Sie betritt die Hotellobby nicht wie eine Schönheitskönigin. Sie läuft mit kleinen, schnellen Schritten, ihr Gesicht unter einer blauen Ballonmütze verborgen, wie jemand, der nicht auffallen mag. Dabei behält sie ihre Umgebung im Blick, als rechne sie jeden Moment mit etwas Unvorhergesehenem. Vergessen geht nicht, ist unmöglich. Auch wenn sie es wollte.

Wenn sie ihren linken Oberarm bewegt, zieht es ein wenig. Wie Rheuma. Und wenn sie jemand nach der Narbe fragt, sagt sie, das ist von einer Impfung. Sie hat keine Lust, darüber zu sprechen, was an jenem Abend des 18. Februar 1994 geschah. Sie denkt jeden Tag daran, warum sollte sie den Schmerz teilen? Sie hat die Erfahrung gemacht, dass reden nicht hilft, dass sie sich vor der Erinnerung schützen muss. Wahrscheinlich ist Asli Bayram die einzige ehemalige Miss Deutschland mit einer Schusswunde. Wahrscheinlich ist sie auch die einzige, deren Geschichte wie die Überschrift aus einer Boulevardzeitung klingt: "Neonazi erschoss Vater von Schönheitskönigin."

Asli Bayram öffnet die Tür zu ihrer Suite im Berliner Adlon-Hotel, setzt sich auf den Sessel am Fenster. Unter ihrem Make-up schimmert die Müdigkeit. Sie kommt gerade vom Münchner Filmfestival, hat ein paar Leute getroffen, die einmal wichtig sein könnten für sie als aufstrebende Jungschauspielerin. Sie ist ein wenig erkältet, fröstelt, im Zimmer ist es kühl.

Asli verabredet sich oft in Luxushotels. Sie ist 26, hat eine Wohnung in Berlin, findet aber über Monate hinweg immer einen Grund, warum man sich dort nicht treffen könne – sie zieht entweder gerade um, oder es ist nicht aufgeräumt. Diesmal wird renoviert. Andere würden bei Freunden oder in einer Pension übernachten. Asli mag Luxushotels. Sie zeigen, dass es einem gut geht, und sie sind schön. Schön unpersönlich. Jeder kann das hineinlesen, was er will. Perfekt, um sich nicht erinnern zu müssen. Wohnungen erzählen zu viel über ihre Bewohner, und sie bieten keinen Schutz, das weiß Asli seit jener Nacht im Februar.

Asli prüft ihr Gegenüber schweigend. Von sich aus erzählt sie wenig, sie fragt meist lieber selbst, um nicht über sich sprechen zu müssen. Sie weiß, bald wird das Gespräch auf ihren Vater kommen. Sie wehrt sich dagegen, dass sein Tod zu großes Gewicht bekommt und sie in den Hintergrund drängt. Asli breitet ein paar Fotos von ihrem letzten Film vor sich aus: Short Cut to Hollywood. Asli spielt darin die Schöne, eine Stargeigerin im roten Abendkleid. Sie will ein Porträt, in dem es um ihre beginnende Karriere, ihre Erfolge, ihre Zukunft geht, nicht um ihre Vergangenheit. Sie ahnt, dass das eigentlich unmöglich ist. Sie weiß auch, dass der Schein in ihrem Geschäft entscheidend ist – immer guter Laune sein, das richtige Wort an die richtige Stelle setzen, unberührbar bleiben. Eine Geschichte wie ihre verstört.

2005 war das Jahr, das alles veränderte. Asli war die erste Deutschtürkin, die zur schönsten Frau Deutschlands gewählt wurde. Sie bekam Sachpreise im Wert von 50.000 Euro, eine Wohnung in Köln, ein Männermagazin überlegte, mit welcher Frucht man ihren Ausschnitt vergleichen könnte, und sie wurde oft vor großen Autos fotografiert. Asli war damals schon sicher, dass es dabei nicht bleiben sollte. Sie wollte ernst genommen werden, nicht nur schön sein, sie wusste nur nicht, wie.

