Jede Zeit macht sich ihren Faust. Denn das Klassische am klassischen Helden ist, dass er sich immer neu deuten lässt. Heute könnte man Goethes Drama als Absage an die Utopien lesen, als erste deutsche Tragödie vom notwendigen Scheitern des Fortschritts und als Vorgriff auf das Jahrhundert der Diktaturen. Denn hier wird Zukunft um den Preis der Gewalt erkauft, Freiheit in Tyrannei umgemünzt. Faust als die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft? Man kann Goethes Drama auch anders lesen, als Tragödie im außermoralischen Sinne. Während Gott und Teufel um eine Menschenseele wetten, folgt dieser Mensch seinem Welteroberungsdrang. Er bedient sich des Paktes mit zwei vormodernen Gestalten, um die christliche Metaphysik ad absurdum zu führen. Am Ende steht der Geistesmensch entzaubert. Und die Engel singen ihm Erlösung. Doch ist einer, der nicht recht an den Teufel glaubt, noch zu retten? Weil Goethe solche Fragen aufwarf, ohne sie zu beantworten, bleibt sein Text literarisch brisant und ideologisch missbrauchbar.

»Wir Deutschen feiern in Goethe eigentlich unsere Verklärung und Glorifikation.«
(Friedrich Wilhelm Riemer Tagebuch , 1833)

Die Denkmalwerdung Goethes beginnt noch zu Lebzeiten, seine Glorifikation zum deutschen Überdichter und dichtenden Überdeutschen ereignet sich ein Jahr nach dem pompösen Begräbnis in der Weimarer Fürstengruft. Auferstehung nach Plan: Anfang April 1833 erscheint der Faust II als Entree der penibel vorbereiteten Ausgabe letzter Hand. Herausgegeben von den Nachlassverwaltern Johann Peter Eckermann und Friedrich Wilhelm Riemer, war das Werk ein Nekrolog in eigener Sache, postume Selbstinszenierung, die nahtlos in den germanistischen Erinnerungskult überging. Als Hohepriester fungierte zunächst Riemer, bald aber stürzten sich sämtliche Philologen auf Goethe. Dutzende Ausgaben der Gesammelten Werke überschwemmten in den folgenden vierzig Jahren den Buchmarkt. Zwar dämpfte zunächst noch deutschnationale Kritik an des Autors weltbürgerlicher Haltung den Goethe-Kult. Das Kaiserreich brachte jedoch die endgültige Kanonisierung; Faust wurde nun politisch gesehen als Inkarnation des »Geistes von Weimar« und Pionier der Industriellen Revolution.

»Mephistophela gibt dem Faust jetzt Tanzunterricht.«
(Heinrich Heine Der Doktor Faust. Ein Tanzpoem , 1851)

Zur Ehrenrettung deutscher Faustianer darf gesagt werden, dass auch Parodisten unter ihnen waren. Heinrich Heine wollte den glimpflich davongekommenen Teufelsbündner der gerechten Höllenstrafe überantworten. Zu diesem Zweck erfand er ein Ballettszenario mit weiblichem Teufel. Mephistophela erscheint als Primaballerina, die den Doktor kokett umtänzelt, auch zärtlich unterrichtet, sich aber am Ende in eine Schlange verwandelt, die ihn erwürgt. Der gedrechselte satirische Stil des Poems unterscheidet es gründlich von einer Brachialparodie wie Friedrich Theodor Vischers Faust. Der Tragödie 3. Teil , worin teuflische Schulkinder den Magister mit Knallerbsen bewerfen. Heine gehörte zur frühen, jungdeutschen Goethe-Opposition des 19. Jahrhunderts, übte anders als Ludwig Börne oder Heinrich Laube aber nur moderate Klassikerkritik. Er spottete, dass die Goethe-Werke »unser teures Vaterland wie schöne Statuen einen Garten zieren«, und belächelte zugleich die radikalvaterländischen Goethe-Lektüre-Verbieter.

»Wenn Faust dafür, dass er Gretchen verführte und verließ, den Himmel verdient, so verdient jedes Schwein, das sich in einem Blumenbeet wälzt, Gärtner zu sein.«
(Wolfgang Menzel Literaturblatt , 1858)

Zu Anfang seiner Karriere als Literaturkritiker tat Wolfgang Menzel sich bloß mit bissigen Faust- Verrissen hervor. Doch dann drifteten seine Solidaritätsbekundungen für das verlassene Gretchen und seine Hassausbrüche gegen den heiratsunwilligen Faust ins Protoromantische ab. Goethe sei der Deutschen böser Genius, der seine Leser über den Verlust der Religion, des Vaterlandes und der Ehre täusche. Menzel bekehrte sich im Lauf seiner Faust-Lektüre vom Liberalismus zum Nationalismus. Zeitig bewies er, dass man nicht nur als Goethe-Apologet, sondern erst recht als Goethe-Gegner ein dunkeldeutscher Patriot sein kann.

»Man muss den Deutschen ihren Mephistopheles ausreden: und ihren Faust dazu. Es sind zwei moralische Vorurteile gegen den Wert der Erkenntnis.«
(Friedrich Nietzsche Die fröhliche Wissenschaft , 1882)

Merkwürdigste Erscheinung des Goethetums im 19. Jahrhundert war wohl die Hassliebe Nietzsches, dessen Widerwille gegen den Faust sich nicht minder heftig äußerte als seine Bewunderung für den Autor. »Der letzte Deutsche, vor dem ich Achtung habe«, nannte ihn der Philosoph, und man vergisst heute, dass er sein Verdikt, Goethe wäre »ein Zwischenfall ohne Folgen«, mit Bedauern aussprach. Dennoch entwarf Nietzsche seinen Übermenschen im Kontrast zu Goethes ängstlich schwankendem Gottesebenbild, dem Gespensterseher Faust, den der Erdgeist verspottet: »Welch erbärmlich Grauen / Fasst Übermenschen dich!« Wahrhaftes Übermenschentum sollte sich in der tapferen Selbstherrlichkeit erweisen, mit der einer sein Leben als Mittel der Erkenntnis nutzt. Fremd waren dem Nietzsche der Fröhlichen Wissenschaft – der von »Leidenschaft der Erkenntnis« schwärmte, »Schicksalsliebe« predigte, den »Tod Gottes« verkündete – deshalb nicht nur Fausts Gewissensqualen angesichts des eingekerkerten Gretchens. Fremd waren ihm vor allem Fausts Erkenntniskrise und Ich-Skepsis als Symptome der Moderne.

»Faust: Liebe, gütige Kinder. Ich danke Euch für die Idee, mir ein Denkmal zu setzen. Auch ich habe Euch ein Geschenk zu bringen – einen eisernen Menschen für die Arbeit.«
(Anatolij Lunatscharskij Faust und die Stadt , 1916)

Die sozialistische Faust -Interpretation wurde bereits im Vormärz erfunden, nämlich von dem Linkshegelianer Karl Grün, der wiederum Friedrich Engels zur Beschäftigung mit Faust und zur Kritik einer allzu hegelianisch-phänomenologischen Lesart inspirierte. Doch erst der sowjetische »Volkskommissar für das Bildungswesen« Anatolij Lunatscharskij lieferte eine umfassende Rezeptionstheorie, die in der DDR zum Dogma wurde. Während seiner Amtszeit 1917 bis 1929 bekämpfte er den Proletkult und reklamierte die Klassik als Vorbild einer sozialistischen Literatur. Der Kulturkonservative begründete jene »Erbeaneignung«, die Georg Lukács und Johannes R. Becher später vertraten. Wie man richtig erbt, hatte er selbst in seinem utopischen Drama Faust und die Stadt vorgemacht: Faust baut seinen Untertanen eine prächtige Stadt. Als sie trotzdem revoltieren, tritt er freiwillig zurück, schenkt den Revolutionären eine selbst erfundene Dampfmaschine und huldigt ihnen als den wahren Göttern. Diese Fortschreibung der Faustschen Vision vom »freien Volk auf freiem Grund« sollte lange nachwirken.

»Ich liebe Goethe überhaupt nicht, aber ich bin geneigt, ihm viel zu verzeihen für das einzige Wort: ›Am Anfang war die Tat‹.«
(Adolf Hitler, 1933)

Der Tatmensch Faust, der hart Zupackende, zupackend schuldig Werdende und dennoch Erlösung Findende war wohl die politisch nützlichste Fehlinterpretation in den letzten zweihundert Jahren. Sie entsprach der faschistischen Ideologie vom Dienst an der Volksgemeinschaft. Dienend Schuld auf sich zu nehmen machte den heroischen Charakter des Herrenmenschen aus. – Keine ganz neue Idee: Der Titanismus Fausts war schon um 1871 gefeiert und das »faustische Weltgefühl der Tat« 1918 von Oswald Spengler beschworen worden. Neu war unter Hitler jedoch die Rede vom »faustischen Führer«. Man musste Goethe so brutal vereinnahmen, weil man so viele verschiedene Gründe hatte, ihn zu hassen: »Humanitätsschwärmerei«, »volksfremder Spinozismus«, »ungeistiger Technizismus« … Deshalb stritten die NS-Germanisten endlos über Goethe und liebten den anderen Klassiker, Friedrich Schiller.

»Höchste Beglückung findet der deutsche Faust im Ringen um neuen Heimatboden.«
(Kurt Engelbrecht Faust im Braunhemd , 1933)

Wer ein Volk davon überzeugen will, es sei ein »Volk ohne Raum«, braucht Eroberungsfantasien. Die zu beflügeln, musste vor allem der Schlussmonolog des Faust II herhalten: »Eröffn’ ich Räume vielen Millionen, / Nicht sicher zwar, doch tätig frei zu wohnen.« Naive Interpreten wie Engelbrecht fanden hier ihren Expansionismus bestätigt, gegen den der Kolonialismus gründerzeitlicher Goethe-Apologeten harmlos wirkte. Denn jetzt ersehnte man ein pangermanisches Reich jenseits von Gut und Böse. Man nahm Fausts Formel von der täglichen Eroberung des Lebens wörtlich und folgte Mephistos machiavellistischer Maxime von der Gewalt, die dem Gewalthaber recht gibt.

»Deutschland, die Wangen hektisch gerötet, taumelte dazumal auf der Höhe wüster Triumphe, im Begriffe, die Welt zu gewinnen kraft eines Vertrages, den zu halten es gesonnen war, und den es mit seinem Blute gezeichnet hatte.«
(Thomas Mann Doktor Faustus , 1947)

Auf dem Höhepunkt des Geniekults hatte Goethe das Genialische in der Gestalt Fausts problematisiert: sein Leiden am unschöpferischen Dasein, seine todesverfallene Selbstüberhebung, seinen Unmittelbarkeitswahn, Irrationalismus und schließlich Immoralismus. Thomas Mann ist der erste Faust -Adept, der daran wirklich anknüpft, insofern darf er als der legitime Goethe-Nachfolger gelten, der er immer sein wollte. Im Doktor Faustus demontiert er den Typus des tiefdeutschen, romantisch-diabolischen, enthemmten Originalgenies. Die Hauptfigur Adrian Leverkühn verschreibt sich um der Kunst willen dem Teufel, sucht im Rausch die Wahrheit, steigert durch Gift seine Kreativität. Mann selbst wollte dies als »faschistische Intoxikation« verstanden wissen. Leverkühns Wunsch jedenfalls, auf ästhetischem Wege zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält, erfüllt sich nur um den Preis der Barbarisierung. Im Roman findet Thomas Manns 1932 erhobene und im Goethe-Jahr 1949 erneuerte Klage über die »Vermischung von Hitlerismus und Goethe«, den »verstockten Gemütskult« und die »hasserfüllte Totschlagsentimentalität« der Nazis einen eigenständigen literarischen Ausdruck.

»Wenn ihr wissen wollt, wie der Weg vorwärts geht, lest Goethes ›Faust‹ und Marx’ ›Kommunistisches Manifest‹!«
(Walter Ulbricht, 1964)

Man muss das Tragische der Faustgestalt nicht bejahen, man kann es auch leugnen. Nirgends geschah das so konsequent wie in der Kulturpolitik der frühen DDR. Für die Antitragiker vom Schlage Walter Ulbrichts führte der Osterspaziergang aus dem Mittelalter geradewegs in die Offene Gegend der kapitalistischen Landnahme und von dort in den Sozialismus. Nicht nur der Staatsratsvorsitzende übersah die Ironie, dass Faust seine Zukunftsvision hat, während die Lemuren ihm das Grab schaufeln. Auch einige Germanisten überhörten, dass der Weisheit letzter Schluss von einem Blinden verkündet wird. Denn Faust war ihnen der fortschrittliche Bürger auf der Schwelle zur Diktatur des Proletariats. »Das freie Volk auf freiem Grund ist die Forderung unserer Epoche geworden, aus der Forderung der Epoche Goethes hervorgehend«, hatte der spätere Kulturminister Johannes R. Becher 1949 in seiner Goethe-Geburtstagsrede mit dem Titel Der Befreier gesagt. Den DDR-Oberen ging es nicht nur darum, sich als legitime Nachkommen Fausts zu gerieren, sondern das nationale Kulturerbe gegen den Nationalsozialismus zu verteidigen, das »Reich, das Goethe heißt« gegen die Wirklichkeit des »Dritten Reichs«.

»Goethe hat mit dem Faustischen unmittelbar nichts zu tun.«
(Hans Schwerte Faust und das Faustische. Ein Kapitel deutscher Idelogie , 1962)

Ehrenretter Goethes gab es nach 1945 auch im anderen Deutschland. Hans Schwerte plädierte für eine Abkehr von Interpretationen, die sich »im Gerichtsgang der Geschichte« als falsch erwiesen hätten, das heißt für die strikte Trennung zwischen der literarischen Gestalt Faust und dem Faustischen – als hätte der Text keinerlei Anlässe für seinen Missbrauch geliefert und könnte nicht neue liefern. »Aber aus dem tödlichen Niedergang des Faustischen erhebt sich die Dichtung Faust zu neuem poetischen Leben.« Solche goethetreue Auferstehungsgermanistik tröstete die kulturstolzen Weltkriegsverlierer hüben wie drüben. Im Rückblick ist klar, warum Schwertes Buch zum Standardwerk wurde. Weil es die Naziphilologen entlastete durch die These, die völkische Faustik sei bereits mit Spengler vollendet gewesen. Dass das Kapitel deutscher Ideologie vor 1933 abbricht, wurde nicht moniert – erst nach Enttarnung Schwertes Mitte der neunziger Jahre, nämlich als ehemaliger SS-Hauptsturmführer Schneider, tätig im Amt für »Ahnenerbe« und zuständig für »wissenschaftliche Aufgaben« wie etwa Menschenversuche im KZ Dachau.

»Ingenieur Heinrich Schlaghand, welcher baun musste, was er nicht wollte, weil er wollte, was nirgends geht, kam zu uns…«
(Rainer Kirsch Heinrich Schlaghands Höllenfahrt , 1973)

Der klassische Dichter entzieht sich seiner Indienstnahme durch tausend Widersprüche, und seine Nachdichter weichen gern von der Parteilinie ab. Echte Ideologiekritik hat in der DDR die Literatur geleistet, namentlich Volker Braun mit seinem Produktionsstück Hans Faust von 1968, das sich in einen parabelhaften Hinze-Kunze-Roman über das unentrinnbare Herr-Knecht-Spiel verwandelte, außerdem Rainer Kirsch mit seiner Travestie Heinrich Schlaghand von 1973, die ihm den Rauswurf aus dem Schriftstellerverband eintrug. Bauleiter Heinrich heiratet hier auf Wunsch der Partei, langweilt sich im langweiligsten Land der Erde beinahe zu Tode, wünscht sich zur Hölle, fährt ein und bewährt sich, um als Neuer Mensch zurückzukehren. Diese Höllenfahrt war ein komischer Affront gegen die Goethe-Verehrung nach Vorschrift, gegen gouvernantenhafte Goethe-Pächter und die Parole von »unserem Goethe«. Kirschs Kritik an der instrumentellen Unvernunft parteilicher Faustik fand ihren Widerhall auch in der Germanistik der siebziger und achtziger Jahre: In der DDR nahm sie endlich die Impulse der verfemten Hanns-Eisler-Oper Johann Faustus von 1952 auf, die den Helden als Distanzierungsfigur verstand. In Westdeutschland, unterm Eindruck des bis 1981 währenden Verbotes von Klaus Manns Mephisto , eines zur Zeit des Faschismus spielenden Schlüsselromans über den Mitläufer Gustaf Gründgens, kam eine neomarxistische Lesart auf. Sie sah Goethe als Teil der Dialektik der Aufklärung und fand in der Kritik des Mythos den Mythos konserviert. Sie fürchtete, was auch heute viele fürchten: die Ökonomisierung der Gesellschaft, die Macht des Kapitals und die Wiederkehr des gewissenlosen Tatmenschen als universales Ideal.

»Gretchen, wie sie genannt wird, sitzt im kleinen Garten ihrer Mutter mit Blick über Monte Carlo.«
(Karl Lagerfeld Faust. Ein Fotoroman , 1995)

Wer wirklich berühmt ist, über den kann man auch Bücher machen, in denen er gar nicht vorkommt. Karl Lagerfelds Fotoroman spielt auf das Nationalheiligtum, Volkseigentum, Label Faust nur noch an. Hauptsächlich sehen wir Claudia Schiffer als blondschönes Gretchen durch Monte Carlo spazieren und mit dem mephistophelisch lächelnden David Copperfield flirten. Die Szenerie erinnert an Murnaus Gruselfilme. Die Nebenfigur Faust wird von einem namenlosen Model gespielt. Und alle fühlen sich wohl in der Obhut des Geistes, der stets verneint. – Auch eine Art, sich Goethe zu nähern, ohne auf Knien zu rutschen.