Brecht und Bronnen – und eine zahme Krähe zur Belustigung der Gäste

Acht Tage später. In ihrem Hotelzimmer in der Rue de la Grande Chaumière lag die Tänzerin Valeska Gert in ihrem Bett und schluchzte. »Ach, lieber Hans Sahl«, sagte sie, »ich bin ja so unglücklich. Ich liebe Eisenstein, aber Eisenstein liebt keine Frauen. Er liebt nur seinen Kameramann. Bitte gehen Sie sofort ins Hotel ›Des Etats Unis‹ am Montparnasse und sagen Sie Eisenstein, daß ich ihn liebe. Bitte beeilen Sie sich, bevor es zu spät ist!«

Im Hotel »Des Etats Unis« am Montparnasse lag der Regisseur des Panzerkreuzer Potemkin in seinem Bett, bei herabgelassenen Vorhängen. »Ich weiß, warum Sie kommen«, sagte er, als ich eintrat. »Ich liebe Valeska, ich verehre sie. In meiner Hosentasche sind ein paar Geldscheine. Kaufen Sie ihr einen großen Strauß gelber Rosen und sagen Sie ihr, daß ich sie bald sehen möchte, sehr bald.« Er riß ein Blatt von dem Notizblock, der neben ihm lag, kritzelte etwas darauf und gab es mir. »Beeilen Sie sich bitte, bevor es zu spät ist!«

Es entstand eine Art Pendelverkehr zwischen »Des Etats Unis« und dem Hotel »De la Grande Chaumière«. Ich war mir sehr wohl der welthistorischen Aufgabe bewußt, die mir zuteil wurde. Hier der geniale Regisseur, dort die geniale Tänzerin. Sie hatte den Film auf der Bühne vorweggenommen, dessen dynamische Ausdrucksmöglichkeiten Eisenstein als Regisseur entdeckt hatte. Daß sie beide doch noch als Liebende in Paris zusammenkamen, verdanken sie nicht zuletzt meiner Bewunderung für das Elementare in der Kunst.

Bereits 1926 war Herbert Ihering auf mich aufmerksam geworden, der als Theaterkritiker des Börsen-Courier zugleich dessen Feuilleton leitete. Er forderte mich zur Mitarbeit als Buchkritiker auf, was sich durchaus mit meiner Tätigkeit am Montag Morgen und am Tagebuch vereinbaren ließ.

Obwohl es der Name kaum vermuten ließ, hatte der Berliner Börsen-Courier damals das beste, lebendigste Feuilleton und war unter Ihering zum Organ einer kritischen Avantgarde auf fast allen Gebieten der Kunst geworden. In der »Politik« war man konservativ liberal, für Mäßigung und gutes Benehmen, im Feuilleton für abstrakte Kunst und atonale Musik, für Brecht und Schönberg und Hindemith, für den Russenfilm und die Zehn Tage, die die Welt erschütterten.

Es ging ein Raunen der Konspiration durch die Redaktionsräume am Hausvogteiplatz, wenn man am Vormittag sein Manuskript ablieferte. Ihering telefonierte mit Brecht, Heinrich Strobel, der Musikkritiker, mit Kurt Weill und Hermann Scherchen. Man hatte das Gefühl, sich im Hauptquartier einer Verschwörung zu befinden, die von dem Chefredakteur der Zeitung, dem kleinen, liebenswerten Emil Faktor, entweder nicht bemerkt oder mit der ihm eigenen Großzügigkeit schweigend geduldet wurde. Avantgarde-Luft vermischt mit dem Tabakqualm ungelöschter Zigaretten, die im Aschenbecher des emsig an einer neuen Polemik gegen Alfred Kerr feilenden Herbert Ihering weiterschwelten, schwebte über den Tischen. Heinrich Strobel steckte den Kopf durch die Tür, um den Gesinnungskollegen von der Theaterkritik auf den bevorstehenden Sturmangriff gegen solche »Erzreaktionäre« unter den Dirigenten wie Bruno Walter vorzubereiten. Sogar Lil Picards originelle Modeberichte verwandelten die sonst so langweilige Sparte in einen Kriegsschauplatz einander bekämpfender Ideen und offenbarten eine Entdeckerfreude, die später in die Nähe eines Andy Warhol und der New Yorker Avantgarde dringen sollte, über die sie nach Europa berichtete.