Niemand in ihrer Familie hatte irgendeine Verbindung zur Schauspielerei. Ihre Eltern waren aus der Türkei nach Darmstadt gezogen, der Vater betrieb ein kleines Import-Export-Unternehmen, die Mutter half mit. Asli hatte nie eine Schauspielschule besucht. "Ich habe mich als Kind immer gefragt, wie man da hinkommt. Ich hatte noch keinen Ansatzpunkt." Die Misswahl brachte sie der Showwelt näher, aber nur ein wenig. Die meisten Schönheitsköniginnen stürzen nach einem Jahr in die Bedeutungslosigkeit zurück, das musste sie verhindern. Asli suchte einen Manager und zog von Köln nach Berlin. "Seitdem bin ich nur noch unterwegs."

In ihrem Handy hat sie ihre Freunde nun nach Städten geordnet. Wenn sie irgendwo ankommt, schaut sie auf das Display, wen sie anrufen kann. Fragt man sie nach alten Freunden, sagt sie, gelegentlich spreche sie am Telefon mit ihnen. Asli Bayram wirkt oft, als ob um sie herum viel Raum sei, den außer ihrer Familie niemand betreten könne. Mit ihr telefoniert sie jeden Tag. Ihre vier Geschwister studieren alle Jura, auch Asli, sie hat ihr Studium aber gerade unterbrochen. "Wir wollen wissen, wie das Recht funktioniert. Damit wir nicht so auf andere angewiesen sind, wenn etwas passiert." Niemals mehr so hilflos sein wie damals vor 14 Jahren. Eine von Aslis Schwestern ist Weltmeisterin im Karate, Asli selbst hat den blauen Gürtel. Es scheint, als gehe es darum, sich wehren zu können. Familie Bayram ist jetzt gewappnet.

Asli nimmt ein Wasser aus der Minibar, draußen ist Sommer, im Augenblick läuft es gut. Sie wird bald die Anne Frank spielen an einem Luxemburger Theater. Es ist ihre erste große Rolle – fast anderthalb Stunden allein auf einer Bühne. Asli, die Muslimin, wird Anne sein, die Jüdin. "Das ist vielleicht in den Augen Engstirniger ungewöhnlich, aber als Schauspielerin ist es meine Aufgabe, jemanden darzustellen, der ich nicht selbst bin", sagt sie. In der Woche darauf fährt sie nach London zu einem Casting und danach weiter nach Paris zur Fashion Week. "Ein bisschen muss man sich zeigen, das gehört zum Job." Sie wird dort viel lächeln, und besonders ältere Männer werden ihr gern den Arm um die Schulter legen. Asli wird dann so tun, als merke sie es nicht.

Ein paar Monate später, ein Wochenende in Amsterdam, Grand Hotel Krasnapolsky. Asli ist an diesem Morgen aufgewacht und wusste für einen Moment nicht, wo sie war. Kein gutes Gefühl, sie war viel unterwegs in den Wochen, die hinter ihr liegen. In den folgenden Tagen wird sie für das Anne-Frank-Stück proben. Ihr Manager, Robert Hofferer, ist aus Wien angereist, der Regisseur, Charles Muller, aus Luxemburg, sie sitzen mit Asli beim Frühstück. Der Regisseur hatte Aslis Foto gesehen und gedacht: "Das ist die Anne."

Im Programmheft sind nun die Bilder von beiden auf zwei gegenüberliegenden Seiten abgedruckt. Asli trägt einen Seitenscheitel, hält den Kopf schief und lächelt ein wenig verzagt. Anne Frank und sie sehen sich tatsächlich ähnlich. Regisseur Muller weiß, dass seine Besetzungsentscheidung wie ein Ausrufezeichen wirkt. "Ich will zeigen, dass sich verschiedene Kulturen verstehen können."

