Mitunter versagt das Recht vor dem Jammer der Wirklichkeit. Dann helfen keine Paragrafen, weil die Welt längst in Trümmern liegt. Wie in dem Fall, den das Bundesverfassungsgericht gerade zu entscheiden hatte. Es stritten: eine Mutter aus Brandenburg, die ihren neunjährigen Sohn ins Heim gegeben hat, weil sie allein ist, arbeitslos und arm. Ein Vater, der den Jungen nie gesehen hat, der zwar Unterhalt zahlt, sich aber bockig weigert, diesen Jungen auch nur gelegentlich zu treffen, um seine Ehe mit einer anderen Frau nicht zu gefährden. Diese Frau, die mit Scheidung droht, falls ihr Gatte dem unehelichen Kind aus einer lang zurückliegenden Affäre nur ein wenig Aufmerksamkeit schenkt. Und mittendrin der Junge, das buchstäblich ungewollte Kind: vier Menschen, eine Tragödie. Aber Alltag in Deutschland.

Zahllose Väter hierzulande lassen ihre Kinder im Stich, jeden Tag, ein Leben lang. Manche zahlen wenigstens Unterhalt, andere drücken sich selbst davor und zählen darauf, dass ihr asoziales Verhalten schon von den Sozialkassen aufgefangen werde.

Soll man sie zwingen, sich zu kümmern, auch über das Finanzielle hinaus? Konkret gefragt: Ginge es dem Jungen besser, wenn ihn sein leiblicher Vater, dieser ferne Fremde, ab und an besuchte, widerwillig, weil ihn Juristen dazu verdonnert haben? Wohl kaum, da hat das Bundesverfassungsgericht schon recht, das am Dienstag verkündet hat, die gesetzliche Pflicht zum Umgang mit dem eigenen Kind solle in der Regel nicht mit drakonischen Mitteln durchgesetzt werden – um das Kind zu schützen. Liebe lässt sich eben nicht zwingen, schon gar nicht per Geldstrafe oder Gerichtsvollzieher.

Und doch möchte man die vier Menschen in dem leider sehr realen Familientrauerspiel aus Brandenburg – und alle anderen, die sich ihre Leben derart vergiften und versauern –, man möchte sie packen und schütteln, um ihr Denken in Gang zu setzen: Was tut ihr? Was tut ihr euch an?

Neun Jahre alt ist der Junge schon, neun Jahre musste er ohne Vater auskommen und der Vater ohne ihn. Den ersten Schrei des Kleinen hat er verpasst und die ersten tapsigen Schritte. Er war nicht dabei, als der Junge Fahrrad fahren gelernt hat, hat nie mit ihm Fußball gespielt oder eine Portion Pommes verschlungen. Neun verlorene Jahre. Aber noch bleibt Zeit genug, sich kennenzulernen, mit aller Vorsicht. Und der gar nicht so unwahrscheinlichen Aussicht, sich vielleicht gar zu mögen.

Es gehört zu den großen Geheimnissen – und zum einzigartigen Glück – der Elternschaft, dass sie einen Aufbruch ins Unbekannte bedeutet. Wer keine Kinder hat, kann nicht wissen, was es heißt, welche zu haben. Niemand darf zu diesem Abenteuer gezwungen werden. Aber wer Vater geworden ist (oder Mutter, da gilt nichts anderes), muss sich um sein Kind kümmern. Das ist eine Pflicht. Vor allem aber ist es ein Privileg. Wer das nicht begreift, dem kann man von Rechts wegen keine Strafe aufbrummen. Aber man soll ihn wenigstens einen Rabenvater schimpfen.