Da wurde er längst als Karikatur seiner selbst gehandelt, als ein sich dem Pensionsalter nähernder Deutschrockveteran, der mit Hut und Brille in seinem Dauerwohnsitz Atlantic-Hotel Hof hält, bisweilen das Weltgeschehen verschnuschelt kommentiert und auf dem besten Wege zu sein schien, eine Hamburger "Institution" wie Heidi Kabel oder Freddy Quinn zu werden. Und dann das: Acht Jahre nach seinem letzten Studioalbum kehrt der Vorruheständler Udo Lindenberg zurück in die Manege und legt mit Stark wie Zwei eine 14-Stücke-CD vor, die alle seine nicht weniger gewordenen Spötter zu reger Abbitte zwingt.

Ausgeklügelt produziert von Andreas Herbig und musikalisch unter anderem unterstützt von Annette Humpe, Helge Schneider, Till Brönner oder Jan Delay, feiert Udo Lindenberg ein Comeback, das sich gewaschen hat. Ob er, wieder einmal, über die Fallstricke übermäßigen Whisky- und Wodka-Konsums räsoniert (Nasses Gold), Altersvitalität feiert (Der Greis ist heiß), männliche Liebesblockaden fixiert ("Vergiss nie, wir haben einen Deal: / Ich lieb dich nur ein bisschen, aber nicht zu viel"), das sich einschleichende Gift der Vergänglichkeit benennt (Was hat die Zeit mit uns gemacht) immer wieder gelingen dem Hermann-Hesse-Liebhaber überraschende Ausblicke, musikalisch wie textlich, und immer wieder spürt man den Willen, allen Hasenherzen der Szene noch einmal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Dass Lindenberg sich dabei nicht mehr als kreativer Solitär darstellt und seine zahlreichen Unterstützer ordnungsgemäß aufführt, steht ihm gut zu Gesicht.

Natürlich klopft sich das kaum anders als autobiografisch zu lesende Ich der Texte mitunter allzu kräftig auf die Schultern ("Was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal. Ich mach mein Ding") so als hätten es unangepasste Einzelgänger nötig, zu betonen, dass sie unangepasste Einzelgänger sind. Und wenn Elder Statesman Lindenberg in Interview mit Gott flotte Sprüche über die verderbte Welt macht, dann steht der Besserwisser dem Musiker im Weg. Da verharrt man lieber bei eingängigen Stücken wie Ich zieh meinen Hut oder Wenn du durchhängst, die schon jetzt so klingen, als würde man sich in zwanzig Jahren freudig und gern an sie erinnern.

Hier entsteht jene selten gelingende Mischung, die alle schnoddrigen Macho-Attitüden fallen lässt, Lebenszwischenbilanzen ohne falsche Töne zieht und rechtzeitig Widerhaken setzt. Und natürlich ist da der Titelsong Stark wie Zwei, der kein simples Beziehungsglück beschreibt, sondern die Kraft, die vielleicht sogar der Tod der Geliebten zu geben vermag. Heißt es anfangs "Der Tod ist ein Irrtum, ich krieg das nicht klar", so schlägt der Song allmählich um und macht Mut, der nicht aus dem Plattitüdenarsenal von Lebenshilfewochenendseminaren entspringt: "Stark wie Zwei. Du bist wie schon so oft ein Pionier. Du reist jetzt schon mal vor, und irgendwann, dann folg ich dir." Damit möge sich der dem Jungbrunnen entstiegene Altmeister Udo Lindenberg bitte Zeit lassen.

Udo Lindenberg: Stark wie Zwei, Starwatch Music/Warner