und eine zahme Krähe zur Belustigung der Gäste

Acht Tage später. In ihrem Hotelzimmer in der Rue de la Grande Chaumière lag die Tänzerin Valeska Gert in ihrem Bett und schluchzte. »Ach, lieber Hans Sahl«, sagte sie, »ich bin ja so unglücklich. Ich liebe Eisenstein, aber Eisenstein liebt keine Frauen. Er liebt nur seinen Kameramann. Bitte gehen Sie sofort ins Hotel ›Des Etats Unis‹ am Montparnasse und sagen Sie Eisenstein, daß ich ihn liebe. Bitte beeilen Sie sich, bevor es zu spät ist!«

Im Hotel »Des Etats Unis« am Montparnasse lag der Regisseur des Panzerkreuzer Potemkin in seinem Bett, bei herabgelassenen Vorhängen. »Ich weiß, warum Sie kommen«, sagte er, als ich eintrat. »Ich liebe Valeska, ich verehre sie. In meiner Hosentasche sind ein paar Geldscheine. Kaufen Sie ihr einen großen Strauß gelber Rosen und sagen Sie ihr, daß ich sie bald sehen möchte, sehr bald.« Er riß ein Blatt von dem Notizblock, der neben ihm lag, kritzelte etwas darauf und gab es mir. »Beeilen Sie sich bitte, bevor es zu spät ist!«

Es entstand eine Art Pendelverkehr zwischen »Des Etats Unis« und dem Hotel »De la Grande Chaumière«. Ich war mir sehr wohl der welthistorischen Aufgabe bewußt, die mir zuteil wurde. Hier der geniale Regisseur, dort die geniale Tänzerin. Sie hatte den Film auf der Bühne vorweggenommen, dessen dynamische Ausdrucksmöglichkeiten Eisenstein als Regisseur entdeckt hatte. Daß sie beide doch noch als Liebende in Paris zusammenkamen, verdanken sie nicht zuletzt meiner Bewunderung für das Elementare in der Kunst.

Bereits 1926 war Herbert Ihering auf mich aufmerksam geworden, der als Theaterkritiker des Börsen-Courier zugleich dessen Feuilleton leitete. Er forderte mich zur Mitarbeit als Buchkritiker auf, was sich durchaus mit meiner Tätigkeit am Montag Morgen und am Tagebuch vereinbaren ließ.

Obwohl es der Name kaum vermuten ließ, hatte der Berliner Börsen-Courier damals das beste, lebendigste Feuilleton und war unter Ihering zum Organ einer kritischen Avantgarde auf fast allen Gebieten der Kunst geworden. In der »Politik« war man konservativ liberal, für Mäßigung und gutes Benehmen, im Feuilleton für abstrakte Kunst und atonale Musik, für Brecht und Schönberg und Hindemith, für den Russenfilm und die Zehn Tage, die die Welt erschütterten.

Es ging ein Raunen der Konspiration durch die Redaktionsräume am Hausvogteiplatz, wenn man am Vormittag sein Manuskript ablieferte. Ihering telefonierte mit Brecht, Heinrich Strobel, der Musikkritiker, mit Kurt Weill und Hermann Scherchen. Man hatte das Gefühl, sich im Hauptquartier einer Verschwörung zu befinden, die von dem Chefredakteur der Zeitung, dem kleinen, liebenswerten Emil Faktor, entweder nicht bemerkt oder mit der ihm eigenen Großzügigkeit schweigend geduldet wurde. Avantgarde-Luft vermischt mit dem Tabakqualm ungelöschter Zigaretten, die im Aschenbecher des emsig an einer neuen Polemik gegen Alfred Kerr feilenden Herbert Ihering weiterschwelten, schwebte über den Tischen. Heinrich Strobel steckte den Kopf durch die Tür, um den Gesinnungskollegen von der Theaterkritik auf den bevorstehenden Sturmangriff gegen solche »Erzreaktionäre« unter den Dirigenten wie Bruno Walter vorzubereiten. Sogar Lil Picards originelle Modeberichte verwandelten die sonst so langweilige Sparte in einen Kriegsschauplatz einander bekämpfender Ideen und offenbarten eine Entdeckerfreude, die später in die Nähe eines Andy Warhol und der New Yorker Avantgarde dringen sollte, über die sie nach Europa berichtete.

»Erzählen Sie«, sagte Brod – Seite 4

Feuilletonredakteur des Börsen-Courier war ein junger Mann aus dem Rheinland, Fritz Walter. Er hatte blutrote Lippen in einem sonst auffallend weiß wirkenden, wie mit Mehl angestaubten Gesicht und fertigte seine Artikel an wie ein Juwelier ein Geschmeide einer Königin. Wolfgang Koeppen, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen ersten Romanen richtunggebend für eine neue deutsche Literatur werden sollte, saß, ein verstörter Jüngling, an seinem Tisch und schrieb Berichte über Theateraufführungen zweiten Grades, zu denen Herbert Ihering aus Prestigegründen nicht gegangen war.

Die Iherings liebten es, am Sonntagnachmittag Gäste in ihr Haus in Zehlendorf einzuladen. Nun waren Fritz Walter und ich, die beiden unzertrennlichen Freunde, an der Reihe. Es führte ein langer Kiesweg von der Pforte durch den Garten, und als wir die Gartentür öffneten, sah ich in einiger Entfernung auf der Terrasse die Elite des deutschen Theaters in liegender, sitzender oder stehender Haltung, malerisch angeordnet, wie auf einem Gruppenbild, wie für die Berliner Illustrirte. Sie hielten Gläser in den Händen und sprachen aufeinander ein.

»Oh Gott«, flüsterte mir Fritz Walter zu. »Da sind sie«, sagte er. »Wer?« fragte ich. »Alle«, sagte er dumpf. Es war ein langer, sehr langer Gang auf dem Kiesweg durch den Garten, und als wir die Terrasse endlich erreicht hatten, stellte uns Frau Ihering den Gästen vor. »Lotte Lenya«, sagte Frau Ihering. »Sehr angenehm«, sagten wir beide im Chor. Dabei stieß ich aus Verlegenheit ein Glas auf dem Tisch um. »Kurt Weill«, sagte Frau Ihering. »Sehr angenehm«, sagten wir; und so ging es weiter mit Vorstellungen, Verbeugungen, zaghaftem Händedrücken und lebhaftem Herzklopfen unsererseits, von Erwin Piscator bis zu Helene Weigel, von Fritz Kortner bis zu Ernst Busch und Gustaf Gründgens. »Sehr angenehm, sehr angenehm.«

Man reichte mir ein Glas, es war aber kein Stuhl mehr da, und als ich um die Ecke bog, um mir einen zu holen, sah ich zwei Mülleimer, auf denen zwei Männer saßen und die Beine baumeln ließen. »Brecht«, sagte der eine, »Bronnen«, sagte der andere. Da ergriff ich die Flucht.

Ich lief auf eine Glastür zu, und als ich sie öffnete, stieß ein mächtiger Vogel – ein Adler, dachte ich zuerst – mit spitzem Schnabel auf mich hernieder. Es war aber nur eine Krähe, wie mir später Frau Ihering lächelnd anvertraute, die sie sich zur Belustigung und Beschäftigung ihrer Gäste angeschafft hatte und die sogar einmal, so erfuhr ich weiter, Arnolt Bronnen das Monokel aus dem Auge gestohlen hatte.

Es gab noch ein improvisiertes Abendessen um den runden Tisch in einem nach Katzen riechenden Biedermeierzimmer. Das ganze Haus roch nach Katzen, auch in Frau Iherings Schlafzimmer, in dem sich zwanzig befanden. »Mein Mann hat so eine feine Nase«, sagte sie, als sie uns hinausführte. »Er schläft jetzt allein.« Wir nickten höflich und verabschiedeten uns.

Die Einhergewehten bleiben gern unter sich

»Erzählen Sie«, sagte Brod – Seite 5

Ernst Blass hat eine unsterbliche Gedichtzeile geschrieben: »Die Straßen komme ich entlang geweht.« Er hat sie im »Romanischen Café« an der Gedächtniskirche geschrieben, wo die »Entlanggewehten« sich trafen, die Einhergewehten, in diesem Obdachlosenasyl für die Unbehausten im Geiste, die Maler, Dichter, Denker sowie ihre Nutznießer, die mit den Unbehausten ins Geschäft kommen wollen, die Händler, Makler, Filmverleiher, Buchhändler, Verleger, Impresarios. Die Einhergewehten brauchen Schrittmacher, die ihnen das Buch vom Munde ablesen, es in den Satz geben und ihnen die Korrekturfahnen feierlich überbringen, die Bürstenabzüge, die Probedrucke, den Satzspiegel. Dafür dürfen sie bis auf Widerruf an den Tischen der Unbehausten Platz nehmen und ihren Gesprächen lauschen, in denen sie zugleich gepriesen und verflucht werden.

Im allgemeinen legen die Einhergewehten Wert darauf, unter sich zu bleiben. Es gibt einen Malertisch, einen Bildhauertisch, einen Philosophentisch, einen Börsen-Courier- Tisch, einen Tisch der Kritiker, der Dramatiker, der Essayisten, der Soziologen und der Psychoanalytiker. Mitunter geschieht es, daß man einem anderen Tisch einen Besuch abstattet, wozu es allerdings einer Aufnahmebewilligung bedarf, die nur zögernd und mit Zustimmung aller Mitglieder erteilt wird.

Das »Romanische« hatte Filialen in Gestalt von Künstlerkneipen und Stammlokalen um die Gedächtniskirche. In der »Taverne« saßen die Maler Willy Jaeckel, Röhrig, Fritsch, Heini Häuser, fertigten aus dem Stanniol der Sektflaschen Wurfgeschosse an und schleuderten sie an die Decke, wo sie hängenblieben und einen Baldachin aus Stanniol bildeten. Es gab die »Lunte«, die weniger Wert auf Prominenz als auf Originalität legte und in der Mitarbeiter kleinerer Zeitungen und Zeitschriften sich mit Zigarre rauchenden Frauenrechtlerinnen herumstritten. »Schwannecke« war ein Schauspielerlokal, der Ort, an dem sich alle Fluchtlinien nach dem Theater trafen und Premierenbesucher auf die Vornotizen von Kerr und Ihering warteten, die in den ersten Morgenstunden von übermüdeten Nachtredakteuren frisch aus der Druckerei überbracht wurden. In einem kleinen Lokal in der Passauer Straße traf sich Ernst Rowohlt mit seinen Autoren, Franz Hessel, Joachim Ringelnatz, Hans Siemsen, mitunter war auch Asta Nielsen dabei und hörte, den ausgestreckten Zeigefinger unter dem Kinn, wortlos und unnahbar den Gesprächen zu.

