»Ich habe eine Mutter in Rußland; vergessen Sie das nicht!«

Ich hatte Eisenstein in Berlin kennengelernt, als ich ihn für meine Zeitung interviewen sollte. Er hatte gerade den Film, den er in Mexiko begonnen hatte, abgebrochen und war auf der Durchreise nach Moskau. In seinem Hotelzimmer in Berlin standen zwei mächtige Schrankkoffer, vollgepackt mit Aztekenkunst, exotischen Masken und Gewändern; dazu Anzüge aus feinstem englischen Stoff, seidene Hemden und andere Luxusartikel aus der kapitalistischen Welt, die er mir stolz vorführte.

Eisenstein bestand im Grunde nur aus einem mächtigen Kopf mit einem Glorienschein von krausen Haaren. In diesem Kopf schienen gleichzeitig mehrere Kameras zu surren, dieser Kopf dachte in Einstellungen, Großaufnahmen, Filmmetern. Als er mich ansah, schien es mir, als ob ihn das Licht, das vom Fenster auf meine Haut traf, mehr interessierte als das, was ich ihn zu fragen begann. Seine Augen schienen zu knipsen, sein junges Gesicht, so groß wie ein Globus, reflektierte optische Reize. Ich wollte mehr von ihm wissen, als mir erlaubt war; ich wollte ihn über Rußland ausfragen. Aber er legte den Finger an den Mund, wies auf die Schrankkoffer und sagte: »Ich habe eine Mutter in Rußland; vergessen Sie das nicht.« Er kniff ein Auge zu, als wollte er sagen: »Nicht zu nahe; treten Sie etwas zurück; so ist’s gut! Danke vielmals. Sie können gehen!«

Ich sah Eisenstein ein Jahr später in Paris wieder. Das war, als Valeska Gert mich in ihr Hotelzimmer in der Rue de la Grande Chaumière einsperrte und mich zwingen wollte, ihre Memoiren zu schreiben. »Ich bin eine Tänzerin, ich kann nicht schreiben. Hier sind ein paar Aufzeichnungen. Ich schließe Sie jetzt hier ein und hoffe, daß, wenn ich am Abend wiederkomme, das erste Kapitel vorliegt. Auf dem Nachttisch ist ein Paket Zigaretten, den Kaffee können Sie sich auf dem elektrischen Kocher zurechtmachen. Viel Glück, mein Lieber, alles Gute!« Sie verschwand und schloß die Tür hinter sich.

Als sie am Abend wieder zurückkam, war das erste Kapitel fertig. Sie überflog es und gab es mir enttäuscht zurück. »Ich dachte, Sie sind ein Dichter«, sagte sie, »das ist viel zu zahm für mich. Es fehlt das Hintergründige, Dämonische, die irre Besessenheit eines Kindes, das am liebsten seine Mutter umbringen oder sich die Kleider ausziehen und nackt auf der Straße tanzen möchte, die wilden Spiele unter der Bettdecke.«

»Aber das steht doch nicht in Ihren Aufzeichnungen«, sagte ich.

»Nein, es steht nicht in meinen Aufzeichnungen!« schrie sie, »aber ich dachte, Sie haben genug Phantasie, sich vorzustellen, wie ich als Kind gewesen sein muß. Kommen Sie, wir gehen jetzt essen!«