Die Feuermelder – Seite 1

Mörfelden-Walldorf - Sie haben es wieder getan. Wieder haben unbekannte Deutsche Feuer gelegt, wieder bei Türken. Der Brand in einem Haus im baden-württembergischen Backnang am vergangenen Wochenende ist für viele Deutschtürken nur der vorerst letzte Beweis einer These, die sich längst zur Gewissheit verdichtet hat: dass ihre Bevölkerungsgruppe derzeit Opfer einer Welle rechtsradikal motivierter Mordanschläge wird, wie es sie in diesem Ausmaß nie gegeben hat. Köln (11. Februar), Aldingen (14. Februar), Gelsenkirchen (15. Februar) … – allein 17 Brände mit überwiegend unbekannter Ursache zählte die bei Frankfurt erscheinende Europa-Ausgabe der türkischen Zeitung Hürriyet ihren Lesern Anfang März auf. Es war der Tag, an dem ein deutscher Staatsanwalt und ein von der türkischen Regierung entsandter Experte das vorläufige Ergebnis ihrer Ermittlungen zu dem verheerenden Brand in einem von Deutschtürken bewohnten Haus in Ludwigshafen bekannt gaben, der am 3. Februar neun Menschen das Leben gekostet hatte. Die Ursache des Brandes hatte sich nicht klären lassen, aber für einen Anschlag sprach nichts. Die Redaktion der Hürriyet, die ihren Lesern die Geschichte vom Feuer in Ludwigshafen als Mordanschlag verkauft hatte (Sie haben uns verbrannt), war widerlegt.

Seit dieser Pressekonferenz am 4. März scheinen Deutsche und Türken mehr als je zuvor in parallelen Wirklichkeiten zu leben. Aus deutscher Sicht gab es eine Brandkatastrophe, verursacht wahrscheinlich durch Fahrlässigkeit, und hysterische Reaktionen türkischer Medien. Aus türkischer Sicht gibt es eine Serie von Anschlägen, die andauert und von deutscher Seite ignoriert, wenn nicht gefördert wird. »Die Deutschen assimilieren die Türken«, behauptet ein Kolumnist in der Hürriyet, und »wo sie es nicht können, verbrennen sie sie«.

Hürriyet wird, wie auch die anderen türkischen Zeitungen hierzulande, in der hessischen Kleinstadt Mörfelden-Walldorf produziert, in unmittelbarer Nähe des Frankfurter Flughafens, von wo aus die gedruckten Exemplare in weite Teile der Welt verfrachtet werden. Der Weg zu Chefredakteur Halit Çelikbudak führt durch eine vergitterte Schleuse und einen mit Nato-Draht bewehrten Zaun – selbst in der entlegenen Kleinstadt hat Hürriyet sich eingeigelt. Çelikbudak ist Mitte 50, ein kleiner, lebhaft gestikulierender Mann. Er hat seine Kindheit zum Teil in Deutschland verbracht und an der Universität Stuttgart am Lehrstuhl für Maschinenbau geforscht, ehe er Journalist wurde. Was die Brandberichterstattung seiner Zeitung betrifft, ist der Chefredakteur sich keiner Schuld bewusst. Gab es all die Feuer etwa nicht? »Wenn es in einem von Türken bewohnten Haus brennt«, sagt er, »dann erwarten unsere Leser von uns, dass wir darüber berichten.«

Aber darf man aus Feuern mit ungeklärter Ursache eine Serie von Verbrechen konstruieren? Die Feuermelder der Hürriyet zählen mittlerweile 43 Wohnungsbrände binnen zweier Monate – das, argumentiert Halit Çelikbudak, liege »außerhalb des statistisch Erwartbaren«. Eine erstaunliche Behauptung, zumal für einen Journalisten, der in einem früheren Leben einmal Wissenschaftler war. Ein Anruf beim Deutschen Feuerwehrverband in Berlin genügt, um herauszufinden, dass es beispielsweise im Jahr 2006 in Deutschland 187604 Brandeinsätze der Feuerwehr gab. Selbst wenn man die Hälfte dieser Zahl für brennende Papierkörbe und ähnliche Petitessen abzieht, die mitgezählt wurden, bleiben gut 250 Wohnungsbrände – pro Tag. Bei ungefähr drei Prozent Einwohnern türkischer Herkunft müsste es demnach an einem durchschnittlichen Tag auch in etlichen türkischen Haushalten brennen.

