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Der Winterabend ist sternenklar. Unten im Tal, in Corvara und La Villa, funkeln schwach die Lichter der Hotels. Oben auf dem Piz La Ila, auf 2100 Metern, dröhnt ein Dieselmotor durch die abendliche Stille. Plötzlich taucht aus dem Wald ein bulliges, panzerähnliches Fahrzeug auf und bahnt sich den Weg hinauf zur Hütte neben der Seilbahnstation. Ein Dutzend Skifahrer in voller Montur steigt aus. Als sich die breite Hüttentür öffnet, dringt Discolärm hinaus in die Kälte. »Avanti ragazzi«, ruft der Discjockey, »benvenuti!«

Heute ist Serata im Club Moritzino, eine ganz besondere Art des Après-Ski: Musik, Tanz, dazu ein opulentes Abendessen und anschließend, so gegen Mitternacht, die gemeinsame Abfahrt ins Tal – beleuchtet vom Mondschein und den Lichtkegeln der Pistenraupenscheinwerfer. In Alta Badia, dem oberen Gadertal, mögen sie es außergewöhnlich. Hier werden an einem solchen Abend auch nicht Speck und Schüttelbrot serviert, sondern Ravioli mit kräftigem Formaggio di Fossa aus dem Apennin und Wildschweinfilet mit Mandelkruste.

Piero Ferrari, die Benettons, sie alle kehren bei Moritz Craffonara ein

Das zu Füßen von Sella-Gruppe und Grödner Joch, rund 70 Kilometer von Bozen entfernt gelegene Alta Badia ist nicht irgendein Skigebiet in den Dolomiten. Es ist die Nummer eins unter Italiens Wintersportregionen. Mit jährlich 700 Übernachtungen pro Einwohner. Und es ist die Lieblingsadresse betuchter Italiener, die es mit dem Sport nicht so ernst nehmen. Hier entspannt man sich, hier amüsiert man sich, hier rutscht man gemütlich über breite, eher leichte Pisten.

Alta Badia ist altmodisch und gemächlich. Die Hauptorte Corvara, La Villa, St. Kassian und Pedratsches, alle immer nur drei, vier Kilometer voneinander entfernt, sind unscheinbare Dörfer inmitten spektakulärer Gebirgslandschaft. Die Einheimischen sprechen untereinander Ladinisch, eine Variante des Rätoromanischen, die Bergbauernhöfe werden bewirtschaftet, und die Gourmetrestaurants geben sich von außen so unauffällig, dass nur Eingeweihte sie als solche erkennen.

Der Club Moritzino ist ein eher dunkles Lokal mit geschnitzter Holzdecke, rustikalen Möbeln und einer halbrunden Bar. Im Wintergarten sitzt am nächsten Vormittag Moritz Craffonara, der Chef des Hauses, ein kräftiger Mann um die sechzig mit zerzaustem Grauhaar über der hohen Stirn und geschwungener Designerbrille. Moritz Craffonara ist alles andere als ein kleiner Moritz, wie man den Namen seines Lokals ins Deutsche übersetzen würde. Wer in Alta Badia mehr als ein anonymer Zufallstourist sein will, muss Moritz kennen. Und seine Hütte, während der Saison ein kleines Gourmetrestaurant mit Schwerpunkt Fischspezialitäten.

Als Moritz Craffonara vor vielen Jahren am Abitur scheiterte und eine Beschäftigung suchte, war das Gadertal noch ein wenig beachtetes Bergbauerntal. Es gab ein paar gute Hotels, ein paar hübsche Restaurants, in den siebziger und achtziger Jahren auch deutsche Prominente, wie den Quizmaster Hans Rosenthal oder den Boxer Bubi Scholz, die hier die Ruhe und Abgeschiedenheit genossen – aber es gab keinen Luxus. Wer etwas auf sich hielt, der fuhr nach Gröden oder Cortina d’Ampezzo, dem Treffpunkt der italienischen Hautevolee. Gröden hatte die berühmten Pisten am Ciampinoi und die mittlerweile gesperrte Langkofelscharte als Herausforderung. Cortina profitierte vom Ruhm als Olympiaort.

