Das letzte Mal vor Neid geplatzt bin ich bei der Lektüre eines Aufsatzes von Wolfgang Ullrich. Ich habe ja immer das Gefühl, dass sich hinter meinem Rücken etwas abspielt und ich habe keine Ahnung, was denn Immer warte ich darauf, dass ich erfahre, was los ist, und manchmal, ganz überraschend, kommt einer und sagt es mir zum Beispiel Wolfgang Ullrich mit seinem Aufsatz Der Geist als Freelancer.

Dieser Aufsatz ist 2006 im Heft 2 der Neuen Rundschau erschienen, und zwar mit dem Untertitel Vom Geschmack des zahlenden Publikums an Geisteswissenschaftlern.

Habe ich nun diese Einleitung, meinen Neid und meine Ahnungslosigkeit, ironisch oder ernst gemeint? Nö, sage ich, ich habs so angelegt, dass man nicht unterscheiden kann, ob ich in meinen Bart lächle oder mich tatsächlich vor Demaskierung fürchte. Und genau diese Strategie hat Ullrich als eines der Kennzeichen des geistigen Freelancers enthüllt: Solche Leute versuchen die Unterscheidung von Ironie und Ernst unkenntlich zu machen. Überhaupt neigen sie zu »entschiedener Unentschiedenheit« ein Lehnwort aus Sloterdijks Werkstatt, das Ullrich gegen diesen Autor verwendet, der ja nur der »Komplexität« entsprechen will. Aber scheut man mit entschiedener Unentschiedenheit nicht bloß klare Linien und eindeutige Perspektiven?

An dieser Stelle muss man als Freelancer natürlich, das heißt: reflexartig, darauf hinweisen, dass Ullrich Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ist. Er kann sich also zurücklehnen und zuschauen, wie sich die Freelancer (darunter auch einige vom Publikumsgeschmack abhängige Professoren) abstrampeln. In seinem Freelancer-Aufsatz hat er eine der Folgen der »Postironie«, also jener Strategie, mit der man Ironie und Ernst ununterscheidbar macht, dingfest gemacht, nämlich »den Ironieverdacht als Ausdruck pauschalen Wohlwollens«. Daran erfreut sich vor allem die Kunst, »wird doch jedem Künstler, dessen Werk provoziert oder verstört, eine ironische Absicht unterstellt«. So gerieten freischaffende Geisteswissenschaftler, die ebenfalls von dieser wohlwollenden Unterstellung lebten, einmal mehr in eine Nähe zur Kunst.

Was Wolfgang Ullrich unter »Kunst« diskutiert, kann man in einem wunderbaren Sammelband seiner Essays nachlesen: Gesucht: Kunst!

(Phantombild eines Jokers - Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007 - 299 S., 14,90 Euro). Die Essays haben nach meiner Lesart eine Tendenz: Sie prüfen skeptisch Ansprüche im Kunstbetrieb, durch die Künstler und Exegeten »die Kunst« aus jeder Diskussion herausnehmen wollen, um sie zum Beispiel als eine verehrungswürdige, quasireligiöse Angelegenheit durchzusetzen. Meine letzte Taschenbuchrezension galt Odo Marquard, der wie Ullrich ebenfalls den Gesamtkünstler Beuys wegen seines die Grenzen auflösenden Kunstbegriffes verspottete. Bei Ullrich finde ich eine Reminiszenz an die documenta 7, bei der Beuys mit dem Song Sonne statt Reagan eine Gesangskarriere einleitete. Künstler treten als Alleskönner auf: »Wer heute als Künstler kocht oder textet, weiß oft nicht einmal, wie viel Spezialwissen zu den Tätigkeiten gehört, ja kennt die Standards nicht, die im jeweiligen Metier herrschen.« Man meint, die Kunst zu bereichern, indem man sie entgrenzt - in Wirklichkeit protegiert die Grenzüberschreitung einen Dilettantismus, der hinter das Niveau der usurpierten Disziplinen zurückfällt und deshalb höchstens als »Kunst« durchkommt. In Analogie dazu kommen auch die Freelancer des Geistes am besten als Künstler durch.