Sagt es laut!, ruft der Prediger. Ich will euch alle hören: Happy Birthday, Martin Luther King! Heiterkeit erfüllt das Kirchenschiff. Die Gemeinde spricht den Glückwunsch nach, sodann bricht Beifall aus. Dies ist Atlanta/Georgia, Ebenezer Baptist Church, im Januar 2008. Sechshundert sonntagsfeine Afroamerikaner lachen und palavern, dass der weiße Gast sich hölzern fühlt. Happy Birthday? Für einen Toten?

Vierzig Jahre ist es her, dass Martin Luther King erschossen wurde, am 4. April 1968, auf dem Balkon des Lorraine-Motels in Memphis/Tennessee. Der Prediger stand damals nur wenige Meter entfernt. Jesse Jackson heißt er; 1984 war er der erste schwarze Präsidentschaftsbewerber der USA. Jetzt liest er den Predigttext. Genesis 37, der Mordplan von Josefs Brüdern: "Seht, da kommt der Träumer! Lasst uns ihn töten und in eine Grube werfen und sagen, ein böses Tier habe ihn gefressen; so wird man sehen, was seine Träume sind."

Der Träumer, der waffenlose Kämpfer Martin Luther King, wäre heute 79 Jahre alt. In der ersten Bank sitzt seine Schwester Christine. Jesse Jackson ist 66. Müde wirkt er, leicht blasiert, aber seine Predigt hat Zorn. Wider die Wucherkredite wettert Jackson: dass kleine Leute ihre Häuser verlieren und die Kommunen öffentliches Eigentum verhökern, bis die Städte verkommen – und die Menschen.

Reverend, fragen wir später, war Kings Tod das Ende der Bewegung? – Nein, sagt Jesse Jackson. Der Same trug Frucht. Wir haben heute schwarze Bürgermeister, Gouverneure, Kongressabgeordnete. Unser Kampf inspirierte Menschen in Südafrika, in Nepal…

Der Museumsführer zeigt schwarze Erfindungen: Eiszange, Feuerlöscher

Lange besaß King die Unterstützung der Präsidenten Kennedy und Johnson. Doch seit seiner Verdammung des Vietnamkriegs war er im Weißen Haus Persona non grata. Hätte er sich auf die Rassenfrage beschränken sollen? – Damals, sagt Jackson, scheute sich selbst der Kongress, Außenpolitik offen zu diskutieren. Heute können das alle Amerikaner, dank Dr. King.

Warum hatte er keine Bodyguards? – Er wollte nicht so leben, sagt Jackson. Und der Mord wäre trotzdem gelungen.

Wir werden nach Memphis fahren, an den Ort der Tat. Wir besuchen Birmingham/Alabama, wo King im Gefängnis saß. Auch ins Mississippi-Delta wollen wir. Kings Geschichte lässt sich schwerlich begreifen ohne die des Bürgerkriegs, der Baumwollplantagen, der Sklaverei, der Lynchjustiz, des Blues.

Das Apex-Museum Atlanta erzählt die schwarze Opfergeschichte. Man sieht die Menschenregale der Schiffe, die Westafrikaner als Stapelware nach Amerika verschleppten. Während der dreimonatigen Überfahrt starb oft die halbe Fracht. Haie folgten den Schiffen. Eine Knochenspur markiert die Passage auf dem Grund des Atlantiks.

Warum heißt der schwarze Museumsführer Thomas White? Die Sklaven, erklärt White, wurden nach dem Plantagenbesitzer benannt; verkaufte er sie weiter, wechselte ihr Name. Stolz präsentiert White schwarze Erfindungen: Eiszange, Sturmlaterne, Zerstäuber, Mopp, Klappstuhl, Wasserwaage, Feuerlöscher… Bei der Orgel haben wir Zweifel, nicht bei der automatischen Waggon-Kupplung. Bevor es sie gab, wurden viele Rangierarbeiter zwischen den Waggons zerquetscht. Am Ende des Museums beginnt die King-Geschichte: mit dem Nachbau des Yates & Milton Drugstore, in dem sich der junge Martin nach dem Geigenunterricht Eiscreme kaufte.

