Den Persönlichkeitstest gibt es auch zum Mitnehmen. Jeder kann ihn bequem bei sich daheim ausfüllen. 200 Fragen stehen da auf einigen pinkfarbenen Blättern. Keine Spur von der pompösen Hochglanzästhetik, die Scientology sonst bevorzugt. Dafür ist der Test gratis und das Ergebnis vorherbestimmt: »Sie haben ein Problem.« Mindestens. Aber keine Sorge, Scientology hat die Lösung. Gegen entsprechende Spenden, versteht sich.

Angelika Thonauer protestiert. »Bei mir wurden damals gar keine Probleme festgestellt«, berichtet sie von ihrem ersten Kontakt mit der Sekte. Die fotoscheue Werbekauffrau mit den langen dunklen Haaren ist seit 15 Jahren Scientologin und eine von zwei Pressesprecherinnen der Organisation in Österreich. Sie hat auf jeden Vorwurf die passende Antwort, meist behauptet sie schlicht das Gegenteil.

Scientologen bevorzugen ein simples Freund-Feind-Schema. »Entweder bist du für uns oder gegen uns«, so lässt sich die jüngst veröffentlichte Internetpredigt von Tom Cruise zusammenfassen, dem weltweiten Aushängeschild der Sekte. In Deutschland, wo der Filmstar zuletzt seine Missionstätigkeit konzentrierte, nähren solche Aussprüche alte Sorgen. Seit zehn Jahren beobachtet der Verfassungsschutz der Bundesrepublik die Organisation, weil er sie für »demokratie- und verfassungsfeindlich« hält. Regelmäßig warnen deutsche Politiker und Experten vor den Verführern. In Österreich hingegen besticht die Sekte mehr durch ihren klingenden Namen denn durch Präsenz. An einem weltweiten Protesttag gegen Scientology, dem 10. Februar, tauchten auch vor der Wiener Zentrale Demonstranten auf: Gezählte zwölf Sektengegner waren gekommen. Diese Zahl entspricht der Bedeutung von Scientology in Österreich. Pressesprecherin Thonauer spricht zwar von »5.000 bis 7.000 Mitgliedern«. Sektenexperten und Behörden gehen aber von höchstens 500 aktiven Scientologen in Österreich aus. »In absoluten Zahlen klingt das wenig, aber im Vergleich zu anderen Sekten ist Scientology immer noch im Spitzenbereich«, behauptet Martin Felinger von der Gesellschaft gegen Sekten- und Kultgefahren in Wien.

Die Scientologen gelten als Meister der Reklame. Dafür zuständig: das Office of Special Affairs (OSA), Propagandaministerium im Staate Scientology, das kiloweise Hochglanz-Werbematerial produziert. Angelika Thonauer ist die OSA-Residentin in Österreich. Als Kämpfer gegen Drogen, gegen Leid und für den Weltfrieden – so will sich Scientology der Öffentlichkeit verkaufen.

»Weltfrieden? Wohl eher Weltherrschaft«, sagt Wilfried Handl und lacht. Der 53-jährige Wiener war 28 Jahre lang in der Sekte. Dann wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Die Nähe zum Tod ließ ihn das System erstmals hinterfragen. Er stieg aus, schrieb ein Buch und ist heute der Kronzeuge gegen Scientology im deutschsprachigen Raum. Immerhin war er einmal Chef der Organisation in Wien. Handl sagt heute, dass er ein »Parteisoldat in einem faschistischen System« war. »Ich habe Menschen von Scientology abhängig gemacht, habe sie genötigt, Kurse zu besuchen und viel Geld dafür zu bezahlen«, gesteht er.

In Österreich ist die Organisation weder eine anerkannte Religions- noch eine Bekenntnisgemeinschaft, sondern lediglich der eingetragene Verein Scientology Kirche Österreich, Capistrangasse 4 in Wien-Mariahilf, gegründet am 31. März 1971, Vereinsregister-Zahl 028678946. Der Empfangsraum der »Kirche« sieht aus wie eine schlecht sortierte Buchhandlung. So als habe nur ein Mensch jemals Bücher geschrieben: Lafayette Ron Hubbard, Erfinder von Scientology, gestorben 1986. »Was Sie hier sehen, sind Neuübersetzungen, gerade erst erschienen«, sagt Thonauer. Bunt, protzig und sehr amerikanisch kommen die Titel daher.

Für Scientologen ist der Vielschreiber »L. Ron« die zentrale Bezugsperson. Schon in seinem ersten Buch, Dianetik, behauptete er, alle Antworten auf alle Probleme der Menschheit zu besitzen. In weiteren 200 Schmökern gab er sie dann auch. Dass er dabei jedes Übel der Welt auf außerirdische Eingriffe zurückführt, darf nicht überraschen: Hubbard war ursprünglich Science-Fiction-Autor.