Wem gehört die deutsche Sprache? Goethe oder Hitler? Die alte Germanistenfrage der Nachkriegszeit hat sich mit Angela Merkels Besuch in Israel neu gestellt, denn die Kanzlerin sprach nicht nur als erste deutsche Regierungschefin vor der Knesset, sondern hielt die Rede auch in ihrer Muttersprache. "Meine Großeltern sind auf Deutsch ermordet worden", protestierte der konservative Abgeordnete Arie Elad. "Nicht auf Deutsch, sondern von Deutschen", korrigierte der linke Soziologe Moshe Zuckermann . Schließlich sei die Sprache der Verursacher von Auschwitz auch die Sigmund Freuds, Einsteins, Theodor W. Adornos – also deutschsprachiger Geistesgrößen! Zu Recht polemisierte Zuckermann gegen jene Trennung von deutsch und jüdisch, die der völkische Antisemitismus vornahm. Nicht zu Unrecht kritisierte aber auch Elad den versöhnungspolitischen Gebrauch des Deutschen nach der propagandistischen Aneignung durch die Nazis. Als das Volk Goethes zum Volk Hitlers wurde, vertrieb es die deutschen Juden aus ihrer Sprache und ermordete sie "Deutschland den Deutschen!" brüllend. Man könnte durchaus sagen: "auf Deutsch".

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