Manager Hofferer betrachtet die Rolle eher strategisch: "Die Theaterarbeit mit dem Projekt Anne Frank ist für Aslis künstlerische Entwicklung von großer Wichtigkeit. Sie hätte auch so was wie Deutschland sucht den Superstar moderieren können. Diese Entscheidung ist sehr mutig von ihr." Er hat ihre Karriereplanung für die nächsten Jahre im Kopf. Er sieht sie nicht in deutschen Boulevardmagazinen, sondern international. "Sie will immer Qualität." Manchmal reden die beiden Männer über Asli, als sei sie gar nicht da. Es ist keine böse Absicht, es geschieht einfach. Asli sitzt still zwischen ihnen und hört zu.

Manager Hofferer erzählt, dass sie ihn über Monate hinweg immer wieder angerufen hatte. Und er konnte sich nie ihren Namen merken. Asli hatte über einen Freund von ihm gehört, sie brauchte jemanden, der sie aus dem Kreis der Schönheitsköniginnen herausführen konnte. Hofferer ist sehr gut vernetzt, seit Jahren betreut er André Heller. Bei ihrem ersten Treffen in einem Frankfurter Hotel hatte Hofferer eine große Blondine erwartet. Und dann kam Asli, schwarzhaarig, zurückgenommen, fast ein wenig unauffällig. Mit ihr konnte er sich über Die Verachtung von Godard unterhalten. Hofferer war beeindruckt.

Später sitzt Asli mit Regisseur Muller in einem Café an einer Gracht. Boote fahren vorbei, auf einem feiert eine Gruppe junger Frauen Junggesellinnenabschied. Sie haben sehr wenig an, trinken Sekt aus Flaschen und prosten den Zuschauern am Ufer laut grölend zu. In diesem Augenblick wirkt Asli 20 Jahre älter als die Frauen auf dem Boot: Asli grölend – das ist schwer vorstellbar. Sie sagt, einmal habe sie zu viel Alkohol getrunken und ein Blackout gehabt. Drogen? "Da ist man nicht man selbst und verliert jede Würde."

Regisseur Muller erzählt von vergangenen Schauspieler-Saufgelagen, die teilweise auf der Bühne weitergingen. Asli hört interessiert zu. "Sie ist sehr diszipliniert", sagt Muller. Manchmal scheint es, als sei da ständig eine Art innerer Bremse, die sie vor Ausbrüchen, vor zu großen Gefühlsregungen schützt. Sie ist nicht zu laut, aber auch nicht zu leise. Sie lacht nicht, sie lächelt. Nur ab und an ahnt man eine Wut, wenn es um ihren Vater geht, aber dieses Thema meidet sie. Am Nebentisch sitzen ein paar Jugendliche, essen Pommes, rülpsen und stürzen Bier hinterher. "Präg dir ein, wie die das machen", sagt Muller. Als Schauspieltraining.

Nach dem Essen wollen sie das Anne-Frank-Haus besuchen. Vor dem Haus wartet eine lange Schlange. Drinnen schleppen sich dickleibige Amerikaner die schmalen Treppen hinauf. Es ist eng und stickig. Ein Buchregal verbirgt die Tür zum Hinterhaus, wo sich die Franks von 1942 an zwei Jahre lang bis zu ihrer Entdeckung durch die Nazis versteckten. Asli betritt Annes Zimmer: Ein schmaler Schlauch, gelbliche Tapeten, hinter Glas hängen Bilder von Heinz Rühmann und der jungen Queen Elisabeth, die Anne Frank anhimmelte. Asli steht dicht gedrängt mit vielen Touristen in dem Raum. Von einem Bildschirm an der Wand spricht Anne Franks Vater, der seine Tochter überlebt hat. "Für ihn muss es schrecklich gewesen sein", sagt Asli.

