Es gibt Mythen, die steigen manchmal aus ihren lichten Höhen in die Niederungen der Realität herab. Begegnet ihnen dann ein Normalsterblicher, so lässt ihn ein hehrer Schauer erbeben. Wer je dem Ungeheuer von Loch Ness leibhaftig gegenüberstand, weiß wovon hier die Rede ist. So geschah es, dass ich, als ich unlängst an der Parteizentrale der Grünen vorbeikam, verblüfft feststellte: An dieser Adresse residiert tatsächlich eine oppositionelle Gruppe. War ich doch bislang davon überzeugt gewesen, diese Partei existiere lediglich in Meinungsumfragen. Jetzt hat Eva Glawischnig, die Vizechefin des Geheimbunds, mit einer Brandrede alle verbliebenen Illusionen zertrümmert. Ich ahnte sofort, nun würde in der politischen Landschaft kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Einer Erinnye gleich, stellte diese moderne Tochter der Persephone der umnachteten Regierung ein Ultimatum, in dem sie alles, was gut und teuer ist, fordert. Wenn nicht – aber dann! Was? Also, ein ungeheures Donnerwetter werde dann im Parlament über das zerstrittene Regierungspersonal hereinbrechen. Selten hat eine Rachegöttin ein derart loderndes Flammenschwert geschwungen. Der geradezu vortestamentarische Furor verfehlte seine Wirkung nicht. Prompt entschloss sich die Koalition, allen Forderungen unverzüglich Rechnung zu tragen. So ist es der streitbaren Grünen zu verdanken, dass diese Regierung ab sofort zwar widerwillig, aber konstruktiv zusammenarbeitet. Frau Glawischnig könnte nämlich sonst ihre Drohung wahrmachen und zu einem letzten Mittel greifen: Sie tritt, wenn demnächst der Frühling lacht, im Hohen Haus wieder bauchfrei in Erscheinung. Alfred Dorfer

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben