Seither sind zumindest am Frankfurter Flughafen die Diätpillen selten geworden. "Da kommt nix mehr", sagt Zöllner Redanz und deutet hoch in den Himmel. So richtig froh wirkt er dabei nicht. In zehn Jahren beim Zoll hat er zu viel erlebt, um zu glauben, dass die Sache damit erledigt sei. Auf diversen deutschsprachigen Webseiten werden die Kapseln aus China weiter beworben. "Statt per Luftfracht kommen die Dinger jetzt via Holland mit dem Laster", vermutet Redanz.

Auch Harald Schweim, der Pharmaziestudenten der Uni Bonn das Thema Sicherheit nahebringt, sieht den Verbraucher durch das Angebot im Internet überfordert. Zwar erfüllten registrierte Arzneiversender wie DocMorris die üblichen Auflagen: "Nach meiner Überzeugung sind alle in Deutschland zugelassenen Internethändler genauso sicher wie normale Apotheken", urteilt der Professor, um dann gleich einzuschränken: "Das Problem sind die unbekannten Namen."

Zum Beweis errichtete er ein eigenes Arznei-Portal. Optisch wirkte es genau wie andere Online-Apotheken – mit Prospan-Hustensaft, Fenistil-Creme gegen Lippenherpes und verschreibungspflichtigen Präparaten wie der Potenzpille Viagra. Als besonderen Service bot die Apotheke "Online-Konsultationen". Das ist eindeutig rechtswidrig. Und in den allgemeinen Geschäftsbedingungen hieß es: "Unser Ziel ist es nicht, Sie zufrieden zu stellen, sondern sie zu betrügen und Ihnen gefälschte Arzneimittel zu liefern."

"Die wenigsten Online-Kunden lesen das Kleingedruckte"

Wie viele Patienten wirklich betrügerischen Internethändlern zum Opfer fallen und was dabei an gesundheitlichen Folgekosten entsteht, vermag der Professor zwar genauso wenig zu beziffern wie das Bundesgesundheitsministerium oder der Verband der Krankenkassen, doch sein Experiment hat Schweim reichlich pessimistisch werden lassen: Mehrere Hundert Testkäufer besuchten die Seite und wurden anschließend per Fragebogen befragt – doch keinem einzigen war Ungewöhnliches aufgefallen. "Die wenigsten Kunden lesen das Kleingedruckte", sagt der Professor. Er sähe den Versand verschreibungspflichtiger Arzneien gern verboten.

Der traditionellen Apothekerschaft täte er damit einen großen Gefallen. Seit Deutschland 2004 den Pillenversand freigab, kämpft die weiße Zunft gegen die Konkurrenz aus dem Netz. Knapp vier Prozent Umsatz haben DocMorris und andere legale Versender den etablierten Arzneihändlern inzwischen abgenommen. So geschieht es wohl auch aus Eigennutz, wenn die Branche, die seit Langem gut in ihrer hoch regulierten Nische lebt, nun vor der Modernisierung warnt. Der Chef der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Heinz-Günter Wolf, verlangt: "Die Schleusen müssen geschlossen werden."

Kaum einer bestreitet, dass es Sicherheitsprobleme gibt. Die Frage ist nur, ob die sich per Gesetz beheben lassen. Werden sich illegale Händler, die Potenz-, Diät- und Haarwuchsmittel ohne Verschreibung verkaufen, von ihrem Tun abhalten lassen, nur weil allen der Versand untersagt wird, auch denen, die sich brav an alle Regeln halten? Gerd Glaeske, Professor in Bremen und Mitglied des Sachverständigenrates für das Gesundheitswesen, hält das für eine eher naive Idee. "Auch wenn es uns nicht gefällt: Verbote funktionieren im Netz nicht", sagt er. Mit einer Regelung, wie sie sich die Apothekenlobby wünscht, würde man "nur Gesetzestreue strafen".

Aber auch die traditionellen Apotheker, die sich gern als Hüter der Volksgesundheit gerieren, haben nicht nur weiße Kittel. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt derzeit gegen rund 100 Apotheker. Sie stehen unter Verdacht, deutsche Krebspatienten mit minderwertigen Arzneien aus dem Ausland versorgt zu haben. Die Zahl 100 nimmt sich gering aus bei insgesamt 21.500 deutschen Apotheken. Doch wenn man bedenkt, dass von denen nur 300 Chemotherapien zubereiten dürfen, bekommt der Fall eine gewaltige Dimension, urteilt der Sicherheitsbeauftragte der Techniker Krankenkasse (TK) Frank Keller, der die Ermittlungen im vergangenen Sommer mit einer Anzeige ins Rollen brachte.

Keller ist vom Fach, fast 20 Jahre arbeitete er beim Bundesgrenzschutz, "Spezialgebiet Fahndung und Observation", bevor er 2001 für die TK nach Abrechnungsbetrügern zu fahnden begann. Zwölf Leute hat er im Keller des Duisburger Tausendfensterhauses sitzen, wo die Kasse ihr Rechenzentrum betreibt. Mit Lupe und Handschuhen untersuchen sie verdächtige Rezepte auf gefälschte Arztstempel, manipulierte Mengen- oder Preisangaben.