Deutsche Unternehmen zerfallen. Der Mischkonzern TUI will sich von seiner Schifffahrtstochter Hapag-Lloyd trennen, das Handelsunternehmen Metro stellt Kaufhof ins Schaufenster, und beim Medienriesen Bertelsmann denkt man daran, den traditionsreichen Buchclub zu verkaufen. Was wie eine zufällige Häufung erscheint, ist bei näherem Hinschauen Teil einer ganzen Kette von Zerschlagungen, Aufspaltungen und Abspaltungen: Bayer, Infineon, Linde, DaimlerChrysler, KarstadtQuelle (alias Arcandor), MAN – die Liste der deutschen Unternehmen, die in der jüngsten Vergangenheit signifikante Teile ihres Geschäfts ausgegliedert, verkauft oder an die Börse gebracht haben, ist lang. Und denkt man an die Pläne der Deutschen Post, die Postbank zu veräußern, so ist klar, dass die aktuellen Fälle nicht die letzten sein werden.

Gibt es dafür gute Gründe – oder folgen die Konzerne bloß dem Diktat der Börse? Droht kleineren Konzernen nicht der Sturz in die internationale Bedeutungslosigkeit, gar die Übernahme durch Konkurrenten? Birgt das Fokussieren auf weniger Branchen nicht die Gefahr, anfällig zu sein für die Schwankungen dieser Branchen?

Im Einzelfall ist all das möglich. Dennoch bleibt vielen Unternehmen keine andere Wahl. Dabei geht es weniger um die gern dogmatisch diskutierte Grundsatzfrage, ob sie sich auf sogenannte Kernkompetenzen konzentrieren sollten oder ob doch Konglomerate besser sind – mal so, mal so, kann man da nur sagen. Es geht vielmehr um die Frage, ob Unternehmen sich der Herausforderung stellen, die immer kürzere Produktzyklen oder auch die vielen neuen Wettbewerber aus Schwellenländern bedeuten. Stabile Märkte und Erträge, unverrückbare Firmenstrukturen, das war einmal. Konzerne müssen den Wandel heute mehr als früher als Dauerzustand begreifen und Sparten immer wieder auf Wachstum und Profitabilität hin überprüfen – gerade wenn sie langfristig überleben wollen.

Auf den ersten Blick folgen viele Abspaltungen und Zerschlagungen einer eigenen, angreifbaren Logik. So bewerten Börsianer die Wertpapiere von Gemischtwarenläden noch immer gern mit einem Abschlag. Kein Wunder, Analysten sind oft auf eine Branche spezialisiert; ein Urteil über ein Unternehmen, das im Tourismus wie auch in der Containerschifffahrt aktiv ist, fällt ihnen schwer. Die Anleger wiederum bevorzugen es, ihr Geld und damit ihr Risiko selbst über Aktien und Anlageklassen zu streuen, anstatt diese Entscheidung den Managern eines breit aufgestellten Konzerns zu überlassen. Dann sind da noch Großaktionäre, die Vorstände heute weit stärker unter Druck setzen als früher, verlustreiche Sparten abzustoßen oder Unternehmen aufzuspalten. Das Ganze ist weniger wert als die Summe der Einzelteile, lautet das Credo von Hedgefonds oder Einzelinvestoren wie dem Reeder John Fredriksen, der TUI zum Verkauf drängte. Wer als Vorstandschef um seinen Job bangt, zeigt sich da mitunter aufgeschlossen. Mal ganz abgesehen davon, dass viele Manager Tatkraft beweisen und der Börse immer neue "Geschichten" bieten wollen: Kaufen, verkaufen, heute zerlegen, was der Vorgänger einst zusammenfügte – was liegt näher?

Um das Wohl des Unternehmens und seiner Mitarbeiter geht es da tatsächlich oft nur am Rande. Und dennoch ist der Umbau vieler Konzerne nicht allein das Ergebnis kalter Börsenlogik. Siehe Bertelsmann, das der Bertelsmann Stiftung und der Familie Mohn gehört. Siehe auch Metro: Vorstandschef Eckhard Cordes stellt insgesamt drei von vier Sparten zur Disposition. Er tut dies nicht als Getriebener der Börsen, sondern als Mann, der auch das Familienunternehmen Haniel führt, das sein Engagement bei Metro erst im vergangenen Jahr auf mehr als ein Drittel ausgebaut hat. Rund 250 Jahre ist Haniel alt, und das nicht, weil es immer an Altem festgehalten hätte. Ganz im Gegenteil: Die Baustofftochter Xella soll verkauft werden, der Brandschadensanierer Belfor ist bereits weg, und von den Geschäften der Gründerzeit haben die Haniels sich schon lange verabschiedet.

Ähnlich agieren auch andere Industriellenfamilien wie die Quandts (BMW, Altana): Als Altana 2006 die Pharmasparte losschlug und sich auf Chemie konzentrierte, geschah dies mit Einwilligung der Großaktionärin Susanne Klatten, geborene Quandt – sie konnte sich über eine Milliardendividende freuen.