Fürchtet sie sich manchmal davor, was ihre Glaubensbrüder davon halten, dass sie die Anne Frank spielt? Denkt sie darüber nach, dass es sie zum Angriffsziel für Neonazis machen könnte? "Meine Religion ist prinzipiell tolerant, auch wenn das heute keiner hören will. Und ich habe vor Radikalen keine Angst, schon gar nicht nach dem, was uns passiert ist", sagt sie. Schlimmer kann es nicht kommen.

Etwas weiter liegen die Originaltagebücher in einer Glastruhe. In den frühen ist Annes Schrift noch kindlich rund mit Kringeln über dem i; da war sie 13. Am Ende, zwei Jahre später, schreibt sie wie eine alte Frau: gestochen, ohne Schnörkel. Das ist vielleicht der einzige Augenblick in diesem Haus, in dem man das Grauen erahnen kann, das es für das junge Mädchen bedeutet hat, eingesperrt und vor der Welt verborgen zu leben. Asli steigt die Treppen nach unten, dort kann man an einem Computer die einzelnen Zimmer des Hauses anklicken und virtuell darin herumspazieren. Am Ende schreibt Asli ins Gästebuch: "Niemals vergessen." Es wirkt doppeldeutig, wie eine Mahnung an sich selbst.

Asli sagt, sie denke jeden Tag an ihren Vater. Was bedeutet es für eine junge Frau, jeden Tag mit einem Toten zu leben, sich jeden Tag an den Verlust zu erinnern? Immer wenn diese Fragen kommen, scheint es, als würde sie sich am liebsten abwenden. Asli zeigt auch nie ein Foto ihres Vaters, sie gibt ihrem Schmerz kein Gesicht.

Was bedeutet dieses Trauma für sie und ihre Arbeit als Schauspielerin? Es habe etwas verändert, aber nicht alles, sagt sie. Es bestimme sie nicht. "Ich bin schneller erwachsen geworden." Vielleicht könnte ihre Vergangenheit, die Erfahrung der Bedrohung, ihr bei der Annäherung an Anne Frank helfen. Asli sagt dazu nichts, aber es scheint, als bemühe sie sich, diesen Teil ihrer Geschichte aus ihrem Beruf herauszuhalten. Sonst müsste sie ihren Schmerz offenbaren.

Nach dem Besuch im Anne-Frank-Haus gehen Asli, ihr Manager und der Regisseur noch etwas trinken. Wenn Asli eine Straße überquert, führt ihr Manager sie sanft am Arm. Wie ein Kind.

Asli Bayram könnte das perfekte Beispiel sein für eine gelungene Integration: in Darmstadt geboren, Abitur, erste türkischstämmige Schönheitskönigin und nun hoffnungsvolle Jungschauspielerin. Das ist ein Thema, bei dem für einen Augenblick ihre wohlverborgene Wut hervorbricht. "Zur Integration gehören zwei", sagt sie. "Wären die Deutschen offener und flexibler, wären Ausländer auch mehr integriert." Dass sie von Politikern wie Roland Koch noch immer als "ausländische Jugendliche" betrachtet wird, die man im Zweifel abschieben kann, ärgert sie.

Schon in der Schule hatte sie das Gefühl, doppelte Leistung bringen zu müssen. Einmal warf eine Lehrerin sie aus dem Unterricht mit den Worten: "Das kannst du in der Türkei machen, hier nicht." Sie hatte mit ihrem Bleistift herumgespielt. Asli hat die vielen kleinen Ungerechtigkeiten nicht vergessen, sie hat sie konserviert.

Jeden Tag kann Asli nun in der Zeitung über "Jugendliche mit Migrationshintergrund" lesen. Es sind fast immer schlechte Nachrichten: Gewalt, fehlende Bildung, religiöser Fanatismus. Es trifft sie, denn Asli fühlt auch sich gemeint. Und es sind die Aufmacher mit den fetten Überschriften.

Asli muss daran denken, wie klein die Artikel waren, als ihr Vater erschossen wurde. Das Archiv findet nur kurze Meldungen. Darin steht etwas von einem "Nachbarschaftsstreit" und dass der Täter stark betrunken gewesen sei. Dass er Asli und ihre Geschwister vorher "Türkenpack" genannt hatte und der Neonaziszene zugerechnet wurde, wird nur nebenbei erwähnt. Es ist Zeit, über Aslis Vater zu reden. Aber je länger man mit Asli spricht, je öfter man sie trifft, je näher man ihr zu kommen versucht, desto mehr entzieht sie sich.

Nur einmal am Anfang, in der Suite im Adlon, kann sie kurz über das sprechen, was damals passiert ist. Am Abend des 18. Februar 1994 klingelt es an der Tür der Bayrams in Darmstadt. Asli öffnet, sie ist zwölf, der Nachbar steht vor ihr. Asli kennt ihn vom Sehen, er hat sie und ihre Geschwister zuvor schon öfter beschimpft. Sie ruft ihren Vater. Der Nachbar schießt mehrmals. Der Vater schafft es noch, Asli zur Seite zu schubsen. "Sonst wäre ich jetzt tot", sagt sie tonlos. Asli wird am Arm getroffen, der Vater bleibt im Flur liegen, seine Familie muss ihm beim Sterben zuschauen. Der Nachbar stellt sich kurz darauf, sagt aus, er habe sich über den Lärm der Bayrams geärgert. Später bekommt er neun Jahre wegen Totschlags. Aus der Haft wird er vorzeitig entlassen. Asli versucht, nicht daran zu denken. "Deutschland ist ein Täterparadies", sagt sie. Die Familie kehrt nach der Nacht nie wieder in die Wohnung zurück.

Asli sagt beim Prozess gegen den Mörder ihres Vaters aus – was und wie, hat sie vergessen. Sie mag sich nicht daran erinnern. Selbst Vertrautes erscheint danach verändert. Die Bayrams überlegen sogar, in die Türkei zurückzukehren, aber warum sollten sie. "Wir waren die Opfer."

Asli geht weiter zur Schule, sie kann sich aber nicht konzentrieren und bleibt sitzen. Sie schläft nur mit Licht, redet kaum. Vergessen ist unmöglich, schweigen der einzige Weg, den Verlust zu ertragen. Die Kinder haben ihren Vater, die Mutter hat ihren Mann verloren. Die Bayrams schwören sich: Wir lassen uns nicht gehen. Sie ziehen nach Frankfurt, dort wohnen Aslis Mutter und ihre Geschwister noch heute.

Asli lehnt es ab, gemeinsam dahin zu fahren, um ihre Familie, ihre Schule, ihre Vergangenheit zu besuchen. "Es ist einfach zu schmerzhaft, zu Hause bei Mama über damals zu sprechen. Das ist etwas sehr Privates, das wir nur in der Familie miteinander teilen." Schauspielerin wäre sie auch geworden, wenn ihr Vater noch lebte. "Was also hat meine Karriere mit der Vergangenheit zu tun?", fragt sie.

Der Tag der Premiere des Anne-Frank-Stücks: Am Theater von Esch, der zweitgrößten Stadt Luxemburgs, hängt das Bild von Asli als Anne Frank. Asli hat sich zurückgezogen. Regisseur Charles Muller sitzt in einem Café. In den Monaten zuvor hat Muller mit Asli geprobt. Er weiß, dass es ein Wagnis ist, ein Solostück mit einer Anfängerin zu besetzen. Aber Asli hat sehr hart gearbeitet – wie immer. Und dann sagt Muller, warum er denkt, dass Asli eine gute Anne Frank geben wird: "Sie hat auch etwas von einer jungen Pflanze, die nicht blühen darf."