Joachim Ringelnatz, den ich schon von München her kannte, aus Kathi Kobus’ Künstlerkneipe »Simplizissimus«, wo er taumelnd seine Turngedichte vorgetragen hatte, war ein sächsischer Matrose, voll von tiefsinnigen Albernheiten. Einmal sah ich, wie er aus Verehrung für Asta Nielsen mit todernstem Gesicht etwas Watte von ihrer Puderquaste abzupfte und sich in ein Nasenloch stopfte. Das war, als wir alle eines Nachts in das durch seine Tischtelefone berühmt gewordene Etablissement »Resi« fuhren, wo er sich als ihr Sekretär am Telefon meldete und erklärte, die Künstlerin sei leider verreist.

Im Abteil sitzt ein Mann, der nicht erkannt werden will

Berlin 1933. Ich schlief nicht mehr zu Hause, ich ging ins Kino, vier- oder fünfmal am Tag, ich wohnte im Kino, ich wohnte in Warenhäusern und Cafés, fuhr zwischendurch in meine Wohnung, stellte fest, daß noch niemand dagewesen war, verbrannte Papiere oder warf sie ins Klosett, holte sie wieder heraus, weil sie das Klosett verstopft hatten, lief über den Dachgarten auf das Nachbarhaus, weil ich glaubte, es hätte geklingelt. Jemand hatte mir gesagt, ich wäre auf der schwarzen Liste. Er mußte es wissen, denn er gehörte jetzt zu jenen, die Einblick in schwarze Listen hatten und ihre Freunde aus alter Anhänglichkeit, die aber nicht lange dauern würde, ihre Freunde von gestern zu warnen versuchten.

Noch einmal ging ich ins »Romanische Café«, wo die Einhergewehten saßen und sich wunderten, daß sie immer noch dasaßen und Zeitungen lasen und Schach spielten. Sie saßen dort wie Wesen, die in ihren Posen erstarrt waren und darauf warteten, weggeweht, weggeräumt zu werden. Es schien, als ob sie ihre Identität verloren hätten und auf eine neue warteten, die ihnen das Leben retten würde. Einige wälzten Kursbücher, beugten sich über Landkarten oder schrieben Briefe an einen Verwandten, der einmal nach Amerika ausgewandert war und es dort zu etwas gebracht haben sollte. Wohl dem, der einen Onkel in Amsterdam oder einen Neffen in Shanghai, eine Kusine in Valparaiso hatte. Ich hatte keine Verwandten im Ausland.

»Erzählen Sie«, sagte Brod – Seite 6

Ich rief meine Mutter an, und wir trafen uns in einer Konditorei am Roseneck. Ich gab ihr meine Schlüssel unter dem Tisch und bat sie, mir ein paar Sachen aus meiner Wohnung zu holen, Unterzeug, meinen Paß, meine Reisetasche. Sie stellte keine Fragen mehr, sie wußte Bescheid. »O Gott«, sagte sie, »o Gott.« Neben ihr auf dem Tisch lag ihr Handschuh. Er zeigte noch die Spur ihrer Hand und ihrer fleischigen, dicken Finger. Ich nahm ihn, als sie nicht hinsah, an mich und steckte ihn in die Tasche.

Der Zug nach Prag war fast leer, ein Zug fast ohne Menschen, ein Geisterzug. In einem Abteil saß ein Herr, der anscheinend nicht erkannt werden wollte. Er hatte die Vorhänge zugezogen und saß, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, hinter einer Zeitung, die er viel zu aufmerksam las. »Verzeihung«, sagte ich und ging wieder hinaus. Ich hatte ihn sofort erkannt. Es war gut zu wissen, daß man mit Max Reinhardt ins Exil fuhr. Man befand sich in guter Gesellschaft.

Das tschechische Dienstmädchen verstand kein Deutsch. Es stand breitbeinig in der Tür und rief etwas nach hinten. Ich sah verdunkelte Zimmer, herabgelassene Vorhänge, ein kleiner Mann in einem langen, gestreiften Nachthemd, das bis zum Boden reichte, erschien in der Tür. Als er mich sah, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. »Um Gottes willen, was ist passiert? Kommen Sie herein!« Er führte mich in sein Schlafzimmer. »Haben Sie schon gefrühstückt?« Er rief dem Mädchen etwas zu.

»Erzählen Sie«, sagte Max Brod und setzte sich auf die Bettkante. Seine Zehen lugten unter dem Nachthemd hervor wie weiße Mäuse.