Das erste Gefühl, als er die Tür zu seinem Atelier öffnete? Bedenken, sagt Matthias Weischer. "Bedenken, wie ich diesen riesigen Raum mit Leben füllen soll." Weischer bewegt sich noch etwas fremd in der neuen Umgebung. Anfang Januar ist er zurückgekommen aus Rom, wo er ein Jahr lang Stipendiat in der Villa Massimo war. In einem Industriegebäude in der Leipziger Spinnereistraße hat er dann eine Halle gemietet, zwanzig Meter lang, acht breit, mindestens fünf Meter hoch. Wenn hier ein Pinsel zu Boden fällt, hallt es durch den ganzen Raum. Ein paar Farbtuben liegen nebeneinander aufgereiht auf einem Holztisch. Die restlichen Utensilien sind noch in Umzugskartons verstaut. Erst zwei Tage zuvor hat Weischer sein Atelier bezogen. Zeit, den Raum mit persönlichen Dingen zu gestalten, hatte er kaum. An einer Wand hat er einen Rettungsring aufgehängt, "den habe ich aus Rom mitgebracht".

Wenn man Weischer fragt, ob er das vergangene Jahr als persönliche oder künstlerische Auszeit gebraucht habe, nickt er nachdenklich. Er ist gerade 35 geworden, eigentlich kein Alter, um über Neuanfänge zu philosophieren. Er sieht immer noch ein bisschen aus wie der Kunststudent, als der er 1995 an die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst kam. Nur aus seinem rotblonden Bart leuchtet eine kleine, weißhaarige Stelle hervor, wie ein kleiner Farbklecks, der nicht recht ins Bild zu passen scheint.

Es ist viel passiert in den vergangenen zwölf Monaten. Weischer, bekannt für seine mystischen, düsteren Innenräume , malt nun auf einmal Gärten. In Pastellfarben. Einen ersten Vorgeschmack davon bekamen seine Fans im Dezember im Berliner Kunstverein. "Einige waren wohl geschockt", sagt er, aber es klingt nicht so, als ob ihn das beunruhigen würde. "Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich die neuen Skizzen schon zeigen soll. Aber ich wollte sie gerne ankündigen. Dadurch verschaffe ich mir selbst auch mehr Spielraum."

Gerade hat Weischer eine umfangreiche Ausstellung seiner Werke im Gemeente Museum in Den Haag eröffnet. Natürlich könne man dabei noch nicht von einer Retrospektive sprechen, sagt Weischer, aber das Wort sei ihm trotzdem durch den Kopf geschossen. "Ich hatte das Gefühl, dass ein Kapitel abgeschlossen ist."

Weischer hat unglaublich viel gearbeitet in den letzten Jahren, "es gab Zeiten", sagt er, "da bin ich gar nicht mehr aus dem Atelier herausgekommen". Dann, im vergangenen Jahr, hat er die Tür aufgemacht und ist nach draußen gegangen, hat im Garten der Villa Massimo gesessen und hat das milde Licht zwischen den Bäumen beobachtet. In seinem Lieblingsort in Rom, einem japanischen Garten, hat er auf kleinen Leinwänden gezeichnet, erst schwarz-weiß, ganz zum Schluss kamen dann auch Farben ins Spiel.

Wie Fenster in dieses vergangene Jahr hängen nun vier großformatige Bilder an den Wänden seines neuen Ateliers. Weischer hat sie aus je zwölf dieser kleinen Leinwände zusammengesetzt, auf denen er im Park gearbeitet hat. Das ergibt einen etwas verschobenen, verfremdeten Effekt. Ein bisschen erinnert die Technik an die Werke David Hockneys, der 2004 ein Jahr lang Weischers Mentor war. "Die Innenräume, die ich vorher gemacht habe, waren ja sehr konstruiert, erfundene Sachen, die im Atelier entstanden sind", sagt er. "Das wollte ich in der Form nicht mehr weiterführen. Man wird ein bisschen blutarm, wenn man nur aus sich selbst heraus schöpft und kein wirkliches Gegenüber hat."

Der Ortswechsel habe ihm geholfen, Hockneys Rat zu befolgen und "weniger verkopft und inhaltsbelastet" an die Dinge heranzugehen. "Es war für mich ein Aha-Erlebnis, meine Motive in meiner unmittelbaren Umgebung zu finden und gleichzeitig festzustellen, dass man trotz dieser starken Begrenzung einen ungeheuren Freiraum bekommt und dabei niemals leerläuft."