Am Abend steht Asli allein auf der Bühne. Die Premiere ist ausverkauft, ihre Mutter und ihre drei Schwestern sitzen im Saal. Asli trägt eine weiße Bluse, einen grauen Faltenrock und dicke Kniestrümpfe. Schön soll sie nicht sein. Sie hält einen Monolog aus dem Tagebuch . Ihre Stimme ist auf der Bühne höher. Ab und an ballt sie die Fäuste, ihre Anne Frank klingt manchmal ein wenig beleidigt. Es geht auch oft um den Vater von Anne im Tagebuch , zu dem sie ein besonders enges Verhältnis hatte: "Papa ist immer lieb zu mir."

Wie mag es Asli bei Sätzen wie diesem gehen? Sie zeigt es nicht. Sie ist immer dann gut, wenn sie leise sein und den Schmerz verbergen kann. Das Laute, Wütende liegt ihr nicht. Dazu müsste sie sich gehen lassen. Vielleicht ist es unmöglich, sich anderen so schutzlos und verletzlich zu offenbaren. Vielleicht ist es auch nicht gesund. Aber in manchen Augenblicken kann man es an diesem Abend ahnen, welche Kraft Asli Bayram hätte, wenn sie ihre Wut, ihre Trauer, ihre Vergangenheit als Schauspielerin einsetzen könnte. Am Ende des Stücks versinkt sie langsam im Bühnenboden. Es gibt stehende Ovationen.

Nach der Vorstellung steht Aslis Mutter in der Bar des Theaters. Eine kleine Frau in einem altrosa Kostüm, Furchen durchziehen ihr Gesicht. Sie kommt ursprünglich vom Schwarzen Meer; Asli, die noch nie dort war, übersetzt für ihre Mutter. Asli mag es nicht, wenn man ihre Mutter etwas fragt, sie fürchtet immer, es ist das Falsche. "Das mit meinem Mann ist bittere Vergangenheit", sagt die Mutter.

Nachher gehen alle zusammen zum Feiern in ein chinesisches Restaurant. Asli und ihre Familie setzen sich an den rechten Rand des Tisches, am anderen Ende sitzen der Regisseur und die Mitarbeiter von der Agentur des Managers. Asli in der Mitte trennt die beiden Tischhälften wie ein Schutzwall. An einem Ende geht es um Projekte in China und Urlaube in Thailand, am anderen Ende unterhalten sich die Bayrams auf Türkisch. Vor dem Essen steht Asli dann auf und hält eine kurze Rede, bedankt sich bei ihrer Familie. Ihre Mutter ist stolz: "Die Asli hat immer alles zu Ende gebracht, was sie sich vorgenommen hat."

Ihre Tochter bewegt sich in einer Welt, in die ihre Familie ihr kaum noch folgen kann. Asli hat inzwischen viele Bekannte, die sie mitnehmen zum Geburtstag des Sängers James Blunt und zur Oscar-Gala, sie pendelt zwischen Wien, Berlin, Los Angeles. Auch am Tisch vereinen sich die beiden Welten nicht. Die Bayrams brechen um Mitternacht auf, sie werden noch in der Nacht die zweieinhalb Stunden nach Frankfurt zurückfahren. Asli begleitet sie vor die Tür. Draußen stehen sie in der Kälte und umarmen sich.

Berlin, Hotel Adlon an einem Winterabend, seit der Premiere sind drei Monate vergangen. Asli hat die Anne Frank in Prag und in Frankfurt gespielt. Sie ist wütend. Nur in Deutschland sei sie darauf angesprochen worden, warum eine Muslimin als Jüdin auftrete. "Woanders hat das keiner gefragt." Sie selbst hat nie darüber nachgedacht. "Daran sieht man, wie intolerant man in Deutschland sein kann." Asli klingt fast bitter, vergisst darüber, ob sie zu viel sagt und wie es interpretiert werden könnte. Es wirkt, als könne sie in ihrer Wut einmal entspannen.

Asli Bayram wird einige Wochen später nach Hollywood aufbrechen, zu ein paar Castings. Dort sei es egal, wo man herkomme. Dort kennt keiner ihre Geschichte.