Im besten Fall wirkungslos

In der Apotheke am Frankfurter Flughafen gibt es alles, was man braucht, um den Urlaub unbeschwert zu genießen, vom Sunblocker über den Mückenschutz bis hin zu Kondomen. Und selbst Reisenden, die ihre Herz-, Rheuma- oder Gichtpillen zu Hause vergessen haben, kann geholfen werden. Mit einem Rezept vom medizinischen Dienst aus der Nachbarhalle bekommen sie ihr Medikament "zur Not in einer Stunde", erklärt die freundliche Dame hinter dem Tresen. Schließlich soll auch in der Ferne kein Bundesbürger auf deutsche Arzneiqualität verzichten müssen.

Ein paar Gebäude weiter, im internationalen Postzentrum, sorgt man sich ebenfalls ums Wohl der Landsleute. In silbernen Containern werden Postsäcke aus den Flugzeugen in die Halle gebracht. Päckchen für Päckchen wandert auf dem Förderband zu Marcus Redanz. Immer wieder lässt der Zollbeamte welche öffnen. Früher suchte er vor allem nach Revolvern und gefälschten Rolex-Uhren. Inzwischen fischt er immer öfter Pillen aus der Post: 132 blaue rautenförmige Potenztabletten aus Indien etwa oder rosafarbene "Womanra", ebenfalls aus Fernost. Rund 1.500 solcher Sendungen werden in Frankfurt jede Woche konfisziert. Unerlaubter Arzneimittelimport. "Seit es Viagra und eBay gibt, hat das gravierend zugenommen", sagt Redanz.

Bundesweit zog der Zoll im vergangenen Jahr Medikamente im Wert von 8,3 Millionen Euro aus dem Verkehr, nach 2,5 Millionen im Vorjahr. Trotz der Steigerung sei es "nicht allein die Quantität, sondern vor allem die Qualität" der Importe, die ihn beunruhige, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück vergangene Woche in seiner Funktion als oberster Zöllner und warnte eindringlich vor Arznei-Imitaten.

Jede zehnte Pille, die Patienten weltweit schlucken, ist gefälscht, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Lange Zeit hielt man Arzneischmuggel und Pillenplagiate für ein Problem der Entwicklungsländer. Doch inzwischen ist nach Erkenntnis der Genfer Organisation auch die Nordhalbkugel betroffen. Zwar machen die Fälschungen in den Industrienationen immer noch weniger als ein Prozent der gehandelten Präparate aus, aber das reicht, um die Verantwortlichen zu alarmieren.

In England, wo vor fünf Jahren ein Student nach der Einnahme von Psychopharmaka aus dem Internet Selbstmord beging, warnt die Arzneibehörde MHRA auf ihrer Webseite: "Gefälschte Medikamente sind ein globales Problem, und Großbritannien ist ein Absatzmarkt." Für verunsicherte Verbraucher hat die Behörde eine 24-Stunden-Hotline eingerichtet.

Der Pharmakonzern Sanofi-Aventis ließ Fälscherlabors in China schließen

In Frankreich hat sich der Pharmariese Sanofi-Aventis des Themas angenommen. Immer wieder wurde der Konzern mit Pillen konfrontiert, die den eigenen Produkten bis auf den Schriftzug ähnelten, aber andere Substanzen oder gar keinen Wirkstoff enthielten. Das Unternehmen verfolgte die Spur der Präparate bis nach China zurück und, so erklärt Vorstandsmitglied Hanspeter Spek voller Stolz, schaffte es tatsächlich, dort Fälscherlabors dichtmachen zu lassen.

Auch in Deutschland hat man Erfahrung mit Produkten aus der Volksrepublik gemacht. Vor zwei Jahren etwa trudelten im Frankfurter Flughafen massenhaft Diätpillen aus China ein. Neben den versprochenen Pflanzenwirkstoffen enthielten sie hohe Mengen Sibutramin. Die Substanz kann Herz-Kreislauf-Beschwerden verursachen, und bei Überdosierung ist sie lebensgefährlich.

Zusammen mit dem Bonner Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte führten die Zöllner öffentlichkeitswirksam Tausende sichergestellter Tabletten vor. Sie warnten vor den Folgen des Verzehrs – und vor den Freiheitsstrafen, mit denen die Einfuhr geahndet wird ("bis zu drei Jahren, in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahren").

