»Man muss den Deutschen ihren Mephistopheles ausreden: und ihren Faust dazu. Es sind zwei moralische Vorurteile gegen den Wert der Erkenntnis.«
(Friedrich Nietzsche Die fröhliche Wissenschaft , 1882)

Merkwürdigste Erscheinung des Goethetums im 19. Jahrhundert war wohl die Hassliebe Nietzsches, dessen Widerwille gegen den Faust sich nicht minder heftig äußerte als seine Bewunderung für den Autor. »Der letzte Deutsche, vor dem ich Achtung habe«, nannte ihn der Philosoph, und man vergisst heute, dass er sein Verdikt, Goethe wäre »ein Zwischenfall ohne Folgen«, mit Bedauern aussprach. Dennoch entwarf Nietzsche seinen Übermenschen im Kontrast zu Goethes ängstlich schwankendem Gottesebenbild, dem Gespensterseher Faust, den der Erdgeist verspottet: »Welch erbärmlich Grauen / Fasst Übermenschen dich!« Wahrhaftes Übermenschentum sollte sich in der tapferen Selbstherrlichkeit erweisen, mit der einer sein Leben als Mittel der Erkenntnis nutzt. Fremd waren dem Nietzsche der Fröhlichen Wissenschaft – der von »Leidenschaft der Erkenntnis« schwärmte, »Schicksalsliebe« predigte, den »Tod Gottes« verkündete – deshalb nicht nur Fausts Gewissensqualen angesichts des eingekerkerten Gretchens. Fremd waren ihm vor allem Fausts Erkenntniskrise und Ich-Skepsis als Symptome der Moderne.

»Faust: Liebe, gütige Kinder. Ich danke Euch für die Idee, mir ein Denkmal zu setzen. Auch ich habe Euch ein Geschenk zu bringen – einen eisernen Menschen für die Arbeit.«
(Anatolij Lunatscharskij Faust und die Stadt , 1916)

Die sozialistische Faust -Interpretation wurde bereits im Vormärz erfunden, nämlich von dem Linkshegelianer Karl Grün, der wiederum Friedrich Engels zur Beschäftigung mit Faust und zur Kritik einer allzu hegelianisch-phänomenologischen Lesart inspirierte. Doch erst der sowjetische »Volkskommissar für das Bildungswesen« Anatolij Lunatscharskij lieferte eine umfassende Rezeptionstheorie, die in der DDR zum Dogma wurde. Während seiner Amtszeit 1917 bis 1929 bekämpfte er den Proletkult und reklamierte die Klassik als Vorbild einer sozialistischen Literatur. Der Kulturkonservative begründete jene »Erbeaneignung«, die Georg Lukács und Johannes R. Becher später vertraten. Wie man richtig erbt, hatte er selbst in seinem utopischen Drama Faust und die Stadt vorgemacht: Faust baut seinen Untertanen eine prächtige Stadt. Als sie trotzdem revoltieren, tritt er freiwillig zurück, schenkt den Revolutionären eine selbst erfundene Dampfmaschine und huldigt ihnen als den wahren Göttern. Diese Fortschreibung der Faustschen Vision vom »freien Volk auf freiem Grund« sollte lange nachwirken.

»Ich liebe Goethe überhaupt nicht, aber ich bin geneigt, ihm viel zu verzeihen für das einzige Wort: ›Am Anfang war die Tat‹.«
(Adolf Hitler, 1933)

Der Tatmensch Faust, der hart Zupackende, zupackend schuldig Werdende und dennoch Erlösung Findende war wohl die politisch nützlichste Fehlinterpretation in den letzten zweihundert Jahren. Sie entsprach der faschistischen Ideologie vom Dienst an der Volksgemeinschaft. Dienend Schuld auf sich zu nehmen machte den heroischen Charakter des Herrenmenschen aus. – Keine ganz neue Idee: Der Titanismus Fausts war schon um 1871 gefeiert und das »faustische Weltgefühl der Tat« 1918 von Oswald Spengler beschworen worden. Neu war unter Hitler jedoch die Rede vom »faustischen Führer«. Man musste Goethe so brutal vereinnahmen, weil man so viele verschiedene Gründe hatte, ihn zu hassen: »Humanitätsschwärmerei«, »volksfremder Spinozismus«, »ungeistiger Technizismus« … Deshalb stritten die NS-Germanisten endlos über Goethe und liebten den anderen Klassiker, Friedrich Schiller.