Nun wäre es ungerecht, Hürriyet an den Maßstäben der deutschen Qualitätspresse zu messen. Das Blatt ist eine türkische Bild- Zeitung, mit bunten Bildern und großen Buchstaben, mit dem türkischen Popstar Sertab Erener auf Seite 1 und dem amerikanischen Weltstar Paris Hilton auf Seite 2. Zudem ist Hürriyet vor allem eine türkische Zeitung. In Mörfelden-Walldorf entsteht nur der Europa-Teil im Inneren des Blatts, und die Verantwortung für diese Seiten muss sich Halit Çelikbudak mit einem Kollegen in Istanbul teilen. Für die Kolumnen der türkischen Starjournalisten mit ihren grotesken Verurteilungen der deutschen Politik (»Der deutsche Staat betreibt Türken gegenüber einen bewussten ›Faschismus‹«) kann er nichts. Und auch die Internetkampagne der Hürriyet an die Adresse der Bundesregierung, die endlich den »zunehmenden Gewalttaten gegen die Wohnhäuser von Ausländern« ein Ende machen solle, wird aus der Türkei gesteuert.

Andererseits ist Halit Çelikbudak sich seines eigenen Einflusses durchaus bewusst. »Hürriyet ist mehr als eine Zeitung«, sagt er stolz. »Sie ist eine Institution.« Zwar erreicht die Auflage der europäischen Ausgabe mit ihren 60.000 Exemplaren gerade das Niveau einer kleinen Lokalzeitung, aber im Schnitt findet jede Ausgabe immerhin 230.000 Leser. »In fast jedem türkischen Café, in fast jeder Dönerbude liegt eine Hürriyet«, sagt der Chefredakteur. » Die liest jeder.«

Nutzt er seinen Einfluss für eine antideutsche Kampagne? Wer mit Halit Çelikbudak über die Lage seiner Landsleute und die Versäumnisse der deutschen Integrationspolitik spricht, der wird diesen Verdacht abwegig finden. »Wir wollen mit unserer Berichterstattung auch einen Beitrag für die Integration leisten«, sagt er, und das darf man ihm glauben. Die wirkungsvollste Initiative gegen die Gewalt in türkischen Ehen dürfte eine Kampagne seines Blattes gewesen sein. Und regelmäßig ermuntert Hürriyet die Deutschtürken zu mehr Bildungseifer und insbesondere zum Erlernen der deutschen Sprache.

Die Feuermelder – Seite 2

Wahrscheinlich gibt es für die Parallelwelt im türkischen Medienghetto von Mörfelden-Walldorf eine recht triviale Erklärung: eine Atmosphäre des Misstrauens zwischen Deutschen und Türken, in der noch die abwegigste Verdächtigung plausibel erscheint – und Mangel an Professionalität. Dass etwa die deutschen Zeitungen über die einzige unbestreitbar politisch motivierte Tat in der vermeintlichen Serie von Verbrechen, einen Brandanschlag bei Marburg, zunächst nicht berichtet hätten, wie Çelikbudak angesichts der Kritik an seinem Blatt in einem hilflosen Versuch der Gegenwehr öffentlich behauptete – das glaubt er offenbar wirklich. Und das umfangreiche Material zum Beweis des Gegenteils, die ausführlichen Berichte in der Lokalpresse, die Agenturmeldungen und die Zweispalter der überregionalen Zeitungen, die allesamt unmittelbar nach dem Anschlag erschienen, nimmt er erkennbar verblüfft zur Kenntnis.

Werden deutsche und türkische Zeitungsleser zu einer gemeinsamen Deutung der Wirklichkeit zurückfinden? Viel spricht dafür. Die meisten Leser türkischer Zeitungen nutzen auch deutsche Medien; viele von ihnen begegnen ihren Blättern zudem mit der gesunden Skepsis erfahrener Leser der Boulevardpresse. Und die Auflage von Hürriyet sinkt schon seit Jahren.