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Auch Moritz Craffonara wollte ursprünglich nicht in Alta Badia bleiben. »Ich wollte in Hannover Jura studieren, aber ohne Abitur ging nichts.« Eine kleine rustikale Einkehr direkt neben der Bergstation, so was müsste eigentlich gut gehen, dachte er sich in seiner Not und baute auf der Almwiese seiner Eltern eine Hütte. Vor 41 Jahren war die Eröffnung. Am ersten Tag nahm er 80.000 Lire ein. Das war mehr Bargeld, als seine Eltern je auf einmal gesehen hatten. Und das Geschäft lief von Jahr zu Jahr besser. Irgendwann in den frühen neunziger Jahren tauchte dann plötzlich die High Society in der Hütte auf.

Craffonara erinnert sich genau. »Da kam der Gunther Sachs mit dem Hubschrauber gelandet und hatte den Industriellen Zanussi dabei. Die wollten unbedingt Fisch essen. Den gab es bei uns oben natürlich nicht.« Also schnappten Sachs und Zanussi sich Craffonaras Koch Sergio Zucca und flogen mit ihm nach Chioggia, um Fisch für den Abend zu besorgen. Für die beiden war das wohl nicht mehr als ein Gag, für Craffonara aber einer mit Folgen.

Denn er begriff als einer der Ersten, dass sich auch in Alta Badia mit Edelfisch und Hummer ein gutes Geschäft machen ließ. Cortina und die VIPs waren ja nur ein paar Kilometer entfernt. Während man sich im ehemaligen Olympiaort weiterhin tatenlos im Glanz der alten Tage sonnte, begannen die Wirte in Alta Badia, ihr touristisches Angebot aufzupäppeln: Pensionen wurden zu eleganten Hotels, einfache Gaststuben zu anspruchsvollen Lokalen, die auch den kulinarischen Ansprüchen von Piero Ferrari, Luca di Montezemolo und der Familie Benetton entsprachen. Sogar Fürst Albert von Monaco hat schon im Moritzino gegessen.

Es ist ein Glück für das Tal, dass es erst spät zu Ruhm kam. So blieben ihm nicht nur die Bausünden von Gröden und Cortina erspart, auch die Großspurigkeit, die viele ältere Prominentenorte auszeichnet, hatte gegen das Understatement von Alta Badia bisher kaum eine Chance. Selbst das kürzlich mit dem zweiten Michelin-Stern bedachte Restaurant St. Hubertus im Hotel Rosa Alpina in San Cassiano wirkt noch immer wie ein großes Wohnzimmer, in dem der Hausherr im weißen Kochkittel von Tisch zu Tisch wieselt und in südtirolerisch klingendem Italienisch seine Aufwartung macht. Man isst an runden Vierertischen, sitzt auf gemütlichen Lehnensesseln, an den Wänden hängen überall Geweihe und Hirschmotive aller Art.

Neben dem Türstock hängen noch mehr Kruzifixe

Der Küchenchef Norbert Niederkofler, der lange bei Alfons Schuhbeck am Waginger See gearbeitet hat, beschreibt seine Küche als klassisch mit regionalem Bezug: Wiener Schnitzel vom Kalbsbries mit weißem Sellerie und Morcheln oder Gröstel von Zanderwangen mit Pfifferlingen und Saubohnen. Hausmannskost für verwöhnte Gaumen, könnte man auch sagen. Oder bodenständiger Luxus.

Der reine Luxus interessiere die Leute heutzutage doch sowieso nicht mehr, sagt auch Moritz Craffonara. Er ist sich ziemlich sicher, dass dieselben Leute, die den einen Abend bei ihm im Club Moritzino tanzen oder im St. Hubertus speisen, am nächsten Tag schon in der Bauernstube von Enrico Nagler eine Suppe löffeln.