Im besten Fall wirkungslos

Seither sind zumindest am Frankfurter Flughafen die Diätpillen selten geworden. "Da kommt nix mehr", sagt Zöllner Redanz und deutet hoch in den Himmel. So richtig froh wirkt er dabei nicht. In zehn Jahren beim Zoll hat er zu viel erlebt, um zu glauben, dass die Sache damit erledigt sei. Auf diversen deutschsprachigen Webseiten werden die Kapseln aus China weiter beworben. "Statt per Luftfracht kommen die Dinger jetzt via Holland mit dem Laster", vermutet Redanz.

Auch Harald Schweim, der Pharmaziestudenten der Uni Bonn das Thema Sicherheit nahebringt, sieht den Verbraucher durch das Angebot im Internet überfordert. Zwar erfüllten registrierte Arzneiversender wie DocMorris die üblichen Auflagen: "Nach meiner Überzeugung sind alle in Deutschland zugelassenen Internethändler genauso sicher wie normale Apotheken", urteilt der Professor, um dann gleich einzuschränken: "Das Problem sind die unbekannten Namen."

Zum Beweis errichtete er ein eigenes Arznei-Portal. Optisch wirkte es genau wie andere Online-Apotheken – mit Prospan-Hustensaft, Fenistil-Creme gegen Lippenherpes und verschreibungspflichtigen Präparaten wie der Potenzpille Viagra. Als besonderen Service bot die Apotheke "Online-Konsultationen". Das ist eindeutig rechtswidrig. Und in den allgemeinen Geschäftsbedingungen hieß es: "Unser Ziel ist es nicht, Sie zufrieden zu stellen, sondern sie zu betrügen und Ihnen gefälschte Arzneimittel zu liefern."

"Die wenigsten Online-Kunden lesen das Kleingedruckte"

Wie viele Patienten wirklich betrügerischen Internethändlern zum Opfer fallen und was dabei an gesundheitlichen Folgekosten entsteht, vermag der Professor zwar genauso wenig zu beziffern wie das Bundesgesundheitsministerium oder der Verband der Krankenkassen, doch sein Experiment hat Schweim reichlich pessimistisch werden lassen: Mehrere Hundert Testkäufer besuchten die Seite und wurden anschließend per Fragebogen befragt – doch keinem einzigen war Ungewöhnliches aufgefallen. "Die wenigsten Kunden lesen das Kleingedruckte", sagt der Professor. Er sähe den Versand verschreibungspflichtiger Arzneien gern verboten.

Der traditionellen Apothekerschaft täte er damit einen großen Gefallen. Seit Deutschland 2004 den Pillenversand freigab, kämpft die weiße Zunft gegen die Konkurrenz aus dem Netz. Knapp vier Prozent Umsatz haben DocMorris und andere legale Versender den etablierten Arzneihändlern inzwischen abgenommen. So geschieht es wohl auch aus Eigennutz, wenn die Branche, die seit Langem gut in ihrer hoch regulierten Nische lebt, nun vor der Modernisierung warnt. Der Chef der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Heinz-Günter Wolf, verlangt: "Die Schleusen müssen geschlossen werden."

Kaum einer bestreitet, dass es Sicherheitsprobleme gibt. Die Frage ist nur, ob die sich per Gesetz beheben lassen. Werden sich illegale Händler, die Potenz-, Diät- und Haarwuchsmittel ohne Verschreibung verkaufen, von ihrem Tun abhalten lassen, nur weil allen der Versand untersagt wird, auch denen, die sich brav an alle Regeln halten? Gerd Glaeske, Professor in Bremen und Mitglied des Sachverständigenrates für das Gesundheitswesen, hält das für eine eher naive Idee. "Auch wenn es uns nicht gefällt: Verbote funktionieren im Netz nicht", sagt er. Mit einer Regelung, wie sie sich die Apothekenlobby wünscht, würde man "nur Gesetzestreue strafen".