Atlanta prosperiert. Die Wirtschaft brummt, die Skyline gleißt, die Einwohnerzahl nimmt beständig zu. Unablässig jagen vom Flughafen Maschinen gen Himmel, im Aufstieg einander überholend. Vor dem neuen High Museum of Art steht Bürgertum nach französischen Impressionisten an. Alles scheint neu in Atlanta. "Die älteren, stilleren Städte", liest man schon bei Margaret Mitchell, "blickten auf den geschäftigen Neuling mit den Gefühlen einer Henne, die ein Entlein ausgebrütet hat." Im Mitchell-Haus – auch neu, da zweimal abgebrannt – residiert der alte Süden. Die Autorin von Vom Winde verweht spendete heimlich viel Geld für schwarze Medizinstudenten und ein Krankenhaus.

Mehrheitlich ist Atlanta eine schwarze Stadt, wie Birmingham, wie Memphis. Mixed blood begegnet man selten; die Segregation ist ja erst seit vier Jahrzehnten vorbei. Im Boulevard-Distrikt Atlantic Station bummelt Samstagabend Weiß mit Weiß und Schwarz mit Schwarz. Und jeden Sonntagmorgen separiert sich die Stadt wie das gesamte Land rassisch fast komplett: Punkt elf Uhr, zur Gottesdienstzeit.

Der Gottesdienst ist aus, die Gemeinde strömt heim. Um die Ebenezer Baptist Church erstreckt sich Sweet Auburn. Der alte schwarze Geschäftsbezirk erholt sich allmählich vom Niedergang der siebziger Jahre, als die besser gestellten Mieter aus- und die Drogen einzogen. Fett und süß gefrühstückt haben wir im Backstübchen von "Chef Sonya" Jones’ gerühmter Bread Company. An der Wand hing wie der Meisterbrief das Bild eines behaglich futternden Kunden: Bill Clinton. Jetzt besuchen wir Kings Elternhaus, ein geräumiges Holzgebäude wohlsituierter Bürger, mit bunten Veranda-Fenstern, Klavier und geblümter Tapete. Martin hat sein Kinderzimmer wieder mal nicht aufgeräumt. Monopoly und Baseball-Utensilien liegen auf dem Boden; doch vor allem liebte der Junge Bücher.

Hinter der Ebenezer Baptist Church erstreckt sich der Civil Rights Walk of Fame. Schuhabdrücke verewigen die Pioniere des Langen Marschs zur schwarzen Emanzipation. Gegenüber der neuen Kirche steht die alte. Hier predigte King, wie sein Vater und sein Großvater. Hier wurde 1974 seine Mutter, als sie im Gottesdienst Orgel spielte, von einem geisteskranken Schwarzen erschossen. Kings Grab ist nahebei. Auf einer kleinen Insel, blau umwässert, ruht der Marmor-Sarkophag. Seit 2006 birgt er auch die irdischen Reste seiner Witwe Coretta Scott-King. Schwarze Schulklassen und Kindergartenscharen wimmeln, strahlen in die Kamera und rufen nicht Cheeese!, sondern Kiiing!

Kings Totenfeier am 9. April 1968 dauerte fünf Stunden. 200.000 Menschen geleiteten den Sarg. King machte seine letzte Reise auf einem sharecropper- Karren, dem Transportmittel der armen Plantagenpächter. Gezogen wurde er von zwei Maultieren, Ada und Belle. So hatte er es gewollt. Das Brettergefährt ist ausgestellt, wie Kings Uhr, seine Schuhe, der Reisewecker, der Zimmerschlüssel vom Lorraine-Motel.