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Der 200 Jahre alte Bergbauernhof ist nur von Pedratsches aus über eine enge, kurvige Straße, streckenweise auch noch durch dunklen Wald zu erreichen. Neben dem Wohnhaus liegen der Stall und eine Pferdekoppel. Hinter dem Parkplatz, auf dem fast nur neue und nicht ganz billige Sportlimousinen stehen, kommt schließlich das unscheinbar graue und ziemlich alte Gasthaus mit dem unübersehbaren Kruzifix neben dem Eingang, das signalisiert: Hier legt man Wert auf Tradition.

Die Stube ist mit schweren Bauernmöbeln eingerichtet, neben dem Türstock hängen noch mehr Kruzifixe. Das Lokal braucht keine Reklame. Im Winter ist es praktisch immer ausgebucht. Dabei gibt es jeden Tag so ziemlich das gleiche Menü, das Enricos Frau Maria in der kleinen alten Küche auf offenem Feuer zusammenrührt und brutzelt: Gerstensuppe, Spinatkrapfen, Schlutzkrapfen, dann Schweinshaxen oder Ripperl und zum Nachtisch Apfelstrudel oder Linzer Torte. Dass Tische und Stühle recht eng aneinandergestellt sind, damit möglichst viele Platz finden, scheint niemanden zu stören. Und auch nicht, dass es so laut ist, dass man seinen Tischnachbarn wie einen Schwerhörigen anbrüllen muss. »Immer mehr Leute suchen halt das Echte«, sagt Enrico Nagler, »und unser altes Gasthaus ist eben das älteste Anwesen im Tal.«

InformationBILD

Anreise:
Von Deutschland über die Brennerautobahn bis zur Ausfahrt Brixen/Pustertal. Auf der Pustertaler Straße Nr. 49 bis Sankt Lorenzen, dann Nr. 244 bis Alta Badia. Landschaftlich attraktiver, aber länger: bis zur Autobahnausfahrt Klausen und dann durch das Grödner Tal

Unterkunft:
Hotel Rosalpina (St. Kassian, Tel. 0039-0471/849500, www.rosalpina.it ), DZ ab 200 Euro

Hotel Ciasa Salares (Armentarola, St. Kassian, Tel. 0039-0471/849445, www.siriolagroup.it ), DZ ab 179 Euro

Hotel La Perla (Corvara, Tel. 0039-0471/831000, www.hotel-laperla.it ), DZ mit Halbpension ab 195 Euro pro Person

Restaurants:
Club Moritzino (Piz La Ila, La Villa, Tel. 0039-0471/847403, www.moritzino.it ), klassische Skihütte mit Gourmet-Fischrestaurant im angebauten Wintergarten. Täglich geöffnet

Maso Runch (Runch 11, Pedratsches, Tel. 0039-0471/839796), traditionelles ladinisches Gasthaus mit deftiger Bergbauernküche, nur abends geöffnet, Sonntag Ruhetag

St. Hubertus im Hotel Rosalpina, Südtirols höchstdekoriertes Restaurant, klassisch-Tiroler Ambiente, nur abends geöffnet, Dienstag Ruhetag in der Nebensaison

La Siriola im Hotel Ciasa Salares, elegantes Restaurant mit tendenziell extravaganter mediterraner Küche, opulentes Weinangebot, Montag Ruhetag

La Stüa de Michil im Hotel La Perla, kleine, feine rustikale Stuben, kreative Küche, exzellenter Weinkeller, nur abends geöffnet, Montag Ruhetag in der Nebensaison

Skipass:
6-Tage-Skipass Alta Badia ab 168 Euro (51 Liftanlagen, 130 Kilometer Pisten), Dolomiti Superski (12 Skigebiete, 1200 Kilometer Piste) ab 184 Euro. 35 Kilometer Langlaufloipen

Auskunft:
Tourismusverband Alta Badia, I-39033 Corvara, Tel. 0039-0471/836176, www.altabadia.org