Auf dem Weg nach Berlin zum Chemieprofessor Klaus Roth kriechen Erinnerungen an eigene Lehrer und an Harry Potter hoch. Snape, des Magierlehrlings misanthropischer Chemielehrer für Zaubertränke, ist von schludrigem Äußeren und Schülern zugetan, die sonst keiner mag. Er verspottet alle, die vergessen haben, dass dem Mondsteinpulver nach siebenmal Umrühren zwei Tropfen Nieswurzsirup beizugeben sind.

Klaus Roth ist schon eher der Chemielehrer, den man sich wünschen würde. Und er bringt sein Fach gern unter die Leute, schreibt Artikel über das, was Stinktiere stinken und Lakritz lecker schmecken lässt. Schreckt auch nicht vor Überlegungen zurück, welch originelle Gifte er Krimiautoren empfehlen würde. Seine Rubrik Kurios, spannend, alltäglich in der Zeitschrift Chemie in unserer Zeit hat viele Fans. Ein "Best of" erschien im vergangenen Jahr als Buch und bringt ihm jetzt den "Preis für Schriftsteller" der Gesellschaft Deutscher Chemiker ein. Früher hat Klaus Roth auch für die ZEIT geschrieben. Sein Kürzel: Klaro.

In seinem Büro an der FU trifft man auf einen freundlichen, gut angezogenen Herrn, der gerade ein Glas Mayonnaise wegstellt. Ja, das Problem mit Chemielehrern kennt er. "Ich halte Vorlesungen für angehende Biologen und Veterinärmediziner", erzählt der 62-Jährige. "Es ist harte Arbeit, sie auf Abiturniveau zu bringen." Er rede dann mit Händen und Füßen. "Der Erfolg ist leider begrenzt." Immerhin sagen schließlich einige: Wir hatten einen tollen Pauker.

Angeboren ist die Aversion gegen Zitronensäurezyklus und Redoxreaktionen nicht. "Wir geben hier Kurse für Vorschul- und Schulkinder. Die sind begeistert bei der Sache." In der Schule scheine dann oft etwas falsch zu laufen. Er sehe das bei seinen vier Söhnen: "Die haben Chemie in der Schule abgewählt." Vieles im Unterricht habe nichts mit der Erfahrungswelt zu tun. Aber auf die Schule zu schimpfen sei leicht, er engagiere sich daher in der Lehrerausbildung.

Mehr zu schaffen macht ihm ein tiefer liegendes Problem: "Viele Menschen haben diffuse Ängste vor der Chemie." Sie setzen die Wissenschaft mit der Industrie gleich. Katastrophen wie Contergan oder Seveso schlagen voll aufs Fach zurück. Er will solche Skandale nicht unter den Tisch kehren und fordert, ehrlich und offen darüber zu sprechen. Doch für solche Unglücke, von einzelnen Firmen und Menschen verursacht, könne man nicht das gesamte Fach verdammen.

Kurios findet es Roth, "dass die Menschen Tag für Tag von den Vorteilen der Chemie profitieren, ohne das zu registrieren". Von der Tasse Kaffee am Morgen bis zum Glas Wein am Abend – ohne Chemie wäre unser Alltag undenkbar. "Wenn Sie in der Küche ein Steak brutzeln, betreiben Sie reinste Chemie", betont er. "Wenn es braun wird und toll riecht, reagieren da Tausende Verbindungen miteinander zu Zigtausend neuen." So ein Steak sei doch ein guter Grund, das Fach mehr zu schätzen.

Das sieht aber kaum jemand so. "Es gibt nichts Schlimmeres als die Vorstellung, im Essen stecke Chemie", sagt er und schüttelt den Kopf. "Nehmen Sie das Bier." Nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut, gilt es als Inbegriff des naturbelassenen Lebensmittels, bei dessen Herstellung "die Chemie" auf keinen Fall beteiligt war. "Welch ein Irrtum!", poltert er. "Schon mit dem Befeuchten des Gerstenkorns geht’s los." Große Mengen an Enzymen spalten da Zellwandmaterial, Proteine und Stärke. Und beim Rösten des gekeimten Korns bilden sich in komplexen Reaktionskaskaden Aroma- und Farbstoffe. "Der chemische Höhepunkt dürfte die Umwandlung einiger Hopfenbestandteile in Bitterstoffe sein." Auf die nähere Beschreibung dieser "atemberaubenden α-Ketol-Umlagerung" verzichte er jetzt mal.