Noch der übelste Despot hat sein Gutes. Er hat Macht, er hat Geld, meist hat er auch den entschiedenen Willen, sich zu verewigen. Kurzum: Er ist der ideale Bauherr. Ohne ihn, überhaupt ohne die Tyrannen und Diktatoren, wäre das weltkulturelle Erbe sehr bescheiden: Es gäbe keine Pyramiden, kein Kolosseum, kein Versailles. Auch die vielen neuen kühnen Bauten in China gäbe es nicht.

So befreit, so schnell, so groß wie dort können die Architekten derzeit nirgendwo bauen. Und warum auch sollten sie dabei ein schlechtes Gewissen haben? China will sich verändern, will sich öffnen, und die Architektur wird den Wandel noch beschleunigen. Das glauben viele, oder besser: Sie glaubten es, bis in Tibet die Aufstände begannen.

Seither plädieren nicht wenige Architekten für einen Bauboykott. Selbst bekannte Büros wie die von Wolf Prix, Daniel Libeskind oder Christoph Ingenhoven lehnen jede Zusammenarbeit mit China ab. Sie wollen nicht für einen Staat arbeiten, der die Menschenrechte missachtet. Wer baut, so ihre Überzeugung, macht sich mitschuldig. Architektur und Moral lassen sich nicht trennen.

Doch gibt es auch andere Stimmen, die von Albert Speer zum Beispiel. Sein Vater war Hitlers oberster Baumeister, er selbst betreibt heute ein erfolgreiches Architektenbüro in Frankfurt und arbeitet auch für Nichtdemokratien. "Für unsere Aufgabe ist es egal, ob an der Spitze ein Diktator, ein Monarch oder eine demokratisch gewählte Regierung sitzt", sagt er. Er begreift den Architekten vor allem als "Dienstleister".

Und hat er nicht recht? Worauf gründen die moralischen Bedenken? Nüchtern betrachtet, sind Architekten nichts anderes als Geschäftsleute. Sie verkaufen keine Waffen und keine Betäubungsmittel, sie handeln mit Entwürfen, wie andere mit Autos oder Schmuck handeln. Und von diesen Auto- oder Schmuckhändlern wird schließlich nicht erwartet, dass sie ihre Geschäfte mit China oder anderen Autokratien kritisch reflektieren. Warum also sollte man es von Architekten erwarten?

Vermutlich deshalb, weil ein Gebäude doch etwas anderes ist als ein Auto oder ein teures Schmuckstück. Mit allen dreien kann sich ein Herrscher schmücken, alle taugen zum Symbol der Macht. Aber nur der Architektur traut man zu, eine überindividuelle Bedeutung zu entwickeln. Sie versorgt den Staat nicht nur mit den nötigen Räumlichkeiten, sondern auch mit Bildern und Metaphern. Sie wird zum Fundament, zur Stütze, zur Säule des Systems. Und schon deshalb muss ein Architekt stets die Systemfrage stellen – sagen die China-Boykotteure.

Allerdings fällt es auch ihnen nicht leicht, die Grenze klar zu ziehen: Wo beginnt das Unrecht? Wo genau wird der Architekt mitschuldig? Darf er im semidemokratischen Russland bauen? In den autokratischen Arabischen Emiraten? Und wie wäre es mit einem Staatsauftrag aus den USA, solange diese noch das Gefangenenlager in Guantánamo betreiben? Muss ein Architekt, polemisch gefragt, erst mit amnesty international telefonieren, bevor er sich an einem Wettbewerb im Ausland beteiligt? Es zeigt sich: Auch in der Architektur ist die Frage nach der Moral oft reichlich verzwickt.