Dean Rawley führt uns, ein King-Historiker in Park-Ranger-Uniform. Daddy King, erzählt Rawley, versuchte anfangs, seinen revolutionären Sohn zu bremsen – natürlich vergebens, und daran war er selbst schuld. Einst ging er mit dem kleinen Martin in ein Schuhgeschäft. Der weiße Verkäufer nannte Daddy King "boy". Der rastete aus. Er brüllte, er sei ein Mann, und stürmte aus dem Laden. Auf dem Heimweg sagte er zu Martin: Ich werde mich mit der Rassentrennung niemals abfinden. Martin: Ich auch nicht.

Was für ein Mensch war King, jenseits der Heiligenlegende? – Fröhlich ist er gewesen, leichtherzig auch in der Gefahr, sagt Tom Houck, sein früherer Fahrer. Kettenraucher war er, Coretta durfte das nicht merken. A good practical joker, meistens auf Kosten von Ralph Abernathy, seinem Vize und besten Freund. Der Wassereimer über der Tür, herrlich. Ach, und das präparierte Auto, Abernathy krachte durch den Boden, King lachte sich kaputt. Ralph war fassungslos: Martin, warum hast du das getan? Martin, ich kann dir nie mehr vertrauen.

Houck, weiß, war damals Hippie mit wallendem Haar. Heute hat er Glatze, ein vitaler Sechziger mit Stentorstimme. Er schwitzt, lacht, haut auf den Tisch, dass die Gabel fliegt. Wir reden, Rippchen und Hühnerkeulen vertilgend, in Son’s Place, einem urigen Soul-Food-Restaurant. Der Kassierer läutet eine Glocke und verkündet: Mr. Tom Houck is in the house! Sämtliche Gäste johlen beifällig Uh! Uh! Uh! Der Lokalheld Houck ist es zufrieden.

Und Kings Frauengeschichten? – Mann!, brüllt Houck erheitert, hast du keine? Coretta empfing Tonnen von Anrufen des FBI, die Martin denunzieren sollten. Woran erinnere ich mich? An Streit oder Scheidung? Nein! An eine warme Familie? Ja! Liebte Dr. King seine Kinder? Ja! Sah ich Zuneigung zwischen Martin und Coretta? Ja! Okay?

Wir verlassen Atlanta. Der Greyhound-Bus rollt westwärts. Der Fahrer ruft die Verbindungen aus, im singenden Southern drawl: Tuscaloosa, Vicksburg, Dallas… An Bord sind nur Schwarze, sichtlich armes Volk. Alles schläft. Draußen winterbraune Felder, Hügel, stilles Land. Dies ist schon Alabama.

Nach drei Stunden erreichen wir Birmingham. Hier geschahen die übelsten rassistischen Exzesse. Jung ist diese Stadt, erst nach dem Bürgerkrieg gegründet, als man hier, wo sich zwei Bahnlinien kreuzten, Kohle, Eisenerz und Schwefel fand. Birmingham gab Arbeit, bei striktester Segregation und Minderstellung der Schwarzen. Die Stahlstadt ist heute nahezu Vergangenheit. Ächzend wandelte sich Birmingham und lebt nun leidlich von der Universität und der Gesundheitsindustrie. Und stellt sich seiner Geschichte. Im Civil Rights Institute dokumentiert ein Museum die Ära der Rassentrennung und des Ku Klux Klan, der hier eine Hochburg hatte. Die Stadt war berüchtigt als "Bombingham". Von 1957 bis 1962 gab es 17 Sprengstoffanschläge auf Häuser und Kirchen von Schwarzen. Die Polizei fand keine Täter. Kein Wunder: Der Polizeichef Eugene "Bull" Connor war selbst der Inbegriff des Rassismus. Wie brutal er die Segregation durchsetzte, zeigt ein Parcours drastischer Plastiken im Ingram Park: prügelnde Polizisten, Bluthunde, Wasserwerfer, eingesperrte Kinder.