Aber auch die traditionellen Apotheker, die sich gern als Hüter der Volksgesundheit gerieren, haben nicht nur weiße Kittel. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt derzeit gegen rund 100 Apotheker. Sie stehen unter Verdacht, deutsche Krebspatienten mit minderwertigen Arzneien aus dem Ausland versorgt zu haben. Die Zahl 100 nimmt sich gering aus bei insgesamt 21.500 deutschen Apotheken. Doch wenn man bedenkt, dass von denen nur 300 Chemotherapien zubereiten dürfen, bekommt der Fall eine gewaltige Dimension, urteilt der Sicherheitsbeauftragte der Techniker Krankenkasse (TK) Frank Keller, der die Ermittlungen im vergangenen Sommer mit einer Anzeige ins Rollen brachte.

Keller ist vom Fach, fast 20 Jahre arbeitete er beim Bundesgrenzschutz, "Spezialgebiet Fahndung und Observation", bevor er 2001 für die TK nach Abrechnungsbetrügern zu fahnden begann. Zwölf Leute hat er im Keller des Duisburger Tausendfensterhauses sitzen, wo die Kasse ihr Rechenzentrum betreibt. Mit Lupe und Handschuhen untersuchen sie verdächtige Rezepte auf gefälschte Arztstempel, manipulierte Mengen- oder Preisangaben.

Im besten Fall wirkungslos

Im Fall der Krebsarzneien waren die Verschreibungen korrekt ausgefüllt und auch abgerechnet – nur die Ware stimmte nicht. Offenbar waren deutsche Arztpraxen und Kliniken über Jahre mit Arzneien aus Asien, Lateinamerika oder Osteuropa beliefert worden. Solche Transfers sind in Ausnahmefällen erlaubt, etwa wenn eine neue Therapie in Deutschland noch nicht verfügbar ist. Im aktuellen Fall dagegen hätte es durchaus zugelassene Alternativen gegeben – nur zu deutlich höherem Preis. So aber wurde billige Ware eingekauft und zu deutschen Sätzen bei der Kasse abgerechnet – vermutet jedenfalls Keller, nachdem ihn ein reuiger Importeur auf die Spur brachte.

Das alles wiederum dürfte Wasser auf die Mühlen der Arzneihersteller sein, die seit Jahren gegen die sogenannten Parallelimporte kämpfen. Die Einfuhr von Arzneien nach Deutschland ist auch erlaubt, wenn es sich um geprüfte Markenqualität handelt. Weil Konzerne wie Bayer, Sanofi-Aventis oder Pfizer ihre Pillen in Deutschland meist teurer verkaufen als etwa in Spanien oder Portugal, gibt es neben den normalen Pharmagroßhändlern Reimporteure, die davon leben, das billige Aspirin in großen Lastern zurück nach Deutschland zu holen.

Um die Arzneikosten zu senken, fördert die deutsche Gesundheitspolitik diesen Arbitragehandel sogar: Sie zwingt die Importeure, die Qualität der Ware zu garantieren – und die Apotheken, mindestens fünf Prozent Reimporte in ihren Regalen zu präsentieren.

256.000 Tabletten in einer Kölner Fälscherwerkstatt

Das ärgert die Pharmariesen, weil es ihre Preispolitik stört. Doch das sagen sie nicht. Wie die Apotheker argumentieren auch sie lieber mit der Sicherheit: "Die Globalisierung und die Liberalisierung der Vertriebswege mit gesetzlich gewollten Parallelimporten erleichtern das Einschleusen gefälschter Medikamente", warnt der Verband forschender Arzneihersteller.

Nun könnten die Konzerne den Importen recht einfach ein Ende bereiten, indem sie ihre Pillen überall gleich billig anböten. Doch das wollen sie natürlich nicht. Und auch sonst lassen sie ihren Unkenrufen wenig konkrete Bemühungen folgen. Immer wieder mal wird über ein Barcode-System diskutiert, das ähnlich wie bei den Waren im Supermarkt auch den Weg der Pillen nachvollziehbar machen könnte. Aber dazu müsste man alle Großhändler und Apotheken mit Scannern ausstatten – worauf sich die Hersteller bisher allerdings noch nicht einigen konnten.

Stattdessen experimentieren die Unternehmen eher ziellos mit eigenen Methoden. Der Viagra-Hersteller Pfizer druckt sein Firmenlogo in einer Farbe, die von Blau nach Violett changiert, wenn man die Schachtel bewegt. Der Leverkusener Bayer-Konzern arbeitet bei seinem Potenzmittel Levitra mit Lackaussparungen: Der Markenname wirkt matt im Vergleich zum Rest der Hochglanzpackung. Und der französische Sanofi-Aventis-Konzern, der vor allem mit seiner Diätpille Acomplia ins Visier der Fälscher geriet, versucht, seine Arznei durch Hologramme unverwechselbar zu machen.

Das Problem bei all diesen Siegeln ist, dass sie Sicherheit suggerieren, sie aber nicht garantieren können. "Das ist immer nur eine Lösung auf Zeit", gibt selbst Bayer-Chef Werner Wenning zu. Dummerweise sind die Arzneifälscher fix, wenn es Neues nachzuahmen gilt – und mit der Verpackung machen sie sich mitunter die meiste Arbeit. Das merkten auch die Zollfahnder, die im vergangenen September, Hinweisen aus Amerika folgend, einen internationalen Anabolika-Händlerring auffliegen ließen. Das größte deutsche Labor fanden sie in einem Keller mitten in der Kölner Innenstadt. Dort stellten die Fahnder nicht nur 3.500 Hormonampullen und 256.000 Tabletten sicher, sondern auch eine hochprofessionelle Ausrüstung samt eimergroßen Erlenmeyerkolben, Aluminiumkapseln als Versiegelung für die Ampullen und stapelweise Hologrammen.

"Unser Mann bemühte sich um Professionalität", urteilt Fahnder Carsten Kallmann und zeigt auf ein Sterilisiergerät. "Wir hatten auch schon Fälle, in denen die Wirkstoffe in leeren Limoflaschen angemischt wurden." Wirklich erfolgreich waren die Bemühungen des Laborbetreibers aber offenbar nicht: Schon nach wenigen Wochen in der Asservatenkammer des Essener Zolls flockt der Inhalt der Ampullen unappetitlich aus. "Kaum zu glauben, dass sich jemand so was freiwillig in den Körper jagt", sinniert der Fahnder, während er eins der Fläschchen schüttelt.

Im besten Fall wirkungslos

"Der klassische Nutzer fängt mit einem Protein-Shake an"

Der Gebrauch der Muskelbooster ist weit verbreitet. Während die Nation im vergangenen Jahr über das Doping beim Team Telekom und bei anderen Fahrradprofis diskutierte, befragte Heiko Striegel von der Universitätsklinik Tübingen Freizeitsportler in rund 130 süddeutschen Fitness-Studios und stellte fest: "Fast jeder zehnte hat schon Erfahrungen mit Anabolika gemacht." Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation sind die Hormone, die pro Monat leicht mehrere Hundert Euro kosten können, deshalb inzwischen das Hauptangriffsziel der Arzneifälscher.

Das Problem beim Doping sei, dass man noch nicht einmal auf ein gepanschtes Präparat reinfallen müsse, um seiner Gesundheit zu schaden, sagt Sportmediziner Striegel: "Der klassische Nutzer fängt mit einem Protein-Shake an, und wenn er sieht, dass der Muskelaufbau bei seinem Trainingskollegen schneller geht, nimmt er ein Steroid und dann noch eins und noch eins."

So kommt es, dass der Sportmediziner Striegel, der am Stuttgarter Olympia-Stützpunkt Dienst tut, immer wieder mal ratlose Anrufe von niedergelassenen Kollegen bekommt. Sie stoßen bei Patienten auf Steroid-Akne, Hodenverkleinerung, Impotenz und andere typische Nebenwirkungen und wollen wissen, wie sie die Symptome einordnen und behandeln sollen. Und mit der gleichen Ahnungslosigkeit scheinen einige Ärzte die Ampullen auch zu verordnen. Medizinisch indiziert sind die Muskelmacher nur, um etwa Unfallpatienten auf die Beine zu helfen – doch das scheint recht großzügig ausgelegt zu werden: So gab von den Steroid-Nutzern bei der Umfrage im Sportstudio gut ein Drittel an, sich auch mithilfe von befreundeten Ärzten oder direkt bei Apothekern zu versorgen.