Plötzlich, wie über Nacht, ist der Frühling gekommen. Das will etwas heißen: Wenn das Eis endlich schmilzt, kann der Fluss die Stadt mit Waren versorgen, dann wird der stinkende Dreck aus den engen Straßen gespült, dann ist mehr Waschwasser da, die Mühlen nehmen ihren Betrieb wieder auf. Frisch gewaschen kann man sich näher kommen. Und wie aus dem getauten Boden geschossen sind Spaziergänger aller Art, Bettler, Handwerker, Bürger, Dienstmädchen, im Freien vor der Stadt unterwegs. Als Sehnsüchtige sind sie jetzt gleicher als sonst. Man hat frei, fühlt sich auch so, jedenfalls vom Eise befreit, es ist Ostern!

»Jeder sonnt sich heute so gern«, sagt da wie beseelt ein Spaziergänger zu seinem Begleiter, »Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden, / Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, / Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden, / Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, / Aus der Straßen quetschender Enge, / Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht / Sind sie alle an’s Licht gebracht.«

So viel Ostern kann einen etwas misstrauisch machen

Frühling, Übergangszeit, Sattelzeit: So klingt das aufgeklärte Deutschland um 1800. Ans Licht! Auferstehung buchstabiert sich hier weltlich, die fällige Befreiung aus Dumpfheit, Enge, Druck und Dunkelheit bringt zwar keine politische Revolution, aber immerhin ein naturchristlicher Frühling; und Bildung plus etwas Liebe tun das Ihrige zur Freiheit dazu. Statt der französischen gewalttätigen Umstürze findet hier friedlich ein ständeübergreifender Osterspaziergang statt, nach deutscher, ziemlich protestantischer Art, kirchenfern, naturfromm, es wird lieber nicht politisiert, sondern stattdessen gewandert. Und ein gelehrter Interpret des Geschehens hat sich unter den Spaziergängern auch gefunden, der vertont also, den Pudel schon auf den Fersen, die Auferstehung neu.

Das ist der Faust. Goethes Faust, Doktor einiger Künste, der allerdings wenige Stunden vor diesem Osterspaziergang noch des Lebens so müde war, dass er das tödliche Gift schon an die Lippen gesetzt hatte. Bis plötzlich in tiefer Nacht ein Chor der Engel erklang, »Christ ist erstanden«, dessen heller Ton »mit Gewalt« den Lebensmüden am Selbstmord gehindert hat. Vom Tod zum Leben, wie es zur Osternacht passt: Das könnte den Leser oder Zuschauer christlich erbauen, läge diesem Faust ein bekennendes Christentum nicht ebenso fern wie Goethe, seinem Autor, das ist ja bis in alle Parodien bekannt: »Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.« Das kann einen etwas misstrauisch machen.

Warum also ist so viel Ostern um diesen Faust , der vor genau 200 Jahren erschien? Sein aufgeklärt naturgläubiger Autor hatte schon im Juli 1797 geschrieben, der Faust werde bald zu des Publikums »Verwunderung und Entsetzen wie eine große Schwammfamilie aus der Erde wachsen«. Es hat länger gedauert, bis Ostern 1808, da erschien Faust. Eine Tragödie zur Buchmesse, als Band 8 der Werkausgabe bei Cotta. Und darin waren nun erstmals, anders als in Goethes sogenanntem Urfaust der 1770er Jahre, anders auch als in seinem Faust- Fragment von 1790, die wiederbelebende Osternacht , der Osterspaziergang und das österlich motivierte Auftauchen Mephistos enthalten.

Dies alles hatte Goethe sich etwa zehn Jahre nach der Französischen Revolution ausgedacht, wie überhaupt die metaphysische Einbettung der Handlung. Auch den Prolog im Himmel nebst Gott dem Herrn hat Goethe erst um 1800 ins Stück eingebaut; genauer gesagt, er hat Gott und den gefallenen Engel Mephisto vor Beginn des Stücks, bevor also die Gelehrten-Tragödie, dann die Gretchen-Tragödie ihren Lauf nehmen, im Himmel über den Faust debattieren lassen. Mephisto will es schaffen, den Gottesknecht Faust von seinem »Urquell« abzuziehen, das nennt er Wette. Die nimmt Gott zwar nicht an, aber er lässt den Mephisto zuversichtlich gewähren, als sei’s ein Spiel, das ein liberaler Vater gewährt.