Die Bombe tötete vier Mädchen – Freundinnen von Condoleezza Rice

Nahebei steht das schlichte Denkmal für Pfarrer Fred Shuttlesworth, den geistlichen Führer des schwarzen Birmingham. Er rief 1963 Martin Luther King in die Stadt. Kings Strategie der Gewaltlosigkeit wirkte am stärksten dort, wo seine Gegner gewalttätig wurden. Und falls gerade hier die Rassentrennung fiele, wäre das ein Signal für den gesamten Süden.

King kam und wurde verhaftet. Die Zelle steht im Museum. Münzen bedecken die Pritsche, von Besuchern durchs Gitter geworfen, als wäre Kings Bett ein Wunschbrunnen. Aus dem Dämmer spricht seine zorndurchglühte Stimme den Text des berühmten Briefes, den er hier verfasste: Your first name becomes nigger, your second name becomes boy, no matter how old you are, and your last name becomes John…

Kings Kampagne war nur ein Teilerfolg. Zur Wende bedurfte es der Katastrophe. Am 15. September 1963, einem Sonntag, explodierte kurz vor dem Gottesdienst vor der 16th Street Baptist Church eine Bombe. Vier schwarze Mädchen starben. Der Ku Klux Klan feierte die Tat und nannte die Opfer geschlechtskranke Huren. Erst 14 Jahre später wurde ein Täter angeklagt: Robert Chambliss, notorischer Rassist, Sprengstoff-Freak, guter Freund der Polizei.

An diesem Dienstagvormittag hat der Besucher die mächtige Kirche für sich allein. Am Ausgang sitzt Cathleen Burton, die Kirchendienerin. Wie kann man gewaltlos bleiben, wenn so etwas geschieht? – Damals war ich voll Zorn, sagt Cathleen Burton. Aber gegenseitiger Respekt ist besser, als zurückzubeißen. Sehen Sie die Kriege in der Welt. Niemand gewinnt.

Jetzt haben die USA eine schwarze Außenministerin, die zu den Architekten des Irakkriegs gehört. – Wir achten Condoleezza Rice. Sie stammt aus Birmingham. Zwei der getöteten Mädchen waren ihre besten Freundinnen.

Unvergessliche schwarze Männer treffen wir in Birmingham

Das jüngste Opfer, Denise McNair, war elf. Wir besuchen ihren Vater. Chris McNair ist 82, ein Foto-Chronist der Bürgerrechtsbewegung. In seinem Studio hat er dem toten Kind ein kleines Museum eingerichtet. Man sieht die lachende Denise, ihre Puppen, die Schuhe, das Marienkäferkleid. Wir fragen auch McNair: Wie kann man gewaltlos bleiben? – Weiße sind keine Teufel, Schwarze keine Engel, sagt er. Was mich aufregt: dass wir uns selbst umbringen. 2007 wurden in Birmingham 93 Menschen getötet, die meisten schwarz, von Schwarzen, die sie kannten. Die Drogen, die minderjährigen Mütter… Zum Abschied sagt er: Dieses Land ist nicht reif für Obama.

Unvergessliche schwarze Männer treffen wir in Birmingham. Ich hatte nie Angst, sagt der 90-jährige Colonel Stone Johnson, Pfarrer Shuttlesworth’ Bodyguard. Gott hat mir was eingepflanzt, dass ich keine Angst kenne. Erst 80 ist Fred Adams, der Direktor der Alabama Jazz Hall of Fame. Klarinette blasend, führt er altersheiter durchs Haus. Ähnlich beseelt wirkt Joe Minter. Am Stadtrand haust er, die Hütte umringt von einem grotesk überfüllten Skulpturenpark. Müllkunst, denkt man zunächst angesichts der symbolgeladenen Installationen aus Puppen, Schrott und Stein, bemalt mit Bibelzitaten. Dann begreift man, dass diesen Naiven die ganze Welt besorgt: die Atomkraft, der Niedergang der Familie, das leere Herz der Computerkinder… Wir wissen alles, sagt Minter, nur nicht, was Liebe ist. Seine Frau sitzt stumm dabei, hat das gewiss schon hundertmal gehört und liebt ihren grenzenlosen Mann.

Wir fahren weiter nach Westen. Zwei Tage sind wir im Blues-Staat Mississippi unterwegs. In Greenwood stehen wir am Grab des Ur-Bluesers Robert Johnson, den 1938 ein gehörnter Ehemann vergiftet haben soll. Bei Cleveland kreuzen sich zwei Schotterpisten: die berühmten crossroads, wo Johnson, die Sage verlangt’s, mitternachts dem Teufel seine Seele überließ, im Tausch für Gitarrenkünste. Ein kleiner Laster naht. Grinsend brüllt der Fahrer: Yessir, I’m the devil!

In Money verfällt der Laden, in dem 1955 der 14-jährige Emmett Till einer weißen Frau nachpfiff. Dafür musste der Junge sterben. Gatte und Schwager der Frau packten ihn, schossen ihm in den Kopf und warfen seine Leiche in den Tallahatchie River. Ein Geschworenengericht sprach die Mörder frei.

Räudige Katen, karges plattes Land. Hunde streunen. Baumwollfelder, Wattefetzen an den Strünken. Wir schlafen in einer Pflückerhütte, den Tallahatchie Flats, wie jede Nacht erschlagen von so viel neuer Welt. Am nächsten Abend quartieren wir in Clarksdale, dem Bethlehem des Blues. Club reiht sich an Club, ein Museum versinnlicht die Geschichte der Kummerkunst. Das spartanische Riverside Hotel war früher ein schwarzes Krankenhaus. Im Vorderzimmer verblutete 1937 nach einem Verkehrsunfall Bessie Smith. Den Korridor tapezieren Fotos der Granden des Blues. Hier hat John Lee Hooker geschlafen, sagt der Hotelier. Hier Muddy Waters. Hier Aretha Franklin.

Und in meinem Bett? – Zimmer 9? Ike Turner. Aber Tina war nicht mit.

Im Ground Zero Blues Club trinken wir mit einem weißen Hubschrauberpiloten. Jeder zweite Satz beginnt mit: Ich will nicht rassistisch klingen, aber… – Schwarze, müssen wir hören, vermüllen die Stadt, kennen keine Disziplin und sind sehr anders als Martin Luther King. Dessen Gedenktag, den dritten Montag im Januar, ignorieren im Süden viele Weiße demonstrativ. Stattdessen feiern sie die konföderierten Generäle "Stonewall" Jackson und Robert E. Lee.

Die letzte Schlacht des Bürgerkriegs fand 1962 in Oxford statt. Zum 1. Oktober immatrikulierte die State University of Mississippi James Meredith, den ersten farbigen Studenten. Um das zu verhindern, strömten aus dem ganzen Süden Tausende von Rassisten herbei. Es kam zu wüsten Tumulten, zwei Menschen starben. Präsident Kennedy schickte die Nationalgarde. 30.000 Soldaten flogen ein. In Oxford glaubte man, die Russen kämen. Ein Meredith-Denkmal auf dem Campus erinnert an diese Tage. Heute ist ein Sechstel der 18.000 Studenten farbig.

Das entzückende Oxford wirkt wie der Inbegriff eines amerikanischen College-Städtchens. Weiß glänzt das Rathaus im Winterlicht, der Säulen-Portikus macht auf Antike. Eine Gedenkstele ehrt die Konföderierten. Der Buchladen heißt Rebel Store. Die Studenten im Coffeeshop sind sämtlich weiß. Warum? Erstmals hören wir den Ausdruck self segregation . Es läuft Casey Jones von den Grateful Dead, danach Stairway to Heaven. Musik und Mode trennen die Rassen nicht weniger als ihre Geschichte.

In die Gegend um Oxford imaginierte William Faulkner das Yoknapatawpha County seiner Romane. Nahebei im Wald liegt Rowan Oak, Faulkners Haus. Hier hat der Metaphysiker des Südens von 1930 bis zu seinem Tode gelebt, getrunken und geschrieben, sogar auf die Tapete. In der Rassenfrage vertrat Faulkner einen Mittelweg. Segregation sei Unrecht, sofortige Emanzipation der Schwarzen jedoch unmöglich. Erst brauchten sie Bildung und Reife. Mit seinem Nobelpreis-Geld finanzierte Faulkner schwarze Stipendien und Kleinunternehmen. Er starb 1962. Martin Luther Kings Marsch auf Washington, sein I have a dream! hat Faulkner nicht mehr erlebt.

Nun sind wir am Ziel unserer Reise, in Memphis/Tennessee. Die herbe Stadt lagert am Mississippi wie das ägyptische Memphis am Nil. Es gibt sogar eine Pyramide. Sie wurde in den neunziger Jahren erbaut und sollte eine Konzerthalle werden. Doch die Akustik war miserabel. Nun finden hier Spektakel statt, bei denen Monstertrucks Autos zermalmen.

Wir besuchen Slave Haven, das Haus von Jacob Burkle. Der Fleischhändler, Mitte des 19. Jahrhunderts aus Schwaben eingewandert, verbarg in seinem Keller entlaufene Sklaven, denen er zur Flucht nach Norden, in die Freiheit verhalf. Das Baumwollmuseum erzählt von King Cotton, der hassgeliebten Monokultur, und wie in den dreißiger Jahren die Erfindung der Pflückmaschine den Arbeitsmarkt des Südens zerstörte. Sieben Millionen Pflücker wanderten nach Norden. Die erste Station hieß Memphis.

Memphis ist Musik. Elvis Presleys verkitschtes Graceland muss man vielleicht nicht sehen. Welch ein Kontrast zum Holzhäuslein von W. C. Handy, dem Father of Blues. Es steht am Ende der Club-Meile Beale Street. Sie wirkt mittlerweile etwas zu touristisch für den klassischen Satz der Memphis-Soul-Legende Rufus Thomas: "Eine Samstagnacht auf Beale Street, und du willst für den Rest deines Lebens schwarz sein." In B. B. Kings Club spielt allabendlich die erlesene Hausband um den Soul-Sänger Preston Shannon. Die Blues Hall beschallt der Harp-Virtuose Dr. Feelgood Potts. Vor jeder Beale-Street-Bühne steht ein Eimer. Diese großartigen Musiker leben vom Trinkgeld.

Man versäume nicht das Sun Studio, die Herzkammer des Rock n’ Roll. Elvis, Carl Perkins, Jerry Lee Lewis – sie alle begannen hier, in einer umgebauten Bäckerei. Als weiße Interpreten schwarzer Musik kamen sie zu Weltruhm. Wer zu den Quellen will, besuche das Soul-Museum im wiedererrichteten Stax-Gebäude und lausche Otis Redding, Little Milton, Booker T. & The MGs… Das Stax-Studio zählte im Memphis der sechziger Jahre zu den wenigen Orten ohne Rassentrennung. Ein anderer war das schlichte Lorraine-Motel, in dessen Pool sich die Musiker gern nach den Sessions entspannten.

Am 3. April 1968 checkte Martin Luther King im Lorraine ein. Er war nach Memphis gekommen, um den Streik der schwarzen Müllmänner zu unterstützen. Die Medien meldeten Kings Quartier, mit Zimmernummer. Am 4. April mietete sich in der Pension gegenüber ein Weißer namens John Willard ein. In Wahrheit hieß er James Earl Ray, ein Rassist, Bankräuber und Gefängnisausbrecher. Ray verlangte ein Zimmer mit Sicht zum Lorraine. Um 18.23 Uhr betrat Martin Luther King den Balkon vor Raum 306. Ein Schuss fiel, er traf King in den Hals.

Heute ist im Lorraine das National Civil Rights Museum untergebracht. Es umfasst auch das Haus, aus dem Ray schoss und entkam, bis man ihn 65 Tage später in London fasste. War Ray überhaupt der Täter? War er allein – ein Scharfschütze, der nichts vom Schießen verstand? Kings Tod ist kein kleineres Rätsel als der von John F. Kennedy, über den King 1963 sagte: Zu wissen, wer Kennedy umbrachte, ist nicht so wichtig, wie zu verstehen, was ihn umbrachte.

Ist Barack Obama der Erfüller von Kings Traum?

Am Abend hielt King in der Mason Temple Baptist Church seine letzte Predigt, die nachher klang, als habe er seinen Tod geahnt: "Wie jeder andere würde ich gern lange leben. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Ich habe das Gelobte Land gesehen."

Wir treffen einen Zeugen. Fred Davis heißt er, ein betagter Herr, der 1968 als einer von drei Schwarzen im Stadtrat von Memphis saß. Es goss in Strömen in jener Nacht, sagt Davis. King sollte gar nicht sprechen, er war im Lorraine-Motel. Ralph Abernathy stieg in die Kanzel, doch die Menge schrie ihn nieder und verlangte King. Man holte ihn…

Was ist King heute – eine Ikone oder lebendiger Geist? – Mehr eine Ikone, sagt Davis.

Ist Barack Obama der Erfüller von Kings Traum? – King, sagt Davis, hätte kein politisches Amt angestrebt. Ich fürchte, die Obama-Kampagne ist wie ein Zug, der an einem Blatt Papier vorbeirast. Der Fahrtwind lässt das Blatt flattern und fliegen, dann ist der Zug vorbei, und das Papier sinkt zurück an den alten Platz.

Das klingt fatalistisch. – Einiges wurde erreicht, sagt Davis. Die Diskriminierung ist heute weniger offen. Aber es bleiben viele Möglichkeiten, Schwarzen Nein zu sagen.

Eine Frage ist auf dieser Erinnerungsreise gewachsen: Hat King seine Ermordung einkalkuliert? – Das ganze Christentum ist doch aus einem Tod geboren, sagt Davis. Martin Luther King hat durch sein Sterben mehr erreicht, als er im Leben hätte schaffen können.

Information

Anreise:
Flug nach Atlanta etwa mit US Airways, American Airlines oder Delta Air Lines

Atlanta/Georgia: Martin Luther King Historic Site, 450 Auburn Avenue NE, www.nps.gov/malu
Apex Museum, www.apexmuseum.org
Margaret Mitchell House and Museum, 990 Peachtree Street, www.gwtw.org . Es ist Teil des Atlanta History Center, www.atlhist.org

Birmingham/Alabama:
Birmingham Civil Rights Institute, 520 16th Street North, www.bcri.org
Alabama Jazz Hall of Fame, 1631 4th Avenue North, www.jazzhall.com

Clarksdale/Mississippi:
Theo’s Rock ’n’ Roll & Blues Heritage Museum, 113 East Second Street, Clarksdale, www.rockmuseum.biz

Oxford/Mississippi:
Oxford Convention & Visitors Bureau, www.oxfordcvb.com

Memphis/Tennessee:
Heritage Tours, www.heritagetoursmemphis.com National Civil Rights Museum, 450 Mulberry Street, www.civilrightsmuseum.org
Cotton Museum, 65 Union Avenue, www.memphiscottonmuseum.org

Auskunft:
Für Reisen in die Staaten Georgia, Alabama, Mississippi und Tennessee: Deep South USA, Horstheider Weg 106a, 33613 Bielefeld, Tel. 0521/9860415, www.deep-south-usa.de , www.georgiaonmymind.de