Ich kann das nicht machen, verstehst du? Es geht nicht. Ich habe drei Telefone. Eins zu Hause, eines im Büro und natürlich das Handy. Moment – da ist ja noch das alte Handy. Ich weiß gar nicht, ob das noch funktioniert. Jedes Telefon hat jedenfalls eine Anrufbeantworterfunktion, eine davon habe ich abgeschaltet, bei dem anderen Telefon weiß ich nicht genau, ob der Anrufbeantworter noch geht.

Dann habe ich drei E-Mail-Adressen, oder vier, jeden Tag fließen da gurgelnd E-Mails hinein. In meinem Büro habe ich 1500 E-Mails gespeichert, ich weiß nicht, warum. Das ist einfach so passiert. Das ist wie mit Schulden. Irgendwann denkt man, wenn man Schulden hat, Mann, ich habe so viele Schulden, es bringt eh nichts mehr, was dagegen zu tun. Ich verdränge meine Schulden und lebe einfach weiter. So ist es auch mit mir und den 1500 EMails. Da fällt mir meine Lieblings-Songzeile von Prince ein: Forever is a mighty long time.

Von meinem Computer zu Hause versuche ich immer, die E-Mail-Adresse im Büro abzufragen, manchmal funktioniert es, manchmal nicht, es scheint mit dem Wetter zusammenzuhängen. Ein Teil der Post geht noch in die alte Wohnung, ein Teil in die neue. Das sind acht Kommunikationskanäle, die zu mir führen, und dadurch ist es nicht einfacher geworden, sondern schwieriger.

Wenn jemand mir sagt, hey, ich habe dir doch das und das geschickt, oder, hallo, was ist jetzt, dann muss ich acht Adressen checken, um zu verstehen, was gemeint ist. Ja, sicher, das geht allen so. Ich bin noch in einer Welt aufgewachsen, wo es für jeden einen Briefkasten gab und ein Telefon, und das war’s. Ich bin wie eines von diesen Tieren, die sich dem Klimawandel anpassen müssen, wie der Eisbär oder der Schwarzstorch. Wenn ich lese, dass es immer mehr Parteien gibt, jetzt fünf, und dass dadurch Mehrheitsbildungen kompliziert werden, dann lache ich, ich wäre doch froh, fünf Kommunikationskanäle, das ist doch relativ unkompliziert. Ich habe ganz vergessen, dass ich neuerdings auch E-Mails auf dem Handy empfangen kann.

Jetzt heißt es, jeder muss eine Homepage haben. Alle haben Homepages, Autoren sowieso, aber auch Kinder. Kleine Mädchen zeigen auf Homepages die Fotos von ihrem Lieblingspferd oder wie die Katze Junge gekriegt hat. Sie sagen alle: "Eine Homepage muss man pflegen, die Homepage will gepflegt sein." Ich pflege schon meine Wohnung, mein Parkett, meine Pflanzen, meinen Körper, meine Beziehungen, die Katze, meine Erinnerungen, meine Vorurteile, ich pflege meine Zähne, ich nehme auch Zahnseide, aber eine Homepage pflege ich nicht auch noch, sorry, ich kann das nicht machen. Die Leute sagen, sie können ihre alten Eltern nicht pflegen – aber sie pflegen fast alle irgendwo eine Homepage, wie moralisch krank ist diese Gesellschaft eigentlich?

Dann ist mir diese verdammte Sache mit dem Bergwerk passiert. Ich hatte den Film über das Unglück gesehen, ich erinnere mich an den Film genau. Ich habe gedacht, ich kenne mich aus, ich war unkonzentriert, oder zu selbstgewiss, ich habe geschrieben: "Das Kohlebergwerk von Lengede". Es ist aber ein Eisenbergwerk. Jawohl, es tut mir leid. Jetzt habe ich überall E-Mails aus Lengede, Briefe aus Lengede, Anrufe aus Lengede. Auf acht Kanälen! Wenn ich den Anrufbeantworter anschalte, höre ich: "Hier Familie Schmitt aus Legende. Es ist ein Eisenbergwerk." Woher haben diese Menschen meine Nummer? Muss denn jeder, wirklich jeder in Lengede die Kolumne lesen? Ich habe das nicht gewollt, ich bin da hineingeschlittert. Es ist ein Eisenbergwerk. Weiß Gott, das ist es.

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