Es kann einem leidtun: das kleine Wörtchen "wirklich" in den Schlagzeilen von Zeitungen und Zeitschriften. Wenn zu lesen ist, "wie es wirklich war", was jemand "wirklich will", "was wirklich hilft" – wer will es dann wirklich noch wissen? Verrät sich der Schreiber doch selbst: Wirklichkeit braucht keine Emphase dieser Art. Man möge erzählen, wie es war, was jemand will und was hilft. Nicht mehr und nicht weniger. "Wirklich" heißt, dass etwas nicht halluziniert, nicht gelogen und nicht erfunden ist. "Wie es wirklich war" enthält eine verdächtige Dopplung. Hier dient das Wort nicht einfach der Verstärkung, wie wenn jemand sagt: "Ich habe es wirklich genossen." Es soll vielmehr für den Anschein von finaler Aufklärung sorgen. Doch diese Betonung entlarvt zugleich: verspricht Enthüllung, wo es gar nichts zu entdecken gibt, gaukelt tiefere Ebenen vor und will als letzte Weisheit verkaufen, was nur eine Wahrheit unter vielen ist. Übertreibungen, wenn nicht sogar Lügen, mit dem Ehrenwort der Wirklichkeit. Deshalb ein Beileid: